Spiritualität ganz alltäglich

Sitzen

Stefan Staubli – Pfarrer Katholische Pfarrei St. Peter und Paul sowie St. Marien Winterthur – erklärt, was Sitzen mit Spiritualität zu tun hat.

Beginnen wir bei den Sitzgelegenheiten. Ob ein bequemes Sofa oder eine grüne Wiese, ein weiches Kissen oder ein harter Stein – je nachdem kann alles zur Einladung werden, sich hinzusetzen, sich niederzulassen. Dann kommen mir Bilder von einem gedeckten Tisch mit feinem Essen und netter Gesellschaft in den Sinn, oder ein mit Arbeitspapieren übersätes Pult. Keine Frage, wohin ich mich lieber setzen würde. Wenn ich mich in einem Restaurant hinsetze, werde ich zum Gast, der bedient wird – im besten Fall wie ein König. Und dann gibt es Stühle, die von Amt und Würden sprechen: etwa ein Richterstuhl, ein Lehrstuhl an der Uni oder ein Sitz in der Regierung.

Das ist vielleicht der Moment, von einer Versuchung zu sprechen oder einer ganzen Reihe von Versuchungen. Es gibt sie, beispielsweise die «Sesselkleber», die grösste Mühe bekunden, ihren Platz zu räumen und einem anderen zu überlassen. Ebenso häufig anzutreffen ist das Rennen auf die besten Sitzplätze, um zu sehen oder gesehen zu werden. Gerade diese Unart gab es übrigens schon zu biblischen Zeiten. Überliefert ist uns das Beispiel einer Mutter, deren zwei Söhne zum Apostelkreis Jesu gehörten. Mit ihrer Bitte, ihren beiden Söhnen im kommenden Reich die besten Plätze zur Rechten und Linken von Jesus zu geben, kam sie allerdings nicht gut an. Jesus scheint für solche Machtspielchen keinen Sinn zu haben und belehrte darauf die ganze Apostelrunde energisch: «Bei euch soll es nicht so sein…».

O ja, sich einsetzen für innere Überzeugungen, Menschlichkeit, Gerechtigkeit – wer das tut, setzt sich aus! Das kann bis zu einem regelrechten Sitzstreik gehen, wo das (gemütliche) Sitzen zur (ungemütlichen) Provokation wird. Tatsächlich gehören Sitzstreiks zur gewaltfreien Ausdrucksform von Demonstrationen und Protesten. Wie kraftvoll sich das anfühlt, erlebte ich bei der Teilnahme an einem friedlichen, bewilligten Klimastreik, wo wir für ein paar Minuten mitten auf der Strasse hinsassen – Dort, wo sonst pausenlos der Verkehr rollt. Es war eine spezielle Erfahrung, die erst noch das Bewusstsein weckte, schon lange nicht mehr am Boden gesessen zu sein!

Doch Sitzen ist nicht nur eine Streikform, es ist auch eine Gebetsform – die an eine weitere Frau in der Bibel erinnert: Maria von Bethanien. Als Jesus einmal bei ihr und ihrer Schwester Marta einkehrte, liess sie es sich nicht nehmen, Jesus zu Füssen zu sitzen und seinem Wort zu lauschen. So kann sich dann Wichtiges in uns setzen.

Text: Stefan Staubli, Pfarrer kath. Pfarrei St. Peter und Paul / St. Marien Winterthur