Entlastungsdienst

Stärke zeigen: Hilfe annehmen

Wer hat nicht schon das Gelübde abgelegt: «Ich will immer für dich da sein und alles für dich tun!» – Im Alleingang wird man diesen Vorsatz jedoch nicht einlösen können.

Bei Frau Wurz hat alles seine Ordnung. Diesen Eindruck erhält man, wenn man von der adretten Seniorin in ihrer Wohnung über dem Zürichsee empfangen wird. Alles hier ist gepflegt, mit Liebe und Umsicht eingerichtet. Immer wieder spricht Frau Wurz von Disziplin, die sie im Leben gelernt und mit der sie dieses Leben auch gemeistert hat. In den vergangenen acht Jahren ist ihre Willenskraft jedoch an Grenzen gekommen.
Sie kann sich noch genau erinnern, wie ihr Lebenspartner mitten in der Nacht aufgeschreckt und stundenlang laut sprechend im Bett lag. Tagsüber irrte er orientierungslos durch die Wohnung. Die Diagnose nach den anschliessenden Untersuchungen zunächst niederschmetternd: Demenz.

Doch mit Disziplin und Liebe ging Frau Wurz auch diesen Weg. Nicht allein, wie sie immer wieder betont. «Wir wollten das gemeinsam durchstehen und eine Struktur finden, in der es uns beiden gut geht.» Acht Jahre lang war das herausfordernd, aber machbar. Die gegenseitige Achtsamkeit des Paares half, die Medikamentation auch. Später kam die Unterstützung der Spitex dazu. Frau Wurz gab viel. Ihr Partner aber auch, wie sie immer wieder
betont.

Und doch spürte sie im Laufe der Jahre, dass die Erschöpfung zunahm. Sie lebte – eingespannt in der aufwändigen Betreuung ihres Partners – zunehmend zurückgezogen, ging weniger raus als früher, konnte kaum mehr ihren ganz eigenen Interessen nachgehen. Früher hatte sie gerne Meditationskurse besucht und auch gegeben. Das war nun in weite Ferne gerückt. Eine gewaltige Müdigkeit machte sich in ihr breit. Irgendwann war klar: Wenn sie sich selbst nicht verlieren wollte, dann musste sie handeln. Jetzt benötigte sie eine Entlastung, die ihr die Spitex nicht geben konnte.
Wie schön wäre es beispielsweise, hin und wieder einen ganzen Tag wegzukönnen. Einen Tag nur für sich. Um beispielsweise wieder einmal ein Seminar zu besuchen. Schliesslich fasste sie sich ein Herz und griff zum Telefon…

Die Nummer, die Frau Wurz dann wählte, gehört dem «Entlastungsdienst Schweiz – Kanton Zürich». Dessen Geschäftsführerin Sarah Müller kennt viele ähnliche Fälle. Sie sagt: «Hilfe annehmen zu können, das ist auch eine Stärke.»
Gerade Demenzerkrankungen stellen eine riesige Herausforderung für die betreuenden Angehörigen dar. Die Betreuungsanfragen für Angehörige mit Demenz nehmen deshalb beim Entlastungsdienst stetig zu. Man möchte den Weg gemeinsam gehen, möchte nicht aus der angestammten Wohnung ausziehen. Und muss einsehen, dass das ohne Hilfe und Entlastung nicht möglich sein wird.

Der Verein entlastet seit 35 Jahren Haushalte im ganzen Kanton Zürich. Das geschieht vor allem durch Betreuung von Kindern, Erwachsenen und Senioren mit einer Behinderung, psychischer oder körperlicher Einschränkung. 2018 waren 229 Betreuungspersonen während mehr als 35 000 Stunden im Einsatz

Wer beim Entlastungsdienst anruft, hat zuvor wie Frau Wurz schon unglaublich viel geleistet, ist meist erschöpft und verletzlich. Nicht selten steht die Frage im Raum: Muss ich meinen Partner ins Heim geben, weil ich es einfach nicht mehr schaffe? – Ein äusserst sensibler Moment. Dessen sind sich Sarah Müller und ihr Team bewusst. Deshalb ist ihnen dieser erste Anruf so wichtig. Die Hilfesuchenden sollen sich vom ersten Moment an mit ihrem Anliegen verstanden und gut aufgehoben fühlen.
Bevor der Entlastungsdienst die Betreuung übernimmt, werden die individuellen Bedürfnisse vor Ort durch die zuständige Koordinatorin abgeklärt. Wenn eine Entlastungsvereinbarung zustande kommt, wird die Betreuungsperson eingeführt. Sie bleibt in der Regel immer dieselbe und wird vom Entlastungsdienst angestellt. Der Entlastungsdienst sorgt auch für deren fachgerechte Aus- und Weiterbildung.

Heute ist Frau Wurz froh, dass sie sich ein Herz gefasst hat. Einmal pro Woche kann sie nun für einen Tag aus dem Haus. Mit gutem Gewissen und gutem Gefühl. Sie weiss, dass ihr Partner liebevoll und fachkundig betreut wird. Von einer Betreuerin, bei der er sich gut aufgehoben fühlt, die mit ihm beispielsweise auch jene Spaziergänge macht, die er so liebt.
Mit einem Strahlen erzählt Frau Wurz, wie sie nach diesen freien Tagen jeweils mit neuer Energie nach Hause komme. Das spüre auch ihr Partner und freue sich mit ihr. Mit dieser Energie werden sogar wieder Pläne denkbar, die lange unrealistische Träume schienen: Vielleicht wieder einmal ein mehrtägiges Seminar besuchen? – Der Entlastungsdienst könnte es möglich machen…

Text: Thomas Binotto

Angebot laufend

Der «Entlastungsdienst Zürich» wird von Spenden mitgetragen
Der «Entlastungsdienst Zürich» wird von Spenden mitgetragen

Der Entlastungsdienst Zürich ist telefonisch von Montag bis Freitag, 8.30 – 13.00 Uhr unter
044 741 13 23 erreichbar – oder jederzeit per Mail: zh@entlastungsdienst.ch

www.entlastungsdienst.ch/zuerich