Tattoos gehen unter die Haut

Gezeichnet: das Leben

Eine Reise unter die Oberfläche.

Text: Thomas Binotto - Fotos: Christoph Wider

Vor mir steigt ein Mann aus dem Wasser. Ein richtiger Kerl, breite Schultern, zünftige Tätowierungen. Eines dieser grossflächigen Tattoos zeigt Jeanne d'Arc, stilistisch zwischen Prinz Eisenherz und einem Pin-up der 50er-Jahre angesiedelt.

Der Sommer ist die hohe Zeit des Tattoo-Spottings. Mich faszinieren diese unter die Haut gestochenen Bilder schon seit langem. Ich mag halt auch Comics und mittelalterliche Kunst. Am liebsten möchte ich den Hünen vor mir aufhalten: «Lass mich dein Tattoo genau anschauen! Weshalb hast du es dir stechen lassen? Ist das ein Glaubensbekenntnis?»

Ich trau mich natürlich nicht und belasse es bei einem verstohlenen Blick im Vorbeigehen. So offen Tattoos zur Schau gestellt werden, so sehr scheinen sie dennoch Teil der Intimsphäre zu sein. Auf der Oberfläche des Körpers sichtbar, reichen sie doch tief in die Persönlichkeit hinein. Ich empfinde sie als exaltiert und introvertiert zugleich.

Diese Faszination kennt Richard Kunz. Der Anthropologe ist stellvertretender Direktor des «Museums der Kulturen» in Basel. Er hat 2013 mit «Make Up» eine der ersten grossen Ausstellungen kuratiert, die «Körperveränderung» als weltweites kulturelles Phänomen aufgezeigt haben: «Als wir die Ausstellung planten, kamen wir zur Überzeugung: Körperveränderung ist etwas, was den Menschen von allen anderen Lebewesen unterscheidet. Er kann seinen eigenen Körper gestalten. Und er tut das wahrscheinlich, seit es Menschen gibt.»

Heute ist ungefähr jeder fünfte Schweizer, jede fünfte Schweizerin tätowiert. Bei den Jüngeren dürften es beinahe 50 % sein. Nachdem es bis in die 90er-Jahre hinein in vereinzelten Kantonen noch Tätowierverbote gab, sind Tattoos längst Mainstream geworden.

Im Gespräch mit Kunz werden oft zitierte Behauptungen allerdings schnell relativiert. Er erklärt beispielsweise, dass Tätowierungen nie eine reine Subkultur waren: «Auch in Europa hat das Tätowieren eine lange Tradition. Die Pikten in Schottland waren wahrscheinlich tätowiert. Moorleichen aus der Keltenzeit waren teilweise ebenfalls stark tätowiert. Es gibt entsprechende skythische Funde. Selbst der Ötzi war tätowiert.»

Im ägpytischen Deir Dronka ist Maria Himmelfahrt auch Tattoo-Tag

Im ägpytischen Deir Dronka ist Maria Himmelfahrt auch Tattoo-Tag Foto: Andrea Krogmann

In Jerusalem lassen sich Pilger seit Jahrhunderten tätowieren.

In Jerusalem lassen sich Pilger seit Jahrhunderten tätowieren. Foto: Andrea Krogmann

Auch der seliggesprochene Heinrich Seuse, Dominikaner und Mystiker des 14. Jahrhunderts, war tätowiert.

Auch der seliggesprochene Heinrich Seuse, Dominikaner und Mystiker des 14. Jahrhunderts, war tätowiert. Foto: Wikimedia Commons

Votivtafeln sind wie Tattoos für Kirchen.

Votivtafeln sind wie Tattoos für Kirchen. Foto: Christoph Wider, forum

Hinter jeder Votivtafel steht wie hinter jedem Tattoo eine persönliche Geschichte – vom Leben gezeichnet.

Hinter jeder Votivtafel steht wie hinter jedem Tattoo eine persönliche Geschichte – vom Leben gezeichnet. Foto: Christoph Wider, forum

1 | 1

Ein weiteres Klischee, das es nach dem Besuch in Basel zu begraben gilt, betrifft das christliche Tätowierverbot. Es gab zwar tatsächlich einen Papst, der es explizit untersagt hat, das war Hadrian I. im 8. Jahrhundert. Im 16. Jahrhundert dagegen erlaubte Papst Sixtus V. in einer Bulle die Pilgertätowierung.

Bei Paul-Henri Campbell entdecke ich dann eine christliche Tätowiertradition, die seit Jahrhunderten anhält. In seinem Buch «Tattoo & Religion» beschreibt er, wie die Römer teilweise jene Christen, die nicht bereit waren vom Glauben abzufallen, mit einem Kreuz markierten.

Aber wie sie schon das schändliche Kreuz zum Heilszeichen erhoben hatten, so nahmen die Gedemütigten auch hier eine Umdeutung vor: Aus dem Zeichen der Ausgrenzung wurde ein Zeichen der Zugehörigkeit. Noch heute ist es bei orientalischen Christen weit verbreiteter Brauch, sich mit christlichen Motiven lebenslang zeichnen zu lassen. Mit dem selbst beigeefügten Stich dem stigmatisierten Jesus nachzufolgen.

Die palästinensich-christliche Familie Razzouk tätowiert in Jerusalem seit Jahrhunderten Pilger – laut eigenen Angaben seit 1300 – und ist damit wohl das älteste Tattoo-Studio der Welt. 

Obwohl sich diese Tradition fernab meiner Jugend in der katholischen Innerschweiz abspielt, so ist mir doch eine exaltierte, emotionale und bisweilen krass anschauliche religiöse Bildwelt vertraut. Ich kann mich an Beinhäuser erinnern, die ich als Kind schauerlich faszinierend fand. Und an Kapellen, die mit Votivtafeln übersät waren. Heute kommen sie mir wie tätowierte Kirchenräume vor.

Bei Christen im weiteren Nahen Osten hat das Tätowieren eine lange Tradition. So lange, dass sie jungen Christen teilweise als zu altertümlich erscheint.

Bei Christen im weiteren Nahen Osten hat das Tätowieren eine lange Tradition. So lange, dass sie jungen Christen teilweise als zu altertümlich erscheint. Foto: Andrea Krogmann

Die palästinensich-christliche Familie Razzouk tätowiert in Jerusalem seit Jahrhunderten Pilger – laut eigenen Angaben seit 1300 – und ist damit wohl das älteste Tattoo-Studio der Welt.

Die palästinensich-christliche Familie Razzouk tätowiert in Jerusalem seit Jahrhunderten Pilger – laut eigenen Angaben seit 1300 – und ist damit wohl das älteste Tattoo-Studio der Welt. Foto: Andrea Krogmann

In Jerusalem können die Kunden bei Razzouk unter unzähligen christlichen Motiven wählen.

In Jerusalem können die Kunden bei Razzouk unter unzähligen christlichen Motiven wählen. Foto: Andrea Krogmann

Selbst Tätowierungen auf dem Kopf sind bei orientalischen Christen nicht unüblich.

Selbst Tätowierungen auf dem Kopf sind bei orientalischen Christen nicht unüblich. Foto: Andrea Krogmann

1 | 1

Am ägyptischen Dronka haben Tattoos Tradition.
Hier geht's zur Bildreportage von Andrea Krogmann…

Der Religionspädagoge und Theologiestudent Claude Bachmann, ebenfalls in der Innerschweiz aufgewachsen,trägt unzählige Tattoos in seiner Haut.  Er tut dies mit Absicht ganz offen: «Ich mache meine Tattoos dort, wo man sie sieht. Sie sind für mich eine Form, mich selbst auszudrücken. Das erste entstand auf der Hand.»

Es macht ihm auch nichts aus, wenn man ihn nach den Geschichten seiner Tattoos fragt. «Das Rad-Symbol von Bruder Klaus ist ästhetisch nicht speziell, mich fasziniert aber die damit verbundene Spiritualität, seit ich als Ministrant  und Jungwachtleiter an den Pfarreiwallfahrten in den Ranft teilgenommen habe. Später habe ich mir auch noch das Bruder-Klaus-Gebet tätowieren lassen.»

Bachmanns Tattoos sind ein wildes stilistisches und inhaltliches Panoptikum. Auch das ist Absicht: «Mein Konzept ist das Sammelsurium von verschiedenen Geschichten. Darin geht es fast immer um Begegnungen. Meine Tattoos sind eine Art Tagebuch. Deshalb bereue ich auch keines meiner Tattoos – genauso wenig wie ich sonst etwas in meinem Leben bereue. Das macht für mich keinen Sinn, denn meine Tattoos sind einfach verewigte Lebensgeschichte.»

«Für mich war immer klar: Ich mache meine Tattoos dort, wo man sie sieht. Sie sind für mich eine Form, mich selbst auszudrücken. Das erste entstand als ich 25 war auf der Hand. Die Sterne stehen für das Wappen von Alaska.» Claude Bachmann

«Für mich war immer klar: Ich mache meine Tattoos dort, wo man sie sieht. Sie sind für mich eine Form, mich selbst auszudrücken. Das erste entstand als ich 25 war auf der Hand. Die Sterne stehen für das Wappen von Alaska.» Claude Bachmann Foto: Christoph Wider, forum

«Das Rad-Symbol von Bruder Klaus ist ästhetisch nicht speziell, mich fasziniert aber die damit verbundene Spiritualität, seit ich als Ministrant  und Jungwachtleiter an den Pfarreiwallfahrten in den Ranft teilgenommen habe.» Claude Bachmann

«Das Rad-Symbol von Bruder Klaus ist ästhetisch nicht speziell, mich fasziniert aber die damit verbundene Spiritualität, seit ich als Ministrant und Jungwachtleiter an den Pfarreiwallfahrten in den Ranft teilgenommen habe.» Claude Bachmann Foto: Christoph Wider

Claude Bachmann sieht in seinem Sammelsurium von Tattoos ein Tagebuch.

Claude Bachmann sieht in seinem Sammelsurium von Tattoos ein Tagebuch. Foto: Christoph Wider

1 | 1

Genauso offenherzig tätowiert ist die Jugendseelsorgerin Franziska Heigl aus Greifensee. Auch sie führt auf ihrem Körper eine Art Tagebuch, allerdings sollen hier dereinst alle Motive zu einem Ganzen zusammenwachsen. Sie geht deshalb – anders als Claude Bachmann – immer zum selben Tätowierer.

«Meine Tattoos zeigen einen Weg. Begonnen habe ich – auf Empfehlung meines Tätowierers – an einer wenig sichtbaren Stelle oberhalb der Hüfte. Diese ersten Tattoos erinnern an meine Kinder. Alle weiteren wurden durch das Leben ausgelöst. Meine Tattoos fügen sich so mehr und mehr zu einem zusammenhängenden Lebensweg. Vor zwei Wochen habe ich den Kreis am Arm zur Schulter hin mit einem grossen Schmetterling geschlossen.»

Sie bestätigt die Vermutung, dass Tattoos gleichzeitig nach aussen und nach innen zeigen. «Jeder kennt die Ambivalenz zwischen dem Wunsch, sich zu zeigen und gleichzeitig doch seine Intimität zu bewahren. Mit meinen Tattoos stehe ich dazu und lerne mich dadurch selbst besser kennen. Ich kann einen sensiblen Bereich meiner Person zeigen und verrate doch nicht alles, denn hinter jedem Tattoo verbirgt sich eine Geschichte, die nicht offensichtlich
ins Auge springt.»

Ein Tattoo ist Heigl dabei besonders wichtig. Es richtet sich zugleich an sie selbst wie an den Betrachter. Der Schriftzug «Never give up» steht auf dem linken Schulterblatt. «Damit drücke ich eine Zuversicht aus, die ich selbst in meinen schwersten Zeiten immer hatte. Ich kann gar nicht aufgeben.» Und so werden Tattoos zu Zeichen der Versöhnung. «Tattoos helfen mir, zu mir selbst Ja zu sagen und mit mir selbst versöhnt unterwegs zu sein. Dank ihnen gehöre ich ein Stück weit ganz mir selbst. Meine Tattoos zeigen mir, wer ich war und bin. Dazu gehört auch das Misslungene. Es macht mich genauso zu dem Menschen, der ich bin, wie meine Erfolge. Am Ende wird sich mein Tattoo-Lebensweg – so stelle ich mir das jedenfalls momentan vor – als Wurzeln in den Boden führen.»

Der Schriftzug «Never give up» steht auf dem linken Schulterblatt. «Damit drücke ich eine Zuversicht aus, die ich selbst in meinen schwersten Zeiten immer hatte. Ich kann gar nicht aufgeben.»

Der Schriftzug «Never give up» steht auf dem linken Schulterblatt. «Damit drücke ich eine Zuversicht aus, die ich selbst in meinen schwersten Zeiten immer hatte. Ich kann gar nicht aufgeben.» Foto: Christoph Wider, forum

Franziska Heigl sagt mit ihren Tattoos «Ja» zu sich selbst.

Franziska Heigl sagt mit ihren Tattoos «Ja» zu sich selbst. Foto: Christoph Wider, forum

«Am Ende wird sich mein Tattoo-Lebensweg – so stelle ich mir das jedenfalls momentan vor – als Wurzeln in den Boden führen.» Franziska Heigl

«Am Ende wird sich mein Tattoo-Lebensweg – so stelle ich mir das jedenfalls momentan vor – als Wurzeln in den Boden führen.» Franziska Heigl Foto: Christoph Wider, forum

1 | 1

Die Studentin Miriam* hat sich eine kleine Schildkröte stechen lassen. «Meine Schildkröte geht auf ein Bilderbuch aus Uruguay zurück, das mir meine Mutter oft erzählt hat. Es geht um eine Schildkröte, die ausgerechnet Manuelita heisst. Sie macht in Paris als Model Karriere, wird dann aber auf der Heimreise nach Südamerika wieder zu der Schildkröte, die sie einmal war. Diese
Geschichte bedeutet mir viel. Ich mache mir oft Sorgen und viele Gedanken, was mich manchmal blockiert. Die Schildkröte Manuelita erinnert mich daran, dass es gut ist, wenn ich so bin, wie ich bin, und dass man auch langsam weit kommen kann, wenn man geduldig bleibt.»

Neben ihr auf der Polyterasse sitzt Anne*, die schon lange drei Motive im Kopf, aber noch nicht in der Haut hat: «Anker, Steuerrad und Leuchtturm. Sie sind  einerseits Zeichen für meine Leidenschaft zum Segeln. Sie haben aber auch eine symbolische Bedeutung. Zunächst möchte ich den Anker stechen lassen. Er steht für den Halt im Leben. Und als Ort habe ich mir den linken Fuss ausgedacht, weil ich ihn wegen Rückenproblemen längere Zeit nicht bewegen konnte.»

Und Giulia*, die dritte junge Frau in der Runde, schwankt: «Früher hätte ich mich auf keinen Fall tätowieren lassen. Inzwischen kann ich es mir vorstellen, habe aber keine konkrete Idee. Ich bin auch nicht auf der Suche nach einem Motiv. Es müsste auf mich zukommen und gleichzeitig ganz mein Motiv sein. Dafür müsste ich wohl längere Zeit warten und überlegen, schliesslich ist es eine Entscheidung, die für das gesamte Leben sichtbar bleibt.»

Alle drei sind sich einig, dass jedes Tattoo auch ein Bekenntnis sein soll, aber nicht zwingend ein religiöses. Giulia sagt: «Bei Tattoos spielt für mich die religiöse Haltung keine Rolle. Eher schon bei Schönheitsoperationen, diese lösen bei mir aus christlich-religiöser Sicht mehr Fragen aus.»

Tattoos mit einer seriösen Laserbehandlung zu entfernen, ist teurer als sie zu stechen.

Tattoos mit einer seriösen Laserbehandlung zu entfernen, ist teurer als sie zu stechen. Foto: Alamy

1 | 1

Die Ärztin Bettina Rümmelein hat allen Grund, von Tattoos abzuraten: Sie ist als Dermatologin auf medizinische Laserbehandlung spezialisiert. «Ich habe in meiner Praxis tagtäglich mit Menschen zu tun, die ein Tattoo unbedingt weg-
haben wollen.»

Sie kennt also all die Leidensgeschichten, die mit Tattoos verbunden sein können: «Es entstehen mehr Tätowierungen unter Druck und sogar Zwang, als man annehmen möchte. Ich habe beispielsweise Patienten, die als Teenager von ihren Eltern zu Tattoos gedrängt wurden. In anderen Fällen haben Partner – vor allem Männer – massiven Druck ausgeübt und ihre Partnerin zur
Tätowierung praktisch genötigt, als ob sie ein Besitzstandzeichen hinterlassen wollten. Viele unliebsame Tattoos entstehen aus einer Laune heraus, oft unter Einfluss von Alkohol oder Drogen. Und schliesslich gibt es schockierenderweise auch Fälle, in denen Menschen überfallen, gefesselt und zwangstätowiert wurden.»

Da es für Tätowierer keine regulierte Ausbildung gibt, ist es schwierig, Standards durchzusetzen. Dabei ginge es vor allem um Hygiene und Substanzen. Als Rümmelein vor einigen Jahren aus beruflichem Interesse eine Tattoo-Messe besuchte, war sie schockiert: «Es war unglaublich, unter welchen hygienischen Bedingungen da live tätowiert wurde. Als Kunde gibt man beim Tätowieren einer normalerweise nicht ausgebildeten Person einen grossen Vertrauensvorschuss. Man sollte deshalb mindestens auf folgende Dinge besonders achten: Wo kommen die Farben her? Werden hygienische Standards eingehalten?»

Entwicklungen in der Lasertechnologie haben in den letzten Jahren dazu geführt, dass Tattoos nicht mehr so verbindlich empfunden werden wie früher. Allerdings gibt es für die Laserbehandlung erst seit kurzem ein Gesetz, das allerdings noch längst nicht greift. Deshalb warnt Bettina Rümmelein: «Laserbehandlungen sind anspruchsvoll. Von schlecht ausgebildeten Laien mit mangelhaften Geräten durchgeführt, können sie zu katastrophalen Ergebnissen führen. Das Netz ist voll von grauenvollen Bildern, die solche fehlgeschlagenen Entfernungsversuche dokumentieren.»

Was würde sie also jungen Menschen wie Giulia und Teresa raten, die sich ein Tattoo überlegen? «Denk daran, wie sehr du dich mit einem Tattoo festlegst! – Schau dir die Fotoalben deiner Eltern an: Wie sie sich vor 40 Jahren gekleidet und gestylt haben, das galt damals als wahnsinnig modisch und chic. Nie hätten sie geglaubt, dass sie darüber einmal den Kopf schütteln würden.»

Und damit geht’s nach Chur zu Werner Businger. In seinem Tattoo-Shop wird die Zeit optisch noch viel weiter als bloss 40 Jahre zurückgedreht. Businger ist begeistert von alter Handwerkskunst: «Ich liebe gutes Handwerk, bei dem man in jedes
Detail viel Liebe reinsteckt. Das fehlt heute oft – nicht nur beim Tätowieren. Ich habe mit Tattooshops und -ketten, die eine konsumorientierte Shopping-Mentalität befriedigen, Mühe. Man schätzt doch Dinge mehr, auf die man warten muss, und die Freude wird dadurch noch grösser. Konsumhaltung und Wegwerfmentalität mag ich grundsätzlich nicht. Das ist für mich eine Haltung, die nicht nur der Tattoo-Szene schadet.»

In seinen Laden kann jeder rein und sich alles anschauen und Businger weicht keiner Frage aus. «Was die Hygiene betrifft, werden
wir von Eyeco überprüft und zertifiziert. Diese unabhängige Hygienekontrolle überprüft einerseits die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben. Sie unterstützt uns aber auch dabei, unsere Hygiene weiter zu optimieren. Auch das schätze ich sehr.»

Jugendliche nimmt er grundsätzlich erst als Kunden an, wenn sie über 18 Jahre alt sind. Aber selbst dann fordert er sie gerne heraus: «Junge wollen manchmal das Logo einer gerade hippen Band stechen lassen. Die schicke ich häufig weg. Ich will nicht, dass sie unüberlegt einem Furz nachgeben. Wenn sie ein halbes Jahr später wiederkommen und das Bandlogo immer noch wollen, dann können wir gerne nochmals darüber reden. Das Warten hilft auch, sich eine Sache genau zu überlegen.»

Werner Businger will als stolzer Büezer seine Kunst mit sorgfältigem Handwerk in Einklang bringen.

Werner Businger will als stolzer Büezer seine Kunst mit sorgfältigem Handwerk in Einklang bringen. Foto: Christoph Wider, forum

Der Entwurf ist Grundlage für ein durchdacht gestaltete Tattoo.

Der Entwurf ist Grundlage für ein durchdacht gestaltete Tattoo. Foto: Christoph Wider, forum

Der Entwurf wird als Vorlage auf die Haut übertragen.

Der Entwurf wird als Vorlage auf die Haut übertragen. Foto: Christoph Wider, forum

Schmerzen sind Teil der Tattoo-Kultur.

Schmerzen sind Teil der Tattoo-Kultur. Foto: Christoph Wider, forum

Klare Linien sind notwendig, damit ein Tattoo lange gut aussieht.

Klare Linien sind notwendig, damit ein Tattoo lange gut aussieht. Foto: Christoph Wider, forum

Werner Busingers «Old Century Tattoo» ist auch ein kleines Museum der Tätowiergeschichte…

Werner Busingers «Old Century Tattoo» ist auch ein kleines Museum der Tätowiergeschichte… Foto: Christoph Wider, forum

…und sieht an manchen Ecken wie ein Devotionalien-Shop aus.

…und sieht an manchen Ecken wie ein Devotionalien-Shop aus. Foto: Christoph Wider, forum

1 | 1

Und was ist aus meiner Faszination geworden, nun da die Badi-Saison zu Ende ist und die meisten Tattoos wieder verdeckt getragen werden? Sie ist noch grösser geworden – dafür ist das Gedankenspiel über ein eigenes Tattoo verblasst. Einerseits ist die Lust gross, viel tiefer in dieses Thema einzusteigen, weil es mitten in die Seele und eine urmenschliche Religiosität führt.

Andererseits habe ich die Individualität meines untätowierten Körpers neu entdeckt. Auch er zeigt mir und meiner Umwelt die
Narben des Lebens und die Zeichen der Vergänglichkeit. Er ist jetzt schon mein Tagebuch und mein Versöhnungsweg. Ich erinnere mich an den mittelalterlichen Mystiker Heinrich Seuse, der sich tätowiert hat, um christusähnlich zu werden. Bis ihm eine Vision Klarheit brachte: Das ganz normale Leben stigmatisiert uns alle, auch wenn am Ende keine Jeanne d'Arc aus dem Wasser steigt.

Wie geht die Geschichte deines Tattoos? Ob schön oder schlimm, traurig oder fröhlich, spontan oder geplant – mail uns deine Geschichte zusammen mit einem Foto*. Die besten werden wir an dieser Stelle veröffentlichen…

Wie geht die Geschichte deines Tattoos? Ob schön oder schlimm, traurig oder fröhlich, spontan oder geplant – mail uns deine Geschichte zusammen mit einem Foto*. Die besten werden wir an dieser Stelle veröffentlichen…

1 | 1

* mit dem Einsenden von Text und Bild gestattest du dem forum deren Publikation auf seiner Website. Du bestätigst damit auch, als Autor*in sowohl am Text wie am Bild über das Urheberrecht zu verfügen. Es werden keine anonym eingesandten Beiträge veröffentlicht – du kannst uns jedoch ein Pseudonym angeben, wenn du nicht mit deinem richtigen Namen publiziert werden möchtest.

Mail an die Redaktion senden…

Text: Thomas Binotto

Angebot laufend

Wie geht die Geschichte deines Tattoos? Ob schön oder schlimm, traurig oder fröhlich, spontan oder geplant – mail uns deine Geschichte zusammen mit einem Foto*. Die besten werden wir an dieser Stelle veröffentlichen…
Wie geht die Geschichte deines Tattoos? Ob schön oder schlimm, traurig oder fröhlich, spontan oder geplant – mail uns deine Geschichte zusammen mit einem Foto*. Die besten werden wir an dieser Stelle veröffentlichen…

Mail uns deine Tattoo-Geschichte…

 

* mit dem Einsenden von Text und Bild gestattest du dem forum deren Publikation auf seiner Website. Du bestätigst damit auch, als Autor*in sowohl am Text wie am Bild über das Urheberrecht zu verfügen. Es werden keine anonym eingesandten Beiträge veröffentlicht – du kannst uns jedoch ein Pseudonym angeben, wenn du nicht mit deinem richtigen Namen publiziert werden möchtest.

 

 

 

Angebot laufend

Buchtipp
Buchtipp

Paul-Henri Campbell

«Tattoo & Religion – Die bunten Kathedralen des Selbst»

Verlag Das Wunderhorn 2019

192 Seiten

ISBN 978–3884236062

 

 

 

Das vielleicht älteste Tattoo-Studio der Welt in Jerusalem. (Tagesschau)

 

 

 

Tätowierter reformierter Pfarrer («Inked» von SRF Virus)

 

 

 

Tattoo-Entfernung mit Laser (Dr. Rümmelein AG)