Ökumenischer Filmpreis

Glamour, Prominenz und menschliche Werte

Der dritte ökumenische Filmpreis am Zürcher Filmfestival ZFF ging an den österreichischen Streifen «Waren einmal Revoluzzer» – Eindrücke von einem ungewöhnlichen kirchlichen Anlass.

Eine nostalgische Festivaldirektorin, ein philosophischer Zwingli-Regisseur, eine analytische Filmemacherin als Jurorin und eine selbstironische Hauptdarstellerin – die cineastischen Ingredienzien der kirchlichen Filmpreis-Gala vom 3. Oktober mundeten der gut gelaunten Gästeschar im Folium Sihlcity sichtlich gut.

Selten gelang es den beiden Kirchen überzeugender, eine Portion Glamour, gehaltvoll auftretende Prominenz und das Feiern menschlicher Werte an einem Anlass so gekonnt zu vereinen. Verfeinert wurde das filmische Menu durch die versierte Moderation von Pascale Huber, Geschäftsführerin von «Reformierte Medien», die beschwingte Begrüssung der katholischen Synodalratspräsidentin Franziska Driessen-Reding und die prominenten Gäste aus Kirche, Politik und Wirtschaft. Den gehaltvollen Hauptgang bildete natürlich der prämierte Film «Waren einmal Revoluzzer», der ebenso eindringlich wie nachsichtig in menschliche Abgründe blicken lässt. In seinem Fokus stehen weder Actionheldinnen noch gruslige Psychopathen, sondern eine kleine Gruppe unauffälliger Menschen. Genau diese Zielgruppe bilde das eigentliche Highlight des 15-jährigen Filmfestivals, sagte die scheidende Festivaldirektorin Nadja Schildknecht, die an ihrem Kürzestauftritt dem Filmemacher Oliver Stone ein Kränzchen wand, da er dem ZFF in dessen Anfängen ermöglicht habe, Vertrauen aufzubauen.

Auch Festredner Stefan Haupt hielt in seiner ausgezeichneten Festrede nicht mit kritischen Überlegungen zurück. Filmpreise förderten zwar Aufmerksamkeit, produzierten jedoch viele Verlierer, gab der Zwingli-Regisseur zu bedenken. Zudem mache niemand Filme, um Preise zu sammeln, sondern um Herzen zu gewinnen. Angesichts der kirchlichen Beurteilungskriterien wie etwa der künstlerischen Qualität bräuchte es eigentlich keinen kirchlichen Preis, sagte er. Und zum Kriterium der Verantwortung fragte er rhetorisch, was denn christliche von atheistischer Verantwortung unterscheide. Das christlich essenzielle Liebesgebot vor Augen erklärte sich Haupt jedoch einverstanden mit einem Preis, der Zeichen setze für einen Film, der den menschlichen Blick auf die Welt mit künstlerischen Werten verbinde. Nach der Laudatio (siehe Spalte rechts) erklärte auch Schauspielerin Julia Jentsch, die den Preis über 5000 Franken stellvertretend für Regisseurin Johanna Moder entgegennahm, sie habe im Film die ausschlaggebenden kirchlichen Kriterien wiederentdeckt. Die Sympathien des Publikums gewann sie zudem mit einer allzu menschlichen Anekdote aus Moskau und mit ihrem Verständnis für all jene, die den Film für einen kurzen Schlaf nutzen wollten – «das Leben ist so anstrengend», bemerkte sie vielsagend.

Zum Schlafen gab es während der anschliessenden Visionierung jedoch keinen Grund. Zu eindringlich verstricken sich da zwei Wiener Paare in ihrem hehren Engagement für eine russische Kleinfamilie in menschlichen Irrungen und Wirrungen. Da platzen hochgelobte und lange gehegte Ideale wie Seifenblasen auf dem Boden belastender Alltäglichkeit und in der Abgründigkeit unverarbeiteter Beziehungskomplexe. Da bleibt niemand ohne Schuld, kann sich keine und keiner heraushalten. Wenn sich Momente scheinbar bedeutungslos anlassen, zu spannungsgeladenen Konfrontationen verdichten und explosionsartig in Neues oder ins Nichts auflösen, entfaltet sich eine kammerspielartig packende Realsatire, deren Wirkung eindringlich nachhallt.

Dass diese weder nihilistisch noch zynisch daherkommen, ist der ebenso einfühlsamen wie poetischen Regie und der ausgezeichneten schauspielerischen Leistung des Teams um Julia Jentsch zu verdanken. Die Berlinerin, die mit Mann und Kind in der Nähe von Zürich lebt, hat ihre Fähigkeit zur beklemmenden Gratwanderung auch in Filmen wie «Die fetten Jahre sind vorbei», «Sophie Scholl – die letzten Tage», «Effi Briest» und «24 Wochen» eindrücklich belegt. Im Abspann des Revoluzzer-Dramas hat die Vertonung des revolutionskritischen und humorvoll-bissigen Gedichts «Der Revoluzzer» von Erich Mühsam aus dem Jahr 1907 das letzte Wort – eine würzige Abrundung eines bereichernden Aben

Eindrücke von der Preisverleihung

Text: Madeleine Stäubli-Roduner, ref.ch