Denkanstoss

Engelskinder der Mutter Erde übergeben

Wenn ein Fötus, der lebensfähig ist, abgetrieben wird und ich davon Kenntnis bekomme, ist dies das Schwerste in meinem Beruf als Spitalseelsorgerin.

Meistens ist eine Fehlentwicklung des Fötus der Grund, weshalb sich die Eltern dazu entscheiden. Wenn ich den Schmerz und die Tränen der Mutter oder der Eltern sehe, wenn ich gebeten werde «Bitte segnen Sie unser Kind», dann weine ich auch, manchmal heimlich im Büro. So eine Situation ist auch für die Hebammen belastend. Dann segne ich den Fötus mit Lourdes-Wasser, das kleine Engelskindlein, zum Beispiel 16 Lebenswochen alt, von der Hebamme liebevoll mit Tüchlein umhüllt oder in ein gestricktes Schlafsäcklein gelegt. Die Tränen der Mütter und Väter sind Ausdruck der Schwere ihrer Entscheidung, des Schmerzes und der Trauer. Sie haben Schuldgefühle. Ich stehe dafür ein, dass sie von niemandem verurteilt werden dürfen. Auch nicht von einer religiösen Instanz! 

Manchmal entscheidet die Natur, dass ein Kind nicht lebensfähig ist, es kommt zu einem Abort oder einer Fehlgeburt und tot zur Welt. Dies ist für die Eltern mit grossem Schmerz und Traurigkeit verbunden. 

Kommt ein Fötus vor der 22. Schwangerschaftswoche (SSW) oder leichter als 500 Gramm tot zur Welt, ist eine Bestattung gesetzlich nicht vorgeschrieben, sondern freiwillig. Er darf entsorgt werden. Einige Eltern, die davon Kenntnis haben, übernehmen die Verantwortung, ihr Kindlein zu beerdigen, andere nicht. Für diese «verwaisten Föten» haben die Hebammen, meine reformierte Kollegin und ich im See-Spital Horgen Verantwortung übernommen, damit sie nicht mehr entsorgt werden müssen. In einer interdisziplinären Zusammenarbeit haben wir bewirkt, dass auf dem Friedhof in Horgen ein Gemeinschaftsgrab für Engelskinder angelegt wurde, wo wir auch die «verwaisten Föten» der Mutter Erde übergeben dürfen. Das tröstet die Hebammen und mich. 

Wir setzen ein Zeichen für die Würde der früh verstorbenen Kinder, die nicht leben durften oder konnten, und ein Zeichen für die Würde der Mütter, die diese Kinder in sich getragen haben.

Text: Nadja Eigenmann, Spitalseelsorgerin

Angebot laufend

Gedenkfeiern

Abschied von einem früh verstorbenen Kind nach Totgeburt, Abort oder Schwangerschaftsabbruch.
Interreligiöse Abschiedsfeier mit Beisetzung im Gemeinschaftsgrab für Engelskinder des Friedhofs Horgen (bei der reformierten Kirche). Die Feier steht allen Betroffenen offen, auch wenn das Ereignis lange zurückliegt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Mi, 2. Oktober, 14.00. Treffpunkt bei der Abdankungshalle des Friedhofs Horgen.Kontakt: Nadja Eigenmann, katholische Spitalseelsorgerin, Tel 044 728 19 89, nadja.eigenmann@see-spital.ch
see-spital.ch

«Ich trage Dich für immer in meinem Herzen – Wir trauern, weil wir lieben.»
Gedenkfeier für Menschen, die um ein Kind trauern, mit musikalischer Umrahmung durch Georges Pulfer, Organist, und Franziska Krähenmann, Gesang. Nach der Feier gibt es die Möglichkeit zur gemeinsamen Begegnung bei Kaffee und Kuchen.

So, 17. November, 16.00 – ca. 17.15, Liebfrauenkirche Zürich. Kontakt: info@gedenkfeierzuerich.ch
www.gedenkfeierzuerich.ch

Angebot laufend

Buchtipp

«Ein Engel ist von uns gegangen»
Tröstende Worte und Gedanken zum Tod eines Kindes. Jonas C. Lindner, Magdalenen-Verlag 2007. ISBN 978-3-940801-03-6.