Schlusstakt

Die Stilfrage

Wer in der Politik die Stilfrage stellt, wird als Gutmensch belächelt, dem die Argumente fehlen. Obwohl ich eher weiches Ei als guter Mensch bin, stelle auch ich die Stilfrage und zwar bewusst jetzt, wo der Wahlkampf in die Gänge kommt.

Ich versuche es mit all meiner Resthärte: Wer die Stilfrage vernachlässigt, schadet der Demokratie fundamental. Der Harvard-Politologe Daniel Ziblatt sieht in der «Verrohung des politischen Stils» gar eines der Hauptprobleme unserer Demokratien.

Drehen wir in der Stilfrage den Spiess um. Worin besteht eigentlich die argumentative Kraft eines Wahlplakats, das «Linke und Nette» zu Würmern degradiert? – Wo bleibt der Wettstreit der Argumente, wenn Regierungschefs ihre Politik per Twitter-Dekret betreiben oder das Parlament in die Zwangsferien schicken? – Welche überzeugenden Argumente werden sichtbar, wenn ein Parlamentarier eine Junglehrerin diffamiert?

Als Jugendlicher habe ich mit meinem Vater endlose politische Debatten geführt. So heftig wurde es manchmal, dass Unbeteiligte uns in einem sehr bizarren Scheidungsstreit wähnten. Es wurde laut. Es wurde hitzig. Und wer Atem holen musste, hatte seine Redezeit verspielt.

Aber noch im heftigsten Streit waren wir im Grunde ein Herz und eine Seele. Es ging um die Sache, sogar wenn diese, wie meine Mutter befand, noch so nichtig war. Wenn mir allerdings die Argumente ausgingen, dann verglich ich meinen Vater auch mal mit Eseln und ähnlichem Gewürm. Ich griff zum verbalen Zweihänder, um meinen Vater mundtot zu schlagen.

Damals war ich 16. Ich kann also, wie jeder 16-Jährige, mildernde Umstände geltend machen. Aber nur für meine jugendliche Vergangenheit. Für die Gegenwart gilt: Im Stil verrät sich das Menschenbild. Wer seine politischen Gegner lächerlich macht und verunglimpft, der verrät damit seine Überheblichkeit und Respektlosigkeit. Wenn er dann noch behauptet, das sei die Sprache des Volkes, dann zeigt er seine ganze Verachtung für eben jenes Volk, dem er in der Demokratie verpflichtet ist.

Das zu erkennen ist keine Frage der Parteizugehörigkeit. Wer über eine echte politische Bildung verfügt, eine, die über den Rand seiner eigenen Wahlplakate hinausgeht, der wird anerkennen, dass er sein Mandat auch jenen verdankt, die ihn nicht wählen. Deshalb wird er all seinen Mitmenschen ohne Ansehen von Parteizugehörigkeit mit guten Manieren und gebührendem Anstand begegnen.

Text: Thomas Binotto

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Lesetipp

«Wie Demokratien sterben: Und was wir dagegen tun können»
Daniel Ziblatt, Steven Levitsky. Deutsche Verlagsanstalt 2018. ISBN 978–3421048103