Laudatio der Jury

Ideale im Reality-Test

Wer träumt nicht davon, einmal etwas wirklich Mutiges zu tun? Nicht bloss reden, sondern anpacken! Raus aus der bürgerlichen Komfortzone. Einmal Revoluzzerin sein! Einmal Revoluzzer sein!

Helene und Volker sind Ende dreissig, einst ein Paar, immer noch gut befreundet. Und sie wollen ernst machen. Sie wollen Pavel, ihren Freund aus Studentenzeiten, mit gefälschtem Visum aus Russland rausholen. Denn Pavel steckt in Schwierigkeiten. Scheint etwas Politisches zu sein.

Drehbuchautorin und Regisseurin Johanna Moder zettelt in «Waren einmal Revoluzzer» tatsächlich gleich mehrere Revolutionen an. Allerdings nicht die sorgsam im Revoluzzerhirn ausgedachten, sondern die im realen Leben ausbrechenden. Pavel wird zum Katalysator eines Umbruchs, der die jeweiligen Beziehungssysteme von Helene und Volker fundamental in Frage stellt. – Und so war die Revolution definitiv nicht geplant. Bei Johanna Moder werden humanistische Ideale unseren realen Alltagskämpfen ausgesetzt. Ebenso komisch wie abgründig bringt sie statische Selbstbilder und festgefahrene Beziehungsstrukturen ins Wanken. Dabei kann sich Moder auf ein wunderbar abgestimmtes Ensemble rund um die grossartige Julia Jentsch verlassen. Gerade Julia Jentsch geht dabei auf einem besonders anspruchsvollen Grat, der gleichzeitig der Königsweg der Komödie ist: Stets nah am Abgrund zur bitteren Tragödie.

Zu unserem Glück – und auch zu unserem Vergnügen – ist Johanna Moder eine witzige, aber keine zynische Autorin. Sie lässt keine ihrer Figuren ins Bodenlose fallen oder ins vollends Lächerliche kippen. Sie bringt Pointen und Vielschichtigkeit zusammen. In das Schwere steckt sie das Leichte und in das Leichte das Schwere. Der Witz von «Waren einmal Revoluzzer» ist ein hoffnungsvoller, weil sein Lachen die Fallhöhe verringert und den Aufprall lindert. Im Lachen erkennen wir uns selbst als gefallene Idealisten und Idealistinnen wieder. Der Filmpreis der Zürcher Kirchen lädt Sie ein, sich als Kinogemeinde 103 Minuten lang – und hoffentlich noch etwas darüber hinaus – das Scheitern mit heiterem Gemüt einzugestehen. Lassen wir eine kleine Revolte zu, die auch bei uns Verstocktes und Verhocktes in Bewegung bringen kann!

Angebot laufend

«Waren einmal Revoluzzer»

Österreich 2019. Regie: Johanna Moder. Darsteller: Julia Jentsch, Manuel Rubey, Marcel Mohab, Aenne Schwarz, Lena Tronina, Tambet Tuisk, Josef Hader. Musik: Clara Luzia. Produktion: FreibeuterFilm GmbH, Wien.

www.freibeuterfilm.com