Gespräch

Gegen die Sucht nach CO2

Um die Klimakrise kommt niemand herum: weder bei den Parlaments- wahlen im Oktober noch im Alltag. Ein Gespräch mit zwei KlimaSeniorinnen und zwei Klima-Streikenden.

Dass die Klimaveränderung bedrohlich ist, ist vielen klar. Wann hat es bei Ihnen jeweils «klick» gemacht, sodass Sie aktiv geworden sind?
Fanny Wissler (FW): Am Thema dran bin ich schon lange. Ich erinnere mich, dass ich einmal im «Spick», in dem Jugendmagazin, einen Artikel gelesen habe, dass Eisbären aussterben, weil das Eis schmilzt. Da muss ich etwa elf Jahre alt gewesen sein. Einen konkreten Auslöser für meinen Einsatz beim Klimastreik gibt es nicht, ich habe mich einfach langsam immer mehr informiert. Ich hab eigentlich nur darauf gewartet, dass endlich etwas passiert.

Lore Zablonier (LZ): 2003 war ein unglaublich heisser Sommer, da habe ich erstmals richtig gespürt, dass sich das Klima verändert. Ich leide einfach sehr unter der Hitze. Aktiv geworden bin ich erst, als ich von der Idee einer Klima-Klage gehört habe. Das war für mich die Antwort auf meine hilflose Frage: Was kann ich tun? Bei der Klima-Klage und damit bei den KlimaSeniorinnen mitzumachen, das war etwas aktives, da wollte ich mich einsetzen. 

War es für Sie auch die Klima-Klage, die Sie zu den KlimaSeniorinnen geholt hat?
Pia Hollenstein (PH): Mich hat der Bedarf an Mitgliedern für den Vorstand zu den KlimaSeniorinnen gebracht. Am Thema Ökologie bin ich natürlich schon mein ganzes Leben dran. Darum bin ich der Grünen Partei beigetreten. Ich sehe heute, dass das, wovor wir seit Jahren warnen, langsam eintrifft. Zumindest sind wir nicht mehr die einzigen, die für Natur und Klimaschutz die Stimme erheben! Ich bin auf dem Land aufgewachsen und mein Vater als Bergbauer hat der Natur fest geschaut. Da sind meine Wurzeln, bei dem tiefen Erleben: Wir müssen dem Ganzen Sorge tragen.

Matthias Hafner (MH): Schockierender Weise habe ich sehr wenig gewusst über den Klimawandel, obwohl ich ans Gymi gegangen bin und eigentlich aus einer relativ klimabewussten Familie komme. Wir sind wenig geflogen und selten Auto gefahren. Zum Klimastreik bin ich durch einen Freund gekommen. Ich dachte zuerst einfach, das ist eine gute Sache, da engagiere ich mich. Als ich mich dann über wissenschaftliche Artikel zu informieren begonnen habe, bin ich extrem erschrocken. Ich hatte keine Ahnung, wie schlimm es um das Klima steht! Ich wusste nur, ich muss mich jetzt engagieren, denn so geht es nicht weiter.

Die Klimabewegung schafft bei vielen ein Bewusstsein für den Ernst der Lage. Wo sehen Sie persönlich das nächste Etappenziel für die Schweiz?
LZ: Ganz eindeutig: alle Leute zu aktivieren, wählen zu gehen…

PH: …und richtig zu wählen…

LZ: …natürlich, das nehme ich jetzt einfach an. Ohne politischen Wandel geht es nicht. 

FW: Ich finde, die Wahlen sind wichtig. Mir ist aber die Information wichtiger. Wie lange hat es gedauert, bis wir an den Schulen überhaupt über den Klimawandel gehört haben! Das ist absurd. Menschen müssen grossflächig über die Krise informiert werden, anhand der wissenschaftlichen Fakten. Wahrscheinlich ist es für die meisten zu schwierig, den gesamten Bericht vom Weltklimarat zu lesen. Wem dieser IPCC-Bericht zu kompliziert ist, der kann sich einfach über den Klimabericht Schweiz informieren. Die Information muss schon bei den Kindern beginnen, der Staat hat die Pflicht, und auch die Möglichkeiten dazu.

MH: Schulbildung ist sicher extrem wichtig, aber: Die Krise ist viel zu akut, um in der Bildung anzusetzen! Es besteht praktisch ein wissenschaftlicher Konsens, dass 2020 das Jahr sein muss mit den höchsten Emissionen in der Menschheitsgeschichte. Sonst gerät die Klimaerwärmung ausser Kontrolle und wir können sie nicht mehr beeinflussen. Das heisst, nächstes Jahr müssen sich unsere CO2-Emissionen umkehren! In meinen Augen braucht es eine Informationskampagne von Seiten der Regierung. Jeder Haushalt soll einen Flyer bekommen mit drei konkreten Fakten zum Klimawandel. Plötzlich hätte die Faktenlage eine ganz andere Legitimität. Damit würden Leute aufgeweckt werden, die von ihren Grundwerten her eigentlich hinter unserer Bewegung stehen würden – die aber schlichtweg noch nicht realisiert haben, wie akut die Lage ist. 

Heisst das, den Klimanotstand auszurufen?
MH: Nicht unbedingt, es geht mir um flächendeckende Information. Hätten wir dadurch in der Klimabewegung zusätzliche, noch breitere Unterstützung, könnten wir die nötigen Mehrheiten in der Schweiz erreichen, um die radikalen Massnahmen hinzubekommen, die es jetzt braucht. 

PH: Ich möchte da ebenfalls gern ansetzen. Tatsächlich geht es darum, Mehrheiten zu erreichen. Wir brauchen ein Parlament, in dem die Ökologie bei den Mehrheiten einen hohen Stellenwert geniesst. Bislang war das nicht so, darum sind die letzten vier Jahre bezüglich Ökologie verlorene Jahre. Gut, immerhin hat man den Atom-Stopp hingebracht. 

Fanny Wissler, Klima-Streikende, Gymnasiastin, Alter: 18 –

Fanny Wissler, Klima-Streikende, Gymnasiastin, Alter: 18 – Foto: Christoph Wider

Matthias Hafner, Klima-Streikender, Medizin-Student, Alter: 19 –

Matthias Hafner, Klima-Streikender, Medizin-Student, Alter: 19 – Foto: Christoph Wider

Pia Hollenstein, KlimaSeniorin, Vorstand, ehem. Nationalrätin, Alter: 69 –

Pia Hollenstein, KlimaSeniorin, Vorstand, ehem. Nationalrätin, Alter: 69 – Foto: Christoph Wider

Lore Zablonier, KlimaSeniorin, Alter: 75 –

Lore Zablonier, KlimaSeniorin, Alter: 75 – Foto: Christoph Wider

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Die Energie-Agentur der Wirtschaft schreibt zum Beispiel davon, dass bereits 2018 dieCO2-Intensität gesunken ist, so stark, dass sie bereits unter dem Sollwert bis 2022 liegt. Ist das denn alles nichts?
PH: Nun, wir hatten eine bürgerliche Mehrheit und die hat die Ziele so tief gesetzt, dass selbst die Wirtschaftsbosse noch mitgehen konnten. Das reicht einfach nicht. Sie haben vergessen, an das Ganze zu denken, an das Gesamtwohl.

FW: Ich finde es wichtig, über die Wahlen zu reden, aber wir müssen uns bewusst sein, dass sie nicht die nötige Veränderung bringen werden. Selbst wenn die Grünen zehn Prozentpunkte mehr haben sollten, als bisher.

PH: Da bin ich nicht einverstanden. Mit Mehrheiten sind wirksame politische Massnahmen möglich. Ich erinnere an die Entscheidungen rund um das Waldsterben, an die Einführung der Katalysatoren. Das war möglich, weil wir Mehrheiten hinbekommen haben.

Eine konkrete Massnahme, für die es in Ihren Augen unbedingt eine Mehrheit braucht?
PH: Für eine klimaneutrale Schweiz bis ins Jahr 2030. Allerdings gebe ich zu, dass das auch nach den Wahlen im Oktober nicht realistisch ist. Vielleicht also eher bis 2050, das hat nun sogar der Bundesrat vorgeschlagen. Würden wir das erreichen, wären wir schon viel weiter als vor drei Monaten und als vor Beginn des Klimastreiks vor einem Jahr. 

MH: Ich wünschte mir, dass die Klima-Debatte auch parteipolitisch weniger von Ideologien bestimmt wäre. Schlussendlich können doch alle Parteien von ihren Standpunkten aus einen Beitrag zum Klimaschutz leisten: eine SVP ausgehend vom Bauernverband und vielleicht vom Alpenschutz, die FDP könnte das Innovations-Potenzial der neuen klimafreundlichen Technologien entdecken, die wir in der Schweiz entwickeln könnten, und die dann wiederum einen wirtschaftlichen Vorteil hätten, die CVP vom Standpunkt der Familien und Kinder aus – ich meine, jede Partei hätte einen Grund, um sich abseits von Ideologien in die Klimapolitik einzubringen. Im Moment nehme ich eher eine krasse Rechts-Links-Ideologisierung wahr. 

Wen nehmen Sie hierzulande als Gegenspieler einer Veränderung wahr?
FW: Ich glaube, zu einem grossen Teil sind es die Wirtschaftsmächte.

Wer sind für Sie «die Wirtschaftsmächte»?
FW: Swissoil zum Beispiel, der Dachverband der Brennstoffhändler in der Schweiz. Oder Glencore, die als weltweit grösste Unternehmensgruppe, die im Rohstoffhandel tätig ist, ihren Sitz in der Schweiz hat. Sie agieren unökologisch und halten sich nicht an Menschenrechte. Sie haben dermassen viel Macht und die Schweiz ist abhängig von ihnen. Es darf in Zukunft schlichtweg nicht mehr sein, dass Konzerne ihr Geld mit Treibhausgas-Emissionen verdienen.

LZ: Aus meiner Sicht muss die Schweizer Politik hier einen Riegel schieben und ihre internationale Verantwortung wahrnehmen. Denn die Schweiz ist weltweit aktiv und über unseren Wirtschaftsstandort schleicht sich viel vom Geist der reinen Profitmaximierung in die globale Wirtschaft ein.

PH: Gegenspieler der Veränderung sind für mich jene Parlamentarierinnen und Parlamentarier, die ihre Eigeninteressen über das Gesamtwohl stellen. 

MH: Ich bringe hier die gezielten Desinformations-Kampagnen ins Spiel, von grossen Erdöl-Konzernen in den letzten vierzig Jahren. Konzerne, die viel Geld mit Energie aus fossilen Quellen verdienen, haben bewusst falsche Informationen verbreitet. Sie haben in Forschung investiert, die beweisen soll, dass der Klimawandel nicht von Menschen gemacht ist. Ich habe von Ölfirmen gelesen, die den Meeresanstieg schon einplanen, wenn sie ihre Plattform im Meer bauen. Wenn das Meer dann ansteigt, sieht man es nicht und denkt, es hätte sich nichts verändert.

«Klimaschutz ist kein Kampf von Links und Rechts, sondern ein Überlebenskampf, der uns alle betrifft», lese ich auf der Website von climatestrike.ch. Ist das nicht auch eine etwas übertriebene Rhetorik?
MH: Überhaupt nicht. Die Wissenschaft ist hier ganz klar. Im IPCC-Bericht von 2018 steht: Wenn wir mit einer Wahrscheinlichkeit von zwei Drittel das Kippen des Klima vermeiden wollen, wenn wir den Moment nicht verpassen wollen, nach dem sich die Klimaerwärmung nicht mehr aufhalten lässt – dann dürfen wir Menschen ab 2018 nicht mehr als 420 Gigatonnen CO2ausscheiden. Machen wir so weiter, ist das in achteinhalb Jahren erreicht! Und sogar, wenn wir es schaffen sollten, nicht so viel zu emittieren – dann ist es immer nur noch eine Wahrscheinlichkeit von zwei Drittel, dass das Klima nicht trotzdem ausser Kontrolle gerät. Da soll die Aussage auf der Website übertrieben sein?

Wer kämpft in diesem Überlebenskampf eigentlich gegen wen?
FW: Es ist kein Kampf, den jemand gegen jemand anders führt. Im Grunde ist das sogar ein Problem: Viele denken, sie müssten im Kampf für das Klima gegen jemanden sein oder besser als die anderen. Aber der Klimawandel lässt sich nur mehr eindämmen, wenn wir international zusammenstehen, unabhängig von ideologischen Grabenkämpfen. 

Es ist ein Kampf um das Überleben, indem es ein Kampf um die Einsicht ist?
PH: Es geht um mehr als um Einsicht. Jetzt geht es ums Handeln. Ich rede jetzt von Realpolitik in der Schweiz: Wir müssen natürlich mehr fordern, damit überhaupt etwas passiert. Wir dürfen auch viel fordern, denn zu viel fordern können wir gar nicht. Wenn wir nicht beständig die Konzerne attackieren würden, würden sie gar nichts machen. Und wenn sie viel attackiert werden, kommen sie ein wenig zur Einsicht. Dass die Konzerne beispielsweise nicht übernehmen, was wir fordern, auch das ist real. Deswegen pushen wir beständig. 

MH: Es ist ein Kampf gegen das CO2, nicht gegen andere Menschen. Unsere Welt ist abhängig von fossilen Brennstoffen, wie ein Alkoholiker süchtig ist nach Alkohol. Es ist nicht einfach, vom COwegzukommen, aber wir müssen! Wir dürfen einfach keine fossilen Brennstoffe mehr verwenden. Wie wird das möglich? Indem wir einsehen, dass die Art, wie wir aktuell Energie gewinnen, unsere Zukunft zerstört. Wir müssen unsere Energiequellen wechseln.

FW: Es heisst eben nicht nur, die Quellen zu wechseln, sondern unseren absoluten Energieverbrauch zu senken. 

LZ: Wir müssen also nicht über E-Mobilität reden, sondern vielmehr über die Senkung des Individualverkehrs.

PH: Und all das heisst, unseren Lebensstil in Frage zu stellen. 

Den Lebensstil in Frage zu stellen beginnt beim einzelnen. Was hat sich bei Ihnen persönlich verändert, seit Sie sich für den Klimaschutz engagieren?
LZ: Mein CO2-Ausstoss ist sowieso so klein, wie nur möglich. Ich habe schon lange kein Auto mehr, ich gehe zu Fuss oder nehme das Tram bzw. den Zug. Ich wohne in einer Genossenschaft und versuche diese zu sensibilisieren, ökologisch zu denken. Da wird viel getan.

MH: Ich fliege nicht mehr und kaufe die meisten Kleider im Brockenhaus. Ich esse kein Fleisch. Und auch keine Nutella, obwohl ich sie immer geliebt habe. Das ist für mich so ein gutes Beispiel. In Nutella ist Palmöl enthalten und weil die Produktion und der Transport nicht ökologisch sind, möchte ich sie nicht mehr kaufen. Aber, statt dass man die Verwendung von Palmöl schlichtweg verbietet, statt dass Nutella ohne Palmöl produziert wird, statt dessen muss ich nun einfach ganz auf Nutella verzichten. Wir stecken so tief in der Krise, wir sind so resistent gegen Veränderung. Deswegen glaube ich einfach nicht, dass wir den Wandel hinbekommen, wenn wir auf die Freiheit der Verantwortlichen und der einzelnen Menschen setzen. Wir brauchen Regulierungen.

LZ: Regulierungen lösen in mir auch Widerstand aus, ehrlich gesagt. Ich muss zum Beispiel zugeben, dass es mir heute schwerer fällt, auf Fleisch zu verzichten, als früher. Früher habe ich selten Fleisch gegessen. Aber heute, wo es ja quasi schuldbeladen ist, reagiere ich wider besseren Wissens mit Trotz und möchte auf meinen Speck oder meine Bratwurst ungern verzichten.  

MH: Es geht mir nicht nur um Verbote, sondern wirklich um Regulierung. Wie kann es zum Beispiel sein, dass es immer noch billiger ist, zu fliegen, als mit dem Zug zu fahren? Ich kann sogar verstehen, dass sich Leute nicht klimafreundlich verhalten, wenn es so teuer ist. Beim Essen ist es auch so, biologisch angebaute, lokale Nahrung kostet viel mehr. Das liesse sich mit klaren politischen Entscheiden lösen.

PH: Das ist auch seit jeher mein persönlicher Beitrag zum Klimaschutz. Ich esse nicht weniger von irgendetwas, sondern ich setze mich öffentlich und politisch ein. Das ist es auch, was ich gut kann. Jetzt bin ich ja eigentlich pensioniert, aber es hat mir wirklich noch einmal Power gegeben, dank der Jugend, die übrigens nach uns KlimaSeniorinnen auf die Strasse gegangen ist. Ich bin wieder voll dabei, man kann mich brauchen, ich habe die Energie dazu – weil ich die Wichtigkeit sehe, sogar noch mehr, als früher.

FW: Ich äussere mich sehr selten dazu, was ich in meinem persönlichen Leben mache. Ich mache wohl alles, was bisher genannt wurde. Ich finde aber, meine Anliegen sind genau gleichberechtigt, egal, wie ich mich verhalte.

PH: Ich finde die Frage nach dem persönlichen Verhalten wichtig, aber man darf nicht meinen, man hätte das Problem mit dieser Frage gelöst. Denn im Ganzen ist es so minim, ob wir mit dem Velo oder mit dem Bus in die Stadt fahren. Es sind Idealistinnen, Idealisten und Powermenschen, die das machen – die Veränderungen müssen viel grösser sein. 

LZ: Ich bin schon überzeugt, dass unser Einsatz an Glaubwürdigkeit verliert, wenn wir selbst nicht klimaverträglicher leben – es aber gleichzeitig von anderen einfordern. 

MH: Wir fordern es ja nicht in erster Linie von anderen Menschen, wir fordert es von der Politik. Das ist ein Unterschied. Wir sagen ja nicht: «Wir machen nichts, macht ihr es.» Sondern wir sagen: «Wir schaffen es nicht, perfekt ökologisch zu leben, aber wir wünschen uns politische Massnahmen, die uns das ermöglichen.»

Was können Sie Menschen raten, die verunsichert sind und die gerne einen Beitrag leisten möchten?
PH: Gehen Sie wählen, nehmen Sie Einfluss dort, wo es möglich ist. Kommen Sie mit Menschen ins Gespräch und informieren Sie sich.

FW: Engagieren Sie sich politisch, denn mit wählen ist es leider nicht gemacht.

Heisst das übersetzt: Gehen Sie an den Klimastreik?
FW: Nicht nur. Sicher ist der Klimastreik im Moment die Bewegung, die am meisten Einfluss hat. Aber politisches Engagement geht viel weiter. In den Gemeinden müssten sich mehr Menschen stark machen, dass Energiekonzepte entstehen. Wie sonst sollen wir bis 2030 die Treibhausgasemissionen auf Null reduzieren? Andere könnten sich öffentlich äussern, je nach Möglichkeit und Begabung.

PH: Warum sind zum Beispiel noch nicht auf jedem Kirchendach Solarzellen? Ich bin überzeugt, dass wir mit einfachen Schritten etwas erreichen. Gleichzeitig kommen wir an der Parteipolitik nicht vorbei. Ohne diese gibt es keine Wende. 

MH: Da kann ich mich nur anschliessen: Das Parlament, das jetzt gewählt wird, wird das letzte sein, das die Schweiz noch auf einen Kurs bringen kann, um die Klimakatastrophe zu verhindern. Und kommen Sie an den Klimastreik! Denn selbst die Parteien, die wir wählen, machen zu wenig. Zusammen können wir aber den Druck erhöhen. 

«Apokalypse», «Klimasünde», «Ablass» durch Emissionshandel – mir fällt auf, dass in der Klimadebatte gern auf alte religiöse Begriffe zurückgegriffen wird. Warum? 
FW: Ich glaube, in den Religionen ist sehr viel grundgelegt. Das Judentum ist zum Beispiel die erste Religion, die auf einen Tag wert gelegt hat, an dem alles ruht und an dem keine Energie verbraucht wird. Ich höre aber nicht nur negative religiöse Begriffe, sondern auch positive. Das «Liebe Deinen Nächsten» ist etwas, das auch in unserer Klimabewegung eine Rolle spielt. Die alten Worte geben dem, was passiert, ein Gewicht, eine Dramatik.

PH: Die Begriffe sind einfach sehr aussagekräftig. Alle wissen: «Apokalypse» ist die Endzeit – nachher ist Schluss. Und wenn ein solches Wort zu Hilfe kommt, warum nicht? Ich glaube, dafür gibt es einfach keine besseren Ausdrücke. 

MH: In unserer Situation braucht es sehr viel Solidarität, mit zukünftigen Generationen und mit dem anderen Teil der Welt. Es braucht auch sehr viel Hoffnung, die Situation sieht düster aus und trotzdem müssen wir handeln. Dann braucht es auch Liebe für andere und Verständnis gegenüber denen, die sich nicht so schnell wandeln können. Auch wenn es für all das die Kirchen oder die Religionen nicht unbedingt braucht: Sie helfen dabei. Religion hilft vielen Menschen, so zu handeln, wie man eben handeln müsste. Das ist für mich der Grund, warum auch die Begriffe verwendet werden. 

Wie nehmen Sie die Kirchen in ihrem Engagement für den Klimaschutz wahr? 
LZ: Mir fehlt die Kirche in der Debatte, mir fehlen die Stimmen der Kirchen und Religionen. Im Gottesdienst könnte regelmässig eine Fürbitte um Einsicht vorgebracht werden, dass wir das Klima retten müssen. Oder beim Friedensgruss: Warum wünschen wir uns nicht den Frieden und Klimagerechtigkeit? Warum gibt es nicht öfters Predigten dazu?

FW: Mir hat gefallen, dass sich Papst Franziskus dazu geäussert hat, dass es den Klimawandel wirklich gibt und dass wir ihn ernst nehmen müssen. Menschen wie der Papst haben immer noch einen grossen Einfluss auf viele. Insgesamt würde ich mir aber ein klares Bekenntnis wünschen, dass wir in einer Krise sind.

PH: Die Kirchen bekennen mir zu wenig Farbe. Sie hätten alle Grundlagen, um der Schöpfung Sorge zu tragen. Ausgerechnet bei diesem Thema verstehe ich nicht, warum sie es nicht tun. Sie nehmen ihre Verantwortung und ihre Rolle, die sie in der Gesellschaft haben, zu wenig wahr.

MH: Die Kirche schafft es in meinen Augen extrem gut, ihren Mitgliedern Hoffnung und Stärke zu geben, um für ethische und moralische Grundwerte einzustehen. Konsequenter Weise wäre es Aufgabe der Kirche, ihren Mitgliedern zu zeigen, wo sie konkret für diese Werte einstehen können. Dafür gibt es kaum ein besseres Beispiel als die Klimakrise. Es wäre Aufgabe der Kirche, die Verbindung zu machen zwischen ihren Grundwerten und der Klimakrise.

Kennen Sie Orte, wo das bereits geschieht?
MH: Ja, die reformierte Kirche hat uns Klima-Streikenden ein Angebot gemacht. Wir können eine leer stehenden Kirche nützen. Das finde ich grosszügig. Dass die Kirche aber ihre Mitglieder mobilisieren würde, sich für den Klimaschutz einzusetzen, das habe ich noch nicht erlebt.

Text: Veronika Jehle

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KlimaSeniorinnen

2016 haben Seniorinnen eine Klima-Klage gegen den Bundesrat eingebracht. Er-greifen Bund und Parlament zu wenig wirkungsvolle Klima-Massnahmen, nehmen sie eine Verletzung der Grundrechte in Kauf, die durch die Verfassung und die Konvention der europäischen Menschenrechte geschützt sind. Klima-Erwärmung und Hitze bringen vor allem ältere Menschen in Lebensgefahr, Frauen gehören zur meistbetroffenen Risikogruppe. Heute zählt der Verein 1400 Frauen über 64 Jahren, Männer und Jüngere können ihn unterstützen.

www.klimaseniorinnen.ch

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Klimastreik

Ausgehend von der schwedischen Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg gehen seit Ende 2018 weltweit tausende Schülerinnen und Studenten zum Streik auf die Strassen, vorwiegend am Freitag. «Fridays for Future» ist eine soziale Bewegung, die sich auch in der Schweiz für umfassende, schnelle und effiziente Klimaschutz-Massnahmen einsetzt.

www.climatestrike.ch

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Kirchen und Klima

Seit 1986 engagieren sich Kirchen ökumenisch im Verein «oeku Kirche und Umwelt». Die jährliche Schöpfungszeit, das Umweltzertifikat «Grüner Güggel» und die aktive Unterstützung des Klimastreiks gehören zu den Aktivitäten. Beispiele für ökologisches Handeln von  Zürcher Pfarreien und Kirchgemeinden finden sich unter zhkath.ch, Dossier Nachhaltigkeit.


Religionen und Ökologie
Ringvorlesung, Uni Zürich Zentrum
Do, 21./28.11., 5./12.12., 19.30–21.00
www.ziid.ch