Narrenschiff

Städtischer Hindernislauf

Die Festival-Saison neigt sich dem Ende entgegen. Die Partyzelte sind abgebaut. Ich kann den Blick über die Plätze und Gassen in Schaffhausen wieder ziemlich frei schweifen lassen. Meine Wohnung ist auch nicht länger der Geruchsbelästigung durch Street-Food-Festivals ausgesetzt. Ich kann wieder Appetit entwickeln.

Stadtluft macht frei, heisst es. Die städtischen Plätze und Gassen können damit nicht gemeint sein, denn ein freier Fronwagplatz ist ein so rares Ereignis wie eine freie Bahnhofshalle in Zürich. Mir macht das nichts aus. Das gehört zu einem lebendigen Stadtleben. Und das Nach-Hause-Schlängeln fördert die Beweglichkeit.
Schwierig wird es für mich erst, wenn die freie Stadtluft politisch oder moralisch wird. Dann wird der Slalom zur Belastung. Wahrscheinlich hätte es sich doch gelohnt, mehr Zeit mit Hit & Run-Spielen zu verbringen, dann wäre ich jetzt weniger hüftsteif unterwegs.

Grundsätzlich bin ich keiner Diskussion abgeneigt. Aber Strassenumfragen machen mit meiner Kommunikationsfreude, was ein Apéro riche mit meinem Appetit macht. Beides wird
augenblicklich abgestellt.
Ich habe keine Lust, einem Kandidaten auf offener Strasse zu erklären, weshalb ich ihn ganz sicher nicht wählen werde. Und ich habe noch weniger Lust, einer Kandidatin zu erklären, weshalb ich sie bereits gewählt habe. Da hilft auch ein Gipfeli mit Flyer nicht weiter.

Wenn sich mir nicht die Politik in den Weg stellt, dann sicher irgendeine Organisation mit einem extrem wichtigen Anliegen. Und schon wieder fühle ich mich bedrängt und ziehe mich ins Schneckenhaus zurück. Wo ich dann mit meinem schlechten Gewissen hadere, weil mich offenbar das Elend hungernder Kinder nicht interessiert und mir die Umwelt keine Minute wert ist. Ich lasse die Humanität links liegen und die Menschlichkeit rechts, während ich gesenkten Hauptes an all jenen Missionaren vorbeidüse, die an mein Gewissen appellieren.
An ganz schlechten Tagen steigt sogar noch ein leiser Zorn in mir auf. Was fällt all diesen Wegelagerern ein, mir ein schlechtes Gewissen zu verpassen. Ich habe kein Auto, fliege schon lange nicht mehr, mir ist das Elend in dieser Welt nicht egal, ich bemühe mich um Solidarität, und ich gehe auch ziemlich gut informiert wählen.

Am Ende des Hindernislaufs staune ich immer wieder über mich selbst: Weshalb stressen und nerven mich jene Missionare am meisten, die mich zu etwas bekehren wollen, von dem ich bereits überzeugt bin? Ich weiss es nicht. Jedenfalls werde ich unwillkürlich zum Rebellen, wenn ich an die Leine gelegt werde, obwohl ich bereits ganz brav mitlaufe. Deshalb haben es Missionare bei mir schwer. In erster Linie bewirken sie, dass sich meine Meinung ganz schnell von ihnen wegbewegt.

Text: Thomas Binotto