Editorial

Erinnerungskultur

«Es gibt Momente in unserem Leben, die uns so stark berühren, dass wir sie festhalten möchten.»

Die Geburt eines Kindes, Hochzeit und runde Geburtstage halten wir mit Fotos und speziellen Einladungs- und Dankeskarten fest. Am Ort, wo jemand verstorben ist, brennen Kerzen und stehen Blumen. Wallfahrtskirchen und -kapellen sind voller «Ex voto»: Tafeln oder Gegenstände, die an eine Gebetserhörung nach Krankheit oder grosser Not erinnern.

Für unsere Lebensgeschichte sind solche Erlebnisse prägend. Sie können die Richtung unseres Lebens verändern. Auch Entscheidungen, an denen wir festhalten möchten, brauchen eine Sichtbarkeit: Ordensleute ziehen ein entsprechendes Gewand an oder heften sich ein kleines Kreuz an. Eheleute schenken sich den Trauring. Alle sollen es sehen und damit auch die Entscheidung unterstützen oder sich dadurch anregen lassen auf dem eigenen Weg.

Lasst uns drei Hütten bauen! Das sagten schon die Jünger, als sie Jesus auf dem Berg Tabor so strahlend erlebten, dass sie dort mit ihm bleiben wollten. Doch das Leben lässt sich nicht festhalten. Es entwickelt und entfaltet sich, es fliesst und wir verändern uns mit ihm. Aber in allem Fluss bleibt ein Kern unserer Identität bestehen. Diesen dürfen wir auch mit äusseren Zeichen bestärken – solange wir uns damit nicht auf eine Entwicklungsstufe, ein Gefühl in unserem Leben festnageln und dabei stecken bleiben.

Immer mehr halten Menschen mit Tattoos etwas direkt auf ihrem Körper fest, das ihnen wichtig ist. Wenn ich diese sehe, frage ich mich unwillkürlich: Was liegt diesem Tattoo zugrunde? Was war so wichtig, dass es möglichst unauslöschlich festgehalten und erinnert werden soll?

Text: Beatrix Ledergerber