100 Jahre Frauenbund

Arsema Lema (37)

Der Katholische Frauenbund Zürich wurde vor 100 Jahren gegründet. Für jedes Jahrzehnt ein Frauenporträt.

«Meine Mutter hat zwölf Kinder. Obwohl wir aus derselben Familie kommen, sind wir nicht alle gleich.» Arsema Lema ist in Äthiopien geboren. Dass Kinder einer Familie unterschiedlich sind, ist für sie ein Vergleich für das, was sie in der Schweiz erlebt hat. Als sie 2002 ankam, beobachtete sie Leute, die im Tram nicht neben ihr sitzen wollten. «Ich habe gelernt, zu unterscheiden: Nicht alle hier sind so. Es sind einzelne Menschen. Jeder hat einen anderen Charakter, wie in einer Familie.» 

Die Möglichkeit, über ihre Erfahrungen zu sprechen und darüber nachzudenken, gab ihr eine Frauengruppe, an der sie regelmässig teilnahm. Den Hinweis auf diese Frauengruppe hatte sie damals bei tandem bekommen, der Beratungsstelle des Katholischen Frauenbunds Zürich für Frauen in belastenden Situationen. Von 2006 bis 2018 etwa war Arsema Lema eine von ihnen. Kinderbetreuung, Wohnungssuche, erste Erfahrungen im Arbeitsleben, Deutsch lernen, Kontakte knüpfen: «Sie haben mich immer wieder gefragt, was ich brauche. Dann haben sie mir Tipps gegeben, wie ich das erreichen kann. Das ist, wie wenn ein Knopf im Kopf aufgemacht wird.» 

Kommuniziert wurde damals auf Englisch, so gut das ging, sonst mit Händen und Füssen. «Bei tandem ist das Besondere, dass sie ein Herz für Menschen haben. Da muss man manchmal gar nicht reden.»
Heute geht es immer besser mit dem Deutschsprechen. Die Kinder sind vierzehn und elf Jahre alt, fühlen sich wohl in der Schule. Seit 2017 ist die Familie in der Schweiz eingebürgert. Und, Arsema Lema hat Arbeit. Als Köchin in einer Kindertagesstätte und als Reinigungskraft im Büro des Frauenbunds. 

Mit dem Putzen hatte alles angefangen. Erste Erfahrungen. Dann die Möglichkeit zu einem Praktikum als Köchin in einer Kita. Nach drei Monaten eine Festanstellung. Nach vier Jahren die Kündigung wegen Umstrukturierung.  «Sie haben mir ein gutes Zeugnis gegeben. Dadurch habe ich nun eine neue Arbeit gefunden.» Arsema Lema kocht gern und weiss, wie wichtig es wäre, bald auch eine Ausbildung dafür zu haben: «Viele schauen lieber auf das Zertifikat.»

Neben Arbeit und Familie bleibt der Frauenbund ein Teil ihres Lebens. Arsema Lema möchte nun ihrerseits Freiwilligenarbeit bei tandem leisten: Sie möchte eine Familie begleiten, die es schwer hat, vielleicht sogar eine, die erst kürzlich in der Schweiz angekommen ist. 

Fragt man sie nach dem Frauenbund und dessen 100. Geburtstag, zeigt sich Arsema Lemas Begeisterung: «Sie haben so viel gemacht für mich als Frau und als Mutter. Ich wünschte, sie würden das auch für Frauen in Äthiopien machen können. Wer denkt denn sonst an die Mütter?»

Text: Veronika Jehle