Täufer

Das Recht auf Erinnerung

Zu den dunklen Seiten der Reformation gehört die Verfolgung, Hinrichtung und Vertreibung der Täufer. 500 Jahre später besuchen ihre Nachfahren Zürich.

Die Reisegruppe aus den USA steht an diesem Freitag Mitte Mai an der Limmat, nahe der Schipfe. Die 40 Nachkommen von Schweizer Täuferfamilien namens Hirschi (sie nennen sich heute Hershey), lesen auf dem etwas unscheinbaren Gedenkstein: «Hier wurden mitten in der Limmat von einer Fischerplattform aus Felix Manz und fünf weitere Täufer in der Reformationszeit zwischen 1527 und 1532 ertränkt. Als letzter Täufer wurde in Zürich Hans Landis 1614 hingerichtet.»

Dieser Stein erzählt kurz und knapp eine lange Leidensgeschichte. Nach der Reformation wurden die Täufer in der Schweiz während praktisch 300 Jahren verfolgt. Selbst nach der letzten Hinrichtung wurden die Täufer weiterhin ins Gefängnis gesteckt, enteignet und vertrieben – bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Felix Manz und seine Freunde stellten bereits kurz nach der Reformation in Zürich die starke Verbindung zwischen der neuen Kirche und dem Staat, wie sie Zwingli lebte, sowie die Kindertaufe in Frage – und sie verweigerten den Militärdienst. Als radikal-reformatorischer Zweig wurden sie vom Zürcher Stadtrat abgelehnt. Als sie sich nicht beugten, sondern predigend viele Menschen begeisterten, begann die Verfolgung.
Zwei der anwesenden Frauen tragen ein weisses Häubchen und ein weites Kleid, wie es bei einem Teil der amerikanischen Amischen und konservativen Mennoniten üblich ist. Die anderen sind nicht von gewöhnlichen Touristen zu unterscheiden. Donna Hershey sagt betroffen: «Und wenn ich vor 500 Jahren hier gelebt hätte? Hätte ich, hätte meine Familie die Verfolgung ausgehalten? Als Kind las ich die Märtyrergeschichten unserer Kirche, im mittelalterlichen Zürich. Und nun stehe ich in einer pulsierenden Stadt des 20. Jahrhunderts…»

Dass hier eine Gedenktafel an die Täufer-Märtyrer erinnert, ist nicht selbstverständlich. «Die reformierte Kirche hat diesen Teil ihrer Geschichte jahrelang verdrängt», sagt Peter Dettwiler, 22 Jahre lang Ökumene-Beauftragter der reformierten Zürcher Landeskirche und heute Stadtführer für die Täufer-Nachfahren. Im Jahre 2000 bekam er Besuch aus Virginia, wo er studiert hatte. Es waren Anabaptists, und sie baten Dettwiler, sie auf den Spuren der Täufer in Zürich zu begleiten. Überrascht stellte er fest: «Es gab gar keine Spuren.» Sogar in einer damals ganz neuen und detaillierten Ausstellung über die Reformation im Kreuzgang des Grossmünsters wurden die Täufer nur in einem Nebensatz erwähnt.

Peter Dettwiler war wachgerüttelt. Er nahm erschrocken wahr, wie viele heutige Mennoniten und Amische jährlich Zürich besuchen, um die Wiege ihrer Kirche kennenzulernen – «und sie fanden nichts!» Dettwiler vertiefte sich in dieses dunkle Kapitel in der Geschichte seiner Kirche und knüpfte Kontakte zu den heutigen Nachfahren der Täufer. «John Landis Ruth, ein bekannter mennonitischer Historiker, sagte zu mir: Nun bin ich schon 30 Mal in Zürich gewesen, und treffe zum ersten Mal einen lebendigen Reformierten!». Auch Wilson Hershey war schon früher in Zürich. «Wir kannten die Geschichte unserer Vorfahren, wussten aber nicht, was wo passiert ist. Niemand wusste etwas. Wir hatten keine Anhaltspunkte.»
Schattenseiten verdrängen ist nie gut, davon ist Peter Dettwiler überzeugt. Er war Teil des reformiert-mennonitischen Komitees, das für den 26. Juni 2004 einen Tag der Begnung in Zürich vorbereitete. «Damals konnten wir wirklich einen Nagel einschlagen», erzählt er. «Mit einem öffentlichen Schuldbekenntnis und diesem Gedenkstein, an dem wir nun stehen.»

Wilson Hershey ist dankbar dafür: «Die heutigen Reformierten haben ja nichts mit denjenigen zu tun, die unsere Vorfahren umbrachten. Dass sie trotzdem diese Schritte zur Versöhnung gemacht haben, ist sehr berührend und es hat uns sehr gutgetan.» Seine Frau erinnert sich: «Als Kind erzählten meine Eltern oft von unseren Märtyrern hier in Zürich. Zu wissen, dass nun dafür eine Entschuldigung ausgesprochen wurde, gibt unserer Erinnerung eine neue Farbe.» John Ruth habe – so erzählt Dettwiler – bei der Gedenkstein-Setzung gesagt: «Während Jahrhunderten wurden wir als Sekte angesehen. Ein wenig waren wir auch stolz auf unsere Märtyrergeschichte und meinten manchmal, zu den Auserwählten zu gehören. Dieser Akt der Versöhnung hilft uns, unsere Geschichte in einem anderen Licht zu sehen.» Dettwiler betont: «Wir sind in der gleichen Reformationsbewegung entstanden. Dann haben sich unsere Wege in tragischer Weise getrennt. Aber eigentlich sind wir Geschwister. Dieses Bewusstsein wächst nun wieder.»

Alle aus der Reisegruppe fotografieren die Gedenktafel, werfen einen letzten Blick auf die Limmat und gehen dann weiter auf ihrem historischen Stadtrundgang, auf den Spuren der Täufer ebenso wie von Zwingli und seinen Mitstreitern. Am nächsten Tag werden sie die Täuferhöhle von Bäretswil im Zürcher Oberland besuchen, wo sich die ersten Täufer vor ihren Verfolgern versteckten. Dann geht’s weiter, am Rheinfall vorbei ins Emmental, wo die Hersheys aus den USA ein grosses Familientreffen mit den Hirschi aus der Schweiz und den Hirschy aus dem Elsass veranstalten. Aufgrund von DNA-Tests wissen sie, dass sie alle gemeinsame Wurzeln haben. In der Schweiz. Unter den verfolgten Täufern. Nun versöhnt, nicht mehr als elitäre Teilkirche, sondern als Zweig in der grossen reformierten Kirchenfamilie.

Text: Beatrix Ledergerber-Baumer

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Studienreise

15.–28.5.2020
Begegnungs- und Studienreise zu Amischen und Mennoniten in Pennsylvania und Ohio, USA, Reiseleitung: Peter und Helen Dettwiler-Sonderegger. Flyer: www.ref-saeuliamt.ch

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Buchtipp

Michael Baumann (Hrsg.) «Gemeinsames Erbe. Reformierte und Täufer im Dialog» Theologischer Verlag Zürich TVZ. 2007, 104 Seiten. ISBN 978-3-290-17430-9

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Auszüge aus dem Schuldbekenntnis:

«Wir bekennen, dass die damalige Verfolgung nach unserer heutigen Überzeugung ein Verrat am Evangelium war und unsere reformierten Väter in diesem Punkt geirrt haben.
Wir anerkennen die Gläubigen der täuferischen Tradition als unsere Schwestern und Brüder und ihre Gemeinden als Teil des Leibes Christi, dessen unterschiedliche Glieder durch den einen Geist miteinander verbunden sind.
Wir achten den radikalen Ansatz der Täuferbewegung, als eine freie Gemeinschaft von entschiedenen Gläubigen Salz der Erde und Licht der Welt zu sein und die Botschaft der Bergpredigt konkret umzusetzen.»

Die Reformation und die Täufer. Begegnungstag vom 26. Juni 2004 in Zürich.
Link zum ganzen Schuldbekenntnis: www.der-nachfolger.ch/content/e164/e772/e806/e815/