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Nur für eine kurze Zeit

Peter Bürcher, emeritierter Bischof von Island, ist seit dem 20. Mai Apostolischer Administrator der Diözese Chur. Er sieht sich als Übergangslösung für einige Monate. Zur Frage, weshalb es in zwei Anläufen nicht zu einer Bischofswahl gekommen ist, kann, will oder darf er nichts sagen.

forum: Herr Bischof, wie haben Sie die ersten Wochen als Apostolischer Administrator im
Bistum Chur erlebt?
Peter Bürcher: In der Westschweiz gibt es den Ausdruck «Je suis déçu en bien» (wörtlich übersetzt: Ich bin im Guten enttäuscht). Genauso ist es mir ergangen: Ich war überrascht und erfreut über den freundlichen Empfang. Ich bin beispielsweise froh, dass mich die Synode der Körperschaft in Zürich sofort nach meinem Amtsantritt eingeladen hat. Und ich werde demnächst mit Verantwortlichen der Körperschaft hier in Chur das Gespräch weiterführen.

Wie ist es zu Ihrer Ernennung gekommen?
Sie war für mich eine totale Überraschung. Nie ist mir der Gedanke gekommen, dass ich Apostolischer Administrator im Bistum Chur werden könnte. Als ich noch Regens im Priesterseminar Fribourg war, habe ich meinen Seminaristen immer eingeschärft: Wenn der Bischof dir eine neue Aufgabe übertragen will, und du Bedenken hast, dann sage ihm alles, was du zu sagen hast, er ist ja dein Vater. Wenn aber der Bischof dich am Ende trotzdem für diese Aufgabe will, dann sage nicht «Nein».
Genau in dieser Situation war ich im Gespräch mit dem Papst. Ich habe all meine Bedenken vorgebracht. Er hat gut zugehört. Aber er hat diesen Dienst dennoch von mir gewünscht.

Wie hat Sie der Papst überzeugt?
Ich habe gespürt, dass das Bistum Chur dem Papst wirklich am Herzen liegt, und dass er sobald wie möglich eine gute Lösung finden will. Und er hat mir versprochen, dass meine Amtszeit nur wenige Monate dauern würde.

Sie waren drei Jahre Spiritual der Dominikanerinnen in Schwyz. Was haben Sie in dieser Zeit von der Situation im Bistum Chur mitbekommen?
Nicht sehr viel. Ich war ja nur die Hälfte des Jahres in der Schweiz und die andere im Heiligen Land. Aber aus der Ferne dachte ich manchmal, dass es sicher nicht einfach ist, Bischof einer grossen Diözese wie Chur mit so vielen, zum Teil gegenläufigen Erwartungen zu sein. Erwartungen der Körperschaften in den einzelnen Regionen und Erwartungen der Gläubigen mit traditionellen bis progressiven Vorstellungen.

Welche Aufträge hat der Papst Ihnen erteilt?
Als Administrator soll ich zu einem guten Übergang beitragen. Aber wie ich das tue, da hat er mir völlig freie Hand gelassen. Er hat mir keine konkreten Aufträge gegeben.

Häufig wird von einem gespaltenen Bistum Chur gesprochen. Erleben Sie das auch so?
Das mag vielleicht äusserlich so erscheinen, aber ich sehe diese Spaltung nicht. Der Glaube ist da, aber er muss gestärkt werden, das ist das Grundziel. In Europa befinden wir uns jedoch in einer säkularisierten Situation, die in anderen Kontinenten und Ländern weniger stark vorhanden ist. Die Diversität bei uns ist ein Reichtum, aber auch eine Herausforderung. Die Sehnsucht nach Gott muss wieder wachsen.

Wo setzen Sie konkret an?
Die Frage der Ausbildung ist zentral, ganz besonders bei Priesteramtskandidaten aber auch bei Laien. Das Priesterseminar und die Theologische Hochschule liegen mir deshalb am Herzen. Die räumliche Nähe zwischen mir und diesen Institutionen hat sich für einen regelmässigen Austausch bereits als hilfreich erwiesen.

Sie haben bei Ihrem Amtsantritt angekündigt, mit allen ins Gespräch zu kommen. Mit wem haben Sie inzwischen Gespräche geführt?
Im Bischofsrat des Bistums konnten wir schon über sehr viele Anliegen ins Gespräch kommen. Ich habe mich zudem mit verschiedenen Gremien und Institutionen des Bistums ausgetauscht, zum Beispiel mit dem Priesterseminar, der Theologischen Hochschule, mit mehreren unserer Domherren, mit dem diözesanen Administrationsrat und auch mit einigen Dekanaten. Aber auch mit vielen Einzelpersonen habe ich gesprochen, mit Verantwortlichen in der Katechese und Jugendseelsorge, in der Spitalseelsorge und in Altersheimen. Dieser vielfältige Dienst gefällt mir, und er gehört selbstverständlich zu meiner apostolischen Aufgabe.

Im Bistum Chur gibt es das Forum «Priester der Diözese Chur». Darin setzen sich gegen hundert Priester aus dem gesamten Bistum für eine gute Lösung bei der Neubesetzung des Bischofsstuhls ein. Haben Sie auch mit diesem Forum Gespräche geführt?
Ich bin mit den Verantwortlichen in Kontakt. Ich treffe mich gerne mit meinen Mitbrüdern im priesterlichen Dienst. Es ist mir ein Anliegen, dass ich als Apostolischer Administrator mit allen Priestern der Diözese – soweit es mir möglich ist – meine Verantwortung teilen kann. Ich suche aber mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Kirche eine gute Zusammenarbeit, mit jenen in leitenden Funktionen wie mit jenen, die in Katechese und Diakonie arbeiten.

In einer Predigt haben Sie gesagt: «Soweit es mir die gegebene Zeit erlaubt, möchte ich die Diözese in ihrem ganzen Reichtum kennenlernen.» Welchen Reichtum haben Sie bislang entdeckt?
Ich war jetzt schon in allen Regionen des Bistums. Welche Schönheit und welche Diversität zwischen Lungern und Müstair, Kloten und S. Vittore! Es sind ja nicht nur geographische und kulturelle Verschiedenheiten. Das habe ich besonders bei meinen pastoralen Besuchen, Feiern und Firmungen erleben dürfen. Diversität ist auch Reichtum!

Welche besonderen Herausforderungen stellen sich der Leitung des Bistums?
Die grösste Herausforderung ist die eines jeden Bistums: Bei aller Verschiedenheit katholische Weltkirche zu bleiben. Die Einheit ist nicht nur vor Ort zu wahren, sondern auch mit der ganzen Universalkirche. Das geht nur mit der Einheit im Glauben, über die kulturellen, regionalen Eigenheiten hinaus.

Sie betonen immer wieder, dass Ihre Amtszeit nur wenige Monate dauern werde. Was sehen Sie als ihre wichtigsten Aufgaben?
Das Wichtigste ist eine friedliche Übergangszeit. Ich habe ein gut eingespieltes Team angetroffen und bin froh, dass wir das Tagesgeschäft sozusagen bei einem fliegenden Wechsel mehr oder weniger reibungslos weiterführen konnten. Das Gebet aller für einen neuen Bischof halte ich zudem für dringend notwendig.

Wie gehen Sie mit Personalfragen und -entscheidungen um?
Ich berate mich mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie mit dem Bischofsrat, wie das auch bei Bischof Vitus üblich war. In Bezug auf längerfristig wirksame Entscheide versuche ich, sie möglichst dem nächsten Bischof von Chur zu überlassen. Ich möchte keine Fakten schaffen, mit denen der nächste Bischof dann einfach leben muss.

Sie haben die Generalvikare im Amt belassen.
Auch da will ich dem neuen Bischof die totale Entscheidungsfreiheit lassen. Das Ordinariat in Chur ist auch ein gut eingespieltes Team. Ich bin allen dafür dankbar. Für eine so kurze Amtszeit wollte ich nicht alles ändern.

In Zürich haben Sie den Synodalen für den evangelisierenden christlichen Einsatz gedankt.
Die Mitglieder der Synode sind alle Katholiken. Das habe ich in Zürich unterstreichen wollen: Das Grundziel all dieser Getauften ist, Christus mitten in der Gesellschaft des Kantons Zürich zu verkündigen. Die Verkündigung Jesu Christi in einer globalisierten Welt ist heute auch das grosse Anliegen von Papst Franziskus.

Wie stehen Sie zum sogenannten «dualen System»?
Das System braucht gemäss dem «Vademecum» der Schweizer Bischofskonferenz gewisse Reformen. Zu den Einzelheiten dieser Reformen möchte ich wenig sagen. Aber alle regional bedingten oder kulturell geprägten Arten, wie sich die Kirche vor Ort organisiert oder in die Gesellschaft hineinwirkt, sind so gut, wie sie der Einheit im Glauben dienen. Das Bewusstsein, mit der ganzen katholischen Kirche im Dienst des Herrn und der Mitmenschen zu sein, ist unumgänglich. Zürich gehört zum Bistum Chur, das Bistum Chur gehört zur Katholischen Kirche und sie ist das Volk Gottes! Ein Katholik ist kein Satellit: Er ist ein Glied des Leibes Christi, also der Kirche.

Seit zwei Jahren wartet das Bistum auf einen neuen Bischof. Weshalb ist es weder 2017 noch 2019 zu einer Bischofswahl gekommen?
Ich weiss es nicht. Das ist eine Frage an den Heiligen Stuhl. Oder allenfalls an den Nuntius.

Beraten Sie als Administrator den Nuntius bei der Suche nach möglichen Bischofskandidaten?
Wen der Nuntius in sein Konsultationsprozess miteinbezieht ist sein Entscheid. Ich bin da nicht involviert.

Welche besonderen Talente sollte der neue Bischof mitbringen?
Das könnten der Nuntius und das Domkapitel wohl besser beantworten als ich. Ich persönlich wünsche einen Hirten nach dem Herzen Gottes! Im diözesanen Gebet für einen neuen Bischof, beten wir unter anderem: «Wir bitten Dich um einen neuen Bischof, in dem das Feuer des Heiligen Geistes lebendig und die Freude des Evangeliums spürbar ist, der uns mit der Liebe des guten Hirten stärkt, der die Zeichen der Zeit aufmerksam wahrnimmt, der die Gläubigen ermutigt, auf Deinen Ruf zu hören, und der sie in Deinem Wort und in der Lehre Deiner Kirche eint.»

Was hoffen Sie in Ihrer Amtszeit zu erreichen? Was ist Ihre grösste Befürchtung?
Ich versuche, eine gute, friedliche Übergangszeit zu garantieren. Fürchten tue ich in diesem Zusammenhang nichts, ausser vielleicht, Gott nicht zu gefallen.

Und wann dürfen wir mit einer Bischofswahl rechnen?
Das weiss ich nicht! Aber Papst Franziskus hat mir versprochen, dass ich dem Bistum nur für eine kurze Zeit als Apostolischer Administrator vorzustehen habe.

Im kirchlichen Kontext kann eine kurze Zeit hunderte von Jahren bedeuten. Haben Sie den Papst gefragt, was er unter kurz genau versteht?
Nein. Warum hätte ich das tun sollen? Ich habe verstanden, dass er sobald wie möglich eine gute Lösung für das Bistum Chur will.

Und Sie würden nie zum Papst gehen und ihm sagen: «Jetzt ist es genug!»?
Darf ich das?

Bei einem Vater sollte man das dürfen.
Ich vertraue dem Papst, dass er die Frage der Ernennung eines neuen Bischofs so bald wie möglich klären wird. Hoffen wir es zur Freude aller und zum Aufbau der Kirche in der Schweiz.

Dieses Gespräch entstand in Kooperation mit den anderen Pfarrblättern des Bistums. Pfarrblatt Graubünden / Pfarreiblatt Nidwalden / Pfarreiblatt Uri Schwyz / Pfarreiblatt Obwalden / forum - Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zürich

Text: Thomas Binotto

Angebot laufend

Peter Bürcher wurde 1945 in Fiesch im Oberwallis geboren. Er verbrachte seine Schulzeit in Nyon, Genf und Einsiedeln, wo er die Matura ablegte. 1971 wurde er in Genf zum Priester geweiht und wirkte danach als Vikar in Freiburg und Lausanne, später als Pfarrer in Vevey. Von 1990 bis 1994 war er Regens des Priesterseminars Freiburg, bis er zum Weihbischof für das Bistum Lausanne, Genf und Freiburg ernannt wurde. 2007 wurde er als Bischof von Island in Reykjavik eingesetzt. Von diesem Amt trat er 2015 aus gesundheitlichen Gründen zurück. Bis zu seiner Ernennung zum Apostolischen Administrator der Diözese Chur war Bischof Bürcher Spiritual der Dominikanerinnen im Kloster St. Peter am Bach in Schwyz.

Angebot laufend

Der Apostolische Administrator Peter Bürcher lädt am Samstag, 26. Oktober 2019, unter dem Motto «Getauft und gesandt» zu einer Bistumswallfahrt nach Maria Einsiedeln ein. Das Programm startet um 12.30 Uhr mit einem Pontifikalamt in der
Klosterkirche.

Mehr Informationen unter www.bistum-chur.ch