Schwerpunkt

Ein riesiges Haus für alle

Die Giesserei in Winterthur gilt als Vorzeigeprojekt für das Zusammenleben zwischen Jung und Alt. Sechs Jahre nach dem Einzug sind erste neue Beziehungen zwischen den Generationen geknüpft – und einige Konflikte überstanden.

Im Brunnen planschen Kinder, zwei Väter unterhalten sich übers Bierbrauen, eine ältere Frau verfolgt von ihrem hoch oben gelegenen Balkon das Geschehen im Innenhof. Die Stimmung in der Siedlung Giesserei in Oberwinterthur ist an diesem Sommernachmittag idyllisch und passt zum Selbstbild dieses Quartiers, das mehr sein will als seine zwei über 100 Meter langen Reihen von farbigen Holzhäusern.
Die Vision: Jung und Alt sollen auf engem Raum zusammenleben, sich für die Gemeinschaft engagieren, zueinander schauen und sich bei Bedarf auch helfen. Eine Art riesiges Mehrgenerationenhaus also, mit total 350 Bewohnern und ähnlich vielen unterschiedlichen Bedürfnissen. Kann das funktionieren?

Den Zeitgeist getroffen
Am Anfang stand eine Annonce. «Veränderte Lebensumstände + neue Interessen = neue Wohnbedürfnisse». Diese Worte liess ein Architekt im September 2005 in mehreren Zeitungen drucken. Mit der Idee für ein Mehrgenerationenprojekt traf er offenbar den Zeitgeist. Denn es meldeten sich zahlreiche Interessenten, die daraufhin einen Hausverein gründeten, ein Grundstück fanden und sich der Genossenschaft Gesewo anschlossen. Im Frühjahr 2013, bloss acht Jahre nach Erscheinen des Inserats, hielten 151 Parteien bereits die Schlüssel für ihre Wohnungen in der Hand.

Der Bau der Giesserei ist eine Erfolgsgeschichte. Damit dies auch für das Zusammenleben der Bewohner gilt, traf man bereits beim Bau einige Massnahmen. So sind etwa die Balkone der beiden langgezogenen Wohnblöcke auf der ganzen Länge miteinander verbunden. Manche haben die schmalen Durchgänge mit Gartenpflanzen zugestellt. Andere wie etwa Yvonne Lenzlinger (78), die mit ihrem Mann in einer Dreizimmerwohnung lebt, lassen sie offen. «Unsere Nachbarn haben kleine Kinder. Wir haben die Abmachung, dass die beiden jederzeit an unser Fenster klopfen dürfen», erzählt sie und ergänzt: «Wir dürfen aber jederzeit auch Nein sagen.»
Auch mehrere gemeinschaftlich genutzte Räume, Werkstätten, Waschbars, Gärten und Spielplätze sollen die Menschen im Quartier zusammenbringen, genauso regelmässige Anlässe wie etwa der «Zischtigsclub», wo jeder etwas zu essen mitbringt und man hinterher gemeinsam abwäscht.

Matthias Ganz nutzt mit seiner zweijährigen Tochter Clara gerne den grossen Spielplatz.

Matthias Ganz nutzt mit seiner zweijährigen Tochter Clara gerne den grossen Spielplatz. Foto: Manuela Matt

Kurt Schwob giesst gerne Pflanzen, auch bei den Nachbarn. Er hat es dafür nicht so mit den Werkarbeiten.

Kurt Schwob giesst gerne Pflanzen, auch bei den Nachbarn. Er hat es dafür nicht so mit den Werkarbeiten. Foto: Manuela Matt

Im Innenhof der Siedlung.

Im Innenhof der Siedlung. Foto: Manuela Matt

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Einzigartig macht das Wohnprojekt aber etwas anderes: Die Siedlung verwaltet sich selbst. Einen Hauswart gibt es nicht, stattdessen teilen sich die Bewohner die Arbeiten auf. Jeder ist verpflichtet, 30 Stunden pro Jahr für die Gemeinschaft zu leisten – vom Jäten im Garten, Putzen der Treppenhäuser bis zur Pflege der Webseite oder der Mitarbeit im Vorstand. «Mit Ausnahme des technischen Unterhalts wie etwa des Liftes erledigen wir alles selber», sagt Bewohner Kurt Schwob (78) nicht ohne Stolz. Was zu tun ist, bestimmt der Vorstand oder die Vereinsversammlung. Die Arbeiten werden im Intranet aufgelistet, wo sich die Bewohner eintragen können. Wer Ende des Jahres sein Stundensoll nicht erreicht, bezahlt 20 Franken pro Stunde.
Bewohnerin Maria Frantzis (38) ist überzeugt, dass diese sogenannten «Giessereistunden» für einen stärkeren Zusammenhalt sorgen: «Das Engagement bricht die Anonymität und schafft Nähe zu den Nachbarn», sagt sie. Und Kurt Schwob ergänzt, dass dadurch eine Art «natürliche Nachbarschaftshilfe» entstanden sei, die über die Pflicht zur Mitarbeit hinausgehe. Als Beispiel nennt er den Fall einer alleinstehenden älteren Frau in seinem Haus, die krank geworden sei. «Wir Nachbarn wechselten uns mit Besuchen ab. Jeden Morgen, Mittag und Abend ging jemand vorbei», erzählt er und ergänzt: «So oft, dass es ihr am Ende fast zu viel war.»

Eine soziologische Studie, die das Quartier in den ersten Jahren nach dem Bezug begleitete, bestätigt, dass die Nachbarschaftshilfe in der Giesserei sehr gut funktioniert – was unter anderem auch auf die Selbstverwaltung zurückzuführen sei. Als «wahrscheinlich einmalig für ein Neubauprojekt dieser Grösse» beurteilt die Studie den hohen Anteil an Bewohnerinnen und Bewohnern über 65 Jahre.

Auch Streit gehört dazu
Was ein Plus ist, ist allerdings auch ein Risiko: Weil das Quartier stark von Rentnerinnen und Rentnern geprägt wurde, kam es zu Konflikten mit Jüngeren. Der offene Streit um den Spielplatz, den Eltern mit viel Engagement bauten, der aber einigen älteren Nachbarn ein Dorn im Auge war, sitzt noch heute vielen im Nacken. Und auch die «Pantoffelbar», ein Gemeinschaftsraum im fünften Stock ganz im Südwesten der Siedlung, führte zu heftigen Diskussionen. Jugendliche hatten den Raum für abendliche Privatpartys mit bis zu 60 meist quartierfremden Gästen benutzt, den Rest kann man sich denken.
Wo Menschen nahe zusammenleben, gibt es Reibungen. Das ist auch in der Giesserei nicht anders. Entscheidend wird sein, ob die Gemeinschaft aus den Erfahrungen der ersten Jahre lernt und es schafft, die unterschiedlichen Bedürfnisse gleichwertig zu behandeln. «Es ist ein dynamisches Projekt, das noch jung ist und dem man Zeit geben muss», sagt Maria Frantzis, die sich Teilzeit im Vorstand der Gesewo engagiert. Der Anfang ist gemacht: nach dem Konflikt rund um die «Pantoffelbar» wurden einerseits Benutzungsvorschriften eingeführt, um die Nachbarn vor nächtlichem Lärm zu schützen. Andererseits gründete der Hausverein aber auch eine Jugendgruppe. «Jugendliche haben hier noch nicht die Räume, die sie brauchen», erklärt Kurt Schwob.

Dass eine Mehrgenerationensiedlung auch die Interessen von Jüngeren berücksichtigen muss, ist auch das Fazit der soziologischen Studie. Denn jüngere Menschen, die beruflich und privat stark ausgelastet sind, mögen den Austausch mit Älteren zwar schätzen. Es sind aber meist andere Gründe, warum sie hierherziehen. «Dass es sich um ein selbstverwaltetes Mehrgenerationenprojekt handelte, spielte für uns nicht so eine grosse Rolle», sagt Matthias Ganz (34), der zusammen mit seiner Frau und einer zweijährigen Tochter in der Siedlung lebt. Entscheidend seien die Nähe zu den eigenen Eltern, die bezahlbare Wohnungsmiete sowie die familienfreundliche Siedlung mit Kita und vielen anderen Familien im Quartier gewesen.

Ältere Menschen müssen also zu Kompromissen bereit sein – und Eigeninitiative zeigen. Denn selbst die noch so perfekt geplante Siedlung ist kein Garant für neue Freundschaften zur jüngeren Generation. Wer sich ein Leben lang nie darum bemüht habe, Beziehungen aufzubauen, werde auch hier nicht plötzlich Kinder hüten, sagt Yvonne Lenzlinger. «In der Giesserei wird es einem aber einfach gemacht. Es gibt viele Gelegenheiten, um in Kontakt zu kommen.»

Text: Andres Eberhard, freier Journalist