Schwerpunkt

Geschäft mit gutem Gewissen

Von fair produzierter Mode sollen alle profitieren: vom Kleinbauern über die Textilarbeiterinnen bis hin zur Marke selbst. Kann man anderen helfen und erst noch Geld damit verdienen? Einige junge Schweizer Modemacher versuchen es.

Es braucht nicht viel für einen Moment des Glücks. Wer sein designiertes neues Lieblingsshirt zur Ladenkasse trägt oder das Paket mit der Markenhose zum halben Preis öffnet, darf mit einem Stimmungshoch rechnen – zumindest kurzfristig, bis das nächste Angebot lockt.
Doch mit unseren Shoppingtouren legitimieren wir ein fragwürdiges System. Wer für 30 Franken ein T-Shirt kauft, bezahlt der Arbeiterin, die das Stück zusammengenäht hat, gerade einmal 20 Rappen. Das ist, selbst wenn man die Lebensbedingungen in den Produktionsländern berücksichtigt, zu wenig zum Leben. Viele Textilarbeiter in Ländern wie Indien oder Bangladesch leben in Armut und arbeiten unter prekärsten Arbeitsbedingungen. Dazu kommen ökologische Probleme: Alleine mit der Produktion eines einzelnen T-Shirts werden beispielsweise 2720 Liter Wasser verbraucht – so viel, wie jeder von uns innerhalb von drei Jahren trinkt.

Immer lauter ist deshalb in letzter Zeit der Ruf nach fair produzierter Mode geworden. Die Branche hat auf die steigende Nachfrage rea-giert. Kleine wie grosse Labels bieten Kleider an, die angeblich nachhaltig produziert werden. Ist es möglich, dass dieser Trend die Modebranche fairer macht und die Labels gleichzeitig davon profitieren?

Der Begriff Fair Trade geht zurück auf Wohlfahrts- und Hilfs-Organisationen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA und später auch in Europa Waren importierten und weiterverkauften. Sie taten dies aus reiner Wohltätigkeit – hinter vielen «Dritte-Welt-Läden» steckten kirchliche Gruppen. In den 90er-Jahren stieg die Nachfrage nach den exotischen Produkten, und immer mehr konventionelle Händler begannen, Fair-Trade-Produkte zu vertreiben. Es ging also nicht mehr nur ums Helfen, sondern auch ums Geschäft. Die Kleinbauern in den Produktionsländern wurden von Wohltätigkeitsempfängern zu Handelspartnern. Heute wird unter Fair Trade nicht nur ein gerechter Lohn, sondern auch soziale Arbeitsbedingungen und ökologischer Anbau verstanden.
Anfangs war es noch vergleichsweise einfach gewesen, die Einhaltung dieser Standards zu garantieren. Denn die Lieferketten waren einigermassen überschaubar, wo sich doch der faire Handel auf traditionelles Handwerk sowie landwirtschaftliche Güter wie Kaffee, Tee, Bananen oder Kakao beschränkte. Das änderte sich, als sich Fair Trade auf industrielle Produkte wie eben Kleider ausweitete. Neben Kleinbauern mussten nun auch diverse Textilarbeiter und Zwischenhändler die vorgegebenen Umweltstandards einhalten und fair entlöhnt werden – kein einfaches Unterfangen für die Modemacher.

«Für uns ist es schön, zu sehen, dass es den Familien dank der Zusammenarbeit mit uns besser geht.» – Pauline Treis

«Für uns ist es schön, zu sehen, dass es den Familien dank der Zusammenarbeit mit uns besser geht.» – Pauline Treis Foto: Christoph Wider

Das kleine Modelabel Jungle Folk handelt direkt mit den Familien aus Peru und Indien, welche in ihrem Auftrag Kleider nähen.

Das kleine Modelabel Jungle Folk handelt direkt mit den Familien aus Peru und Indien, welche in ihrem Auftrag Kleider nähen.

«Alle in der Kette verdienten fair, aber für mich blieb am Anfang wenig übrig.» – Kilian Wiget

«Alle in der Kette verdienten fair, aber für mich blieb am Anfang wenig übrig.» – Kilian Wiget Foto: Andres Eberhard

Dank dem QR-Code können Kunden für jedes Kleidungsstück nachverfolgen, wo und von welchem Betrieb es hergestellt wurde.

Dank dem QR-Code können Kunden für jedes Kleidungsstück nachverfolgen, wo und von welchem Betrieb es hergestellt wurde. Foto: ZRCL / zvg

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Pauline Treis hat eine naheliegende, wenn auch aufwendige Lösung für dieses Problem bereit: Sie handelt direkt mit den Familien aus Peru und Indien, welche in ihrem Auftrag Kleider nähen. Sie besucht sie regelmässig und ist persönlich mit ihnen in Kontakt: «Wir schreiben uns täglich per WhatsApp.» Treis, 32, ist die Gründerin von Jungle Folk – einem von immer mehr kleineren Schweizer Modelabels, die sich Nachhaltigkeit auf die Fahne schreiben. Sie empfängt in ihrem Atelier, das sich in einem grauen und alten Bürogebäude in Zürich-Altstetten befindet und das sie sich mit einem anderen kleinen Label teilt.

Treis legt eine weisse Seidenhose vor sich auf den Tisch, zieht dann ihr Handy hervor und wischt durch Fotos ihrer letzten Reise nach Indien: Auf einem Bild ziehen Ochsen Kohleklumpen über eine Schotterstrasse, auf dem nächsten verarbeiten Arbeiterinnen Seide auf einem Spinnrad. «In diesem Dorf wurde der Stoff für die Hose gemacht», erklärt Treis. Solche Fotos teilt sie über die sozialen Medien Instagram und Facebook – die Kunden sollen sehen, wer ihre Kleider hergestellt hat und unter welchen Bedingungen. «Für uns ist es schön, zu sehen, dass es den Familien dank der Zusammenarbeit mit uns besser geht», sagt Treis. Ein Betrieb in Peru habe eben eine Bruchbude gegen ein neues Atelier eingetauscht, drei Mitarbeiter angestellt sowie eine neue Strickmaschine angeschafft. Die Partnerbetriebe profitieren zwar von den fairen Löhnen, die Jungle Folk bezahlt, wirtschaften aber auf eigene Rechnung. «Trade to Aid», also handeln, um zu helfen, nennt Treis das.
Treis ist Koordinatorin der globalen Initiative Fashion Revolution, steht als solche dem gleichnamigen Schweizer Verein vor. Ziel ist es, hauptsächlich mittels Sensibilisierung die Branche nachhaltiger und fairer zu machen. Fashion Revolution fordert die Labels vor allem zu mehr Transparenz auf. «Who made my clothes» lautet der entsprechende Kampagnen-Slogan. Jedoch verhehlt Treis nicht, dass zu viel Transparenz dem Geschäft schaden kann. Würde sie die Namen und Adressen ihrer Produktionsbetriebe komplett offenlegen, könnte die Konkurrenz diesen theoretisch ein besseres Angebot machen – und die ganze Arbeit, die Treis täglich in die Koordination mit den Familien steckt, wäre zunichte gemacht. Auch die Frage nach Transparenz bei den Herstellungskosten ist heikel. «Die Kunden verstehen die hohen Margen des Handels häufig nicht», sagt Treis, die den Grossteil ihres Umsatzes über Kleiderläden erwirtschaftet.

 

Keine Bedenken, dass zu viel Transparenz dem Geschäft schaden könnte, hat Kilian Wiget. Der 34-Jährige aus dem Kanton Schwyz hat vor vier Jahren die Kleidermarke ZRCL (gesprochen «Circle») entworfen, die er mit dem Slogan «Streetwear ohne Geheimnisse» anpreist. Auf der Etikette jedes Kleidungsstückes befindet sich ein Code, mit dem die Kunden im Internet nachschauen können, wo und von welchen Betrieben es hergestellt wurde. «Theoretisch kann die Konkurrenz die ganze Lieferkette kopieren», sagt Wiget. «Aber ich versuche einfach, immer einen Schritt voraus zu sein.»

Das System mit dem QR-Code ist eine Erfindung der Firma Remei AG, über welche Wiget die Bio-Baumwolle bezieht. Diese garantiert unter dem Siegel «bioRe» strenge ökologische und soziale Anforderungen in der Produktion. Damit nimmt die Firma, die auf den Anbau und die Vermarktung von Bio-Baumwolle spezialisiert ist, den Labels die schwierige Arbeit ab, die Einhaltung der sozialen und ökologischen Standards vor Ort zu überprüfen. Auch Marken wie Coop Naturaline oder Mammut arbeiten mit Remei zusammen. Wiget, der den Rohstoff in Indien und Tansania bezieht und danach in Litauen und der Schweiz weiterverarbeiten lässt, erklärt das Grundprinzip: «Die knapp 5000 Kleinbauern, die sich dem Modell angeschlossen haben, verpflichten sich zu biologischem Landbau, erhalten dafür aber rund 15 Prozent mehr, als wenn sie konventionell anbauen würden.»
Dass es Wiget in Sachen Transparenz ernst meint, beweist er im Gespräch in einem Café am Ufer des Vierwaldstättersees. Was nicht ohnehin schon auf seiner Website steht, verrät er ohne zu zögern – auch, was die Kosten angeht: «Der Verkaufspreis beträgt bei mir rund das Doppelte des Einkaufspreises», sagt er. Von den 50 Franken, die ein T-Shirt von ZRCL kostet, teilt er sich also rund die Hälfte mit dem Verkäufer. Was nach viel klingt, ist vergleichsweise wenig: Im Handel üblich sind 2,5- bis 3-fache Margen. Wiget sagt, dass die Fachgeschäfte bei dieser Margenpolitik bislang immer mitgezogen hätten – auch, wenn sie dabei weniger verdienten.

Dass neue Labels wie ZRCL und Jungle Folk auf nachhaltige Produktion setzen, ist lobenswert. Aber ist es auch ein Geschäft? Sowohl Wiget wie auch Treis betonen, dass der Anfang schwierig war. «Alle in der Kette verdienten fair, aber für mich blieb wenig übrig», sagt Wiget, der eine Zeit lang parallel als Geschäftsführer eines Snowboardshops arbeitete. Nach vier Jahren würden die Umsätze nun aber pro Jahr um 40 bis 60 Prozent steigen – im ersten Jahr hatte er erst 900 Teile produziert, heute sind es rund 11 000. Bald wird zum ersten Mal eine Mitarbeiterin für ihn arbeiten. Auch bei Treis nehmen nach sechs teilweise schwierigen Jahren Bestellungen und Umsatz zu, täglich steht der Lieferdienst mit grossen Paketen vor der Türe, auch sie hat neben einer Praktikantin kürzlich eine erste Mitarbeiterin angestellt.

Es scheint also durchaus möglich, mit nachhaltig produzierter Mode auch wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Dass es sich bei Fair Trade aber eher um eine wachsende Nische als um eine unmittelbar bevorstehende Revolution handelt, beweisen die Zahlen: Von den 23 Millionen Tonnen Baumwolle, die pro Jahr weltweit produziert werden, stammen weniger als ein Prozent aus biologischem Landbau. Und nur ein Bruchteil davon trägt auch das Label Fair Trade. Ausserdem läuft im Hintergrund einiges schief. So wird beispielsweise weltweit mehr Bio-Baumwolle verkauft, als überhaupt angebaut wird.

Die jungen Schweizer Modemacher glauben auf jeden Fall an den Wandel. Den Eingang zum Kleiderladen von ZRCL in Brunnen ziert ein Plakat, das für die Konzernverantwortungsinitiative wirbt. Und drinnen an der Wand hinter dem Verkaufstresen hängt ein grossformatiges Foto eines Fabrikarbeiters, der ein Schild hochhält, auf dem steht: «I made your clothes». Treis, die Schweizer Koordinatorin der Fashion Revolution, bringt es anderntags auf den Punkt: «Was es braucht, ist ein Umdenken. Wir müssen Kleidern wieder mehr Wertschätzung entgegen- bringen. Wir kaufen zu viel ein – mehr, als wir tatsächlich brauchen.» Es klingt wie eine Plattitüde. Doch von jemandem, der von unseren ausgiebigen Shoppingtouren lebt, ist dies eine durchaus erstaunliche Aussage.

Text: Andres Eberhard, freier Journalist

Angebot laufend

ZRCL, Jungle Folk und weitere nachhaltige Labels sind hier erhältlich:

RRREVOLVE Fair Fashion, Niederdorfstrasse 17, 8001 Zürich, Mo–Fr, 11–19 Uhr, Sa, 11–18 Uhr, www.rrrevolve.ch