Impuls zum Kirchenjahr: Allerseelen und Allerheiligen

Mit Ecken und Kanten

Die tiefe Sehnsucht nach Gott führt uns manches Mal auf Wege, die uns in dieser Welt anecken lassen.

Von der Antike bis zur Neuzeit sind Menschen dieser Sehnsucht gefolgt und haben sich in der Folge mit ihrem ganzen Sein für das Reich Gottes eingesetzt. Viele von ihnen haben gar auf eine Art und Weise gehandelt, die wir heute als «zivilen Ungehorsam» bezeichnen würden.

Polykarp von Smyrna beispielsweise wurde 155 nach Christus aufgrund seines Glaubens von einem römischen Beamten verhaftet und aufgefordert, sich von Christus loszusagen. Als er dem Beamten stattdessen Nachhilfestunden im christlichen Glauben anbot, wurde er hingerichtet. Die Taten von Menschen wie Polykarp zu würdigen, ist der Kern des Allerheiligenfestes. Es wurde zwischen dem achten und neunten Jahrhundert eingeführt, da die Zahl der Heiligen zu gross geworden war, um jedem einzeln einen eigenen Festtag zu widmen. Bereits ein Jahrhundert zuvor war das hier abgebildete römische Pantheon allen christlichen Heiligen geweiht worden. Wo ehemals Götter der griechisch-römischen Welt angebetet worden waren, war ein Ort für das Gespräch mit herausragenden Menschen, Vorbildern im Glauben und Fürsprecherinnen bei Gott entstanden.

Vielleicht nehmen wir uns an diesem Feiertag die Zeit, die Geschichte einer dieser heiligen Frauen und Männer zu lesen und uns zu fragen: Wie können wir heute den Mut aufbringen, diesen beeindruckenden Vorbildern nachzueifern? – Wie sähen ihre Taten in unserer Zeit aus? – Braucht es zivilen Ungehorsam, um heute ein Heiliger zu werden? Ungehorsam wie jenen von Extinction Rebellion, die Limmat grün zu färben, um uns darauf aufmerksam zu machen, dass wir uns beeilen müssen, Gottes Schöpfung zu retten? – Oder den Ungehorsam der 73-jährigen Anni Lanz, die einem Menschen in grosser Not gegen die Vorgaben der Behörden in die Schweiz half und dafür vor Gericht steht?

Die tiefe Sehnsucht nach Gott kann auch uns auf Wege führen, welche uns in dieser Welt anecken lassen, für unsere Gemeinschaft mit Gott aber eine tiefe Intimität bedeuten. Lassen wir uns von der Sehnsucht leiten. Auf die Gefahr hin, dass auch wir irgendwann sagen müssen: «Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Amen.»

Text: Miriam Bastian

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Die Historikerin Miriam Bastian doktoriert derzeit an der Universität Zürich im Fachbereich Alte Geschichte.