Schwerpunkt

Von der Provokation zum Dialog

Im Interview mit Christian Rutishauser wird die Debatte angesprochen, die ein Beitrag des emeritierten Papstes Benedikt XVI. ausgelöst hatte. Worum ging es dabei? Und wie hat sie sich entwickelt?

Im Juli 2018 wurde von Josef Ratzinger/Benedikt XVI. in der Fachzeitschrift «Communio» eine «Anmerkung zum Traktat ‹De Judaeis›» mit dem Titel «Gnade und Berufung ohne Reue» veröffentlicht. In diesen «Anmerkungen» ging es ihm vor allem um zwei Denkfiguren, die die neue Sicht des Zweiten Vatikanischen Konzils zum Ausdruck bringen. Die eine hält fest, dass die Kirche nicht das Judentum ersetzt. Die zweite, dass der Bund mit dem Volk Israel nie gekündigt wurde. In seinen Ausführungen argumentiert Josef Ratzinger, dass diese Denkfiguren im Grunde richtig seien, aber doch in vielem ungenau, und deshalb kritisch weiter bedacht werden müssten.
So habe es eine «Substitutionstheorie» – also die Vorstellung, die Kirche sei an die Stelle Israels getreten – «als solche nicht gegeben». Auch die Frage des «nie gekündigten Bundes» zwischen Gott und den Juden – eine Aussage, die auf Johannes Paul II. zurückgeht – verlangt laut Benedikt XVI. nach Differenzierungen.

Der Schweizer Jesuitenprovinzial Christian Rutishauser kommentierte damals, damit werde «christliche Identität auf Kosten der jüdischen formuliert». Obwohl Benedikt betone, die Neuausrichtung nach dem Konzil sei grundsätzlich richtig, höhle er sie hier weitgehend aus.
Der Berliner Rabbiner Walter Homolka spitzte dies in einem Vortrag zu mit der Bemerkung: «Wer die Rolle des Judentums so beschreibt, baut mit am Fundament für neuen Antisemitismus auf christlicher Grundlage!» In der «Zeit» fügte er hinzu: «Dem Verfasser bedeutet das lebendige Judentum von heute nichts. Für ihn ist das Judentum lediglich eine Vorform des Christentums, eine Reminiszenz. Aus der Gemeinsamkeit der Schrift erwächst keine substanzielle Nähe zwischen Juden und Christen.»
Ebenfalls in der «Zeit» äusserte sich der Salzburger Theologe Gregor Maria Hoff, der auch Berater der Vatikan-Kommission ist. Mit seinen Ausführungen erweise sich Benedikt als «blind gegenüber der Ideologiegeschichte seiner Kirche und macht sie anschlussfähig für religiösen Antijudaismus», betonte er.

Arie Folger, bis Juni 2019 Wiener Oberrabbiner, schrieb in der «Jüdischen Allgemeinen», er empfinde den Aufsatz als einen «Text, der von einem bedeutenden, konservativen katholischen Theologen für den internen Gebrauch des Vatikans geschrieben wurde und daher nicht an Massstäben des öffentlichen und interreligiösen Diskurses gemessen werden sollte».
«Nicht nachvollziehbar» sei für ihn auch die Kritik daran, dass nach Meinung Ratzingers auch Juden nur dank Jesu zum Seelenheil gelangen können: «Was erwarten wir von einem Papst? Erwarten wir Juden tatsächlich, dass die Kirche das Judentum als legitimen Umweg um die kirchliche Lehre herum akzeptieren muss?» 

Gleichwohl sieht auch Folger kritische Punkte: So sei die These Benedikts, dass die Substitutionstheorie nie Teil der kirchlichen Lehre gewesen sei, ein «ahistorischer Revisionismus, der das reale Leid ignoriert, das wegen der Doktrin von ‹Verus Israel› Juden jahrhundertelang angetan wurde». «Sehr problematisch» sei auch Benedikts Vorschlag, dass Christen Juden belehren sollten, wie die relevanten Stellen in der hebräischen Bibel christologisch zu verstehen seien. 

Die teilweise heftige Kritik veranlasste Benedikt XVI. zu einer Klarstellung und Differenzierung seiner Aussagen, die in der September-Ausgabe der Zeitschrift «Herder Korrespondenz» erschien. Im Dezember wurde schliesslich in «Communio» ein Briefwechsel zwischen Benedikt XVI. und dem Wiener Oberrabbiner Arie Folger veröffentlicht, der weiter zur Versachlichung und Präzisierung beitrug. Aus der – zumindest empfundenen – Provokation war wieder der erhoffte Dialog geworden.

Im Januar 2019 schliesslich traf sich eine Delegation der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands mit Benedikt XVI. in Rom. Danach erklärte der Stuttgarter Rabbiner Yehuda Pushkin, die Missverständnisse zwischen beiden Seiten seien ausgeräumt.
Der Darmstädter Rabbiner Jehoschua Ahrens betonte gar, auch die Kontroverse um Benedikt XVI. zeige, «dass es konstruktiv weitergeht, dass so etwas keine Dellen hinterlässt». Höhen und Tiefen im katholisch-jüdischen Dialog seien «ganz normal». Heute seien die Beziehungen so gut wie nie zuvor.

Text: kath.ch / bit

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