Editorial

Sprachen machen Leute

Kleider, sagt man, machen Leute. Aber Sprachen leisten dies genauso gut.

Diesen Sommer habe ich einen Bildungsurlaub gemacht: Drei Wochen Sprachaufenthalt in Nizza, um meine brachliegenden Französischkenntnisse wieder zum Leben zu erwecken. Intensiv war’s und auch anstrengend. Vor allem aber: formidable – und très chic. Mit den Vokabeln und der Grammatik hat sich ganz nebenbei auch meine Eleganz aufgefrischt, das Gefühl für die Leichtigkeit des Seins, die ich an der Côte d’Azur so mag. Ich habe – selbst in Jeans – die Chanel-Version meiner selbst gelebt – und es war mir, als hielte ich dabei stets ein Glas Rosé in der Hand. Magnifique.

Mit der Sprache ändern sich offenbar nicht nur Vokabeln und Akzent, sondern auch die Person. Bereits das Hören reichte mir für einen leichten Persönlichkeitswandel – die wahre Metamorphose aber brachte das Sprechen. «L’église de Notre-Dame»: Allein das zergehen der Silben auf der Zunge ist ein Genuss. Wie gewöhnlich wirkt dagegen «Liebfrauen Kirche».

Mit der französischen Sprache habe ich augenscheinlich kulturelle Konzepte, Ideale und Werte Frankreichs übernommen – und mein Wesen und mein Verhalten angepasst.

Im Herbst besuche ich meine Freunde in London. Sicher werde ich dann etwas exzentrischer sein, der Sinn wird mir nach schwarzem Humor und Vintage-Kleidern stehen. Very cool, indeed.

Mit jeder neuen Sprache erwerbe man eine neue Seele, besagt ein tschechisches Sprichwort.

Höchste Zeit also, im Winter mein Spanisch zu verbessern oder eine asiatische Sprache zu lernen. Wer weiss, vielleicht entdecke ich ja dann ganz neue Seiten an mir.

Text: Pia Stadler