Spiritualität ganz alltäglich

Tanzen

Was Tanzen mit Spiritualität zu tun hat, erklärt Maria Kolek Braun – Seelsorgerin Psychiatrie und Regionalleiterin Dienststelle Spital- und Klinikseelsorge.

«Um gut tanzen zu können, braucht man nicht zu wissen, wohin der Tanz führt», schrieb die Schriftstellerin und christliche Mystikerin Madeleine Delbrêl. Zugegeben: Es ist für mich nicht ganz einfach, die Führung aus der Hand – oder im Fall des Tanzens aus den Füssen – zu geben, und nicht zu wissen, wohin der Tanz führt. Ich habe meine eigenen Ideen für die nächste Figur, den Richtungswechsel, den wir jetzt vornehmen könnten, die geeignete Körperspannung. Doch beim Paartanz kann nur einer führen. Die Führung hat die Musik und mein Partner. Die oder der andere muss sich anpassen, sonst gibt es keinen Tanz.

Je länger ich das übe, desto mehr spüre ich, wie mir das guttut: mich der Führung durch den Partner anzuvertrauen, meine eigenen Vorstellungen zurückzustellen und mich einzulassen auf das Unbekannte, auf die Impulse und Ideen meines Partners. Beim Tanzen erlebe ich: Es tut mir gut, mich zu «vergessen».

Mich vergessen heisst dann, mich meinem Partner zuzuwenden und mich zu konzentrieren, wach zu sein für den Rhythmus und die Stimmung der Musik. Dadurch entsteht ein weiter Raum, der grösser ist als mein «Ich», und ich gehöre dazu und bin ein wichtiger Teil mit meinen Schritten. Schliesslich entsteht eine gemeinsame Bewegung, geführt von der Musik. Wenn es so weit ist, müssen wir nicht mehr wissen, wohin der Tanz führt. Wir dürfen uns dem gegenwärtigen Augenblick mit diesem Ton, dieser Harmonie, diesem Rhythmus und diesem Schritt überlassen.

Genau dieses «Sich-Vergessen» unterscheidet den Tanz von Fitness. Wir sollten aus dem Tanz keine Turnübung machen, sonst verliert er seine Schönheit. Ich bin überzeugt, dass diese Schönheit immer dann aufleuchten kann, wenn wir uns trauen, die Zügel unseres «Ichs» aus der Hand zu geben, und uns der Musik des Lebens überlassen.

Text: Maria Kolek Braun, Seelsorgerin Psychiatrie, Regionalleiterin Spitalseelsorge