Spiritualität ganz alltäglich

Yoga üben

Christian Cebulj – Rektor der Theologischen Hochschule Chur – erklärt wie er Yoga mit Spiritualität verbindet.

Es ist morgens um 6.30 Uhr, mein Wecker klingelt. Ich fühle mich unausgeschlafen, weil ich den gestrigen Abend wieder einmal länger als geplant am Schreibtisch verbracht habe. Der Kopf ist schwer und ich öffne das Fenster weit. Schon verbessert die Frischluft meine Stimmung wesentlich.

In meinem Alter sind Rückenschmerzen nach dem Aufstehen nicht unnormal, vor allem wenn das Verhältnis von Sitzen und Bewegung am Tag zuvor unausgeglichen war. Vor einigen Jahren machte ich allerdings eine Erfahrung, die gleichzeitig spirituell wie körperlich heilsam war. Ich versuchte mich an einige Yoga-Übungen zu erinnern, die ich dreissig Jahre zuvor als Theologiestudent bei dem indischen Jesuiten-Pater Christopher Schelke gelernt hatte. Und siehe da, es klappte noch wie damals: Ich stellte mich vor das offene Fenster und atmete gleichmässig. Wie von selbst falteten sich die Hände vor meinem Oberkörper, und streckten sich in die Höhe. Dann neigte ich mein Becken nach unten und richtete mich wieder auf zum Sonnengebet. Ich war erstaunt, dass ich mit meinen Handflächen nach so langer Zeit noch mühelos den Boden berühren konnte.

Das Gebet, das wir seinerzeit zu den Bewegungen des Sonnengebets gelernt hatten, kam mir ebenfalls sofort wieder auf die Lippen: «Gott, ich atme Dich ein und atme Dich aus. Ich neige mein Haupt vor Dir, Du bist mein Boden und Halt.» Dann ging ich in die Grätsche und sprach bei aufgerichtetem Oberkörper weiter: «Ich schaue auf zu Dir, denn Du bist mein Licht und Heil. Dein Atem gibt mir Kraft und Zuversicht.»

Hand aufs Herz: Das lange Sitzen mit Vipashana-Meditation im Anschluss an die Yoga-Übungen schaffe ich heute nicht mehr jeden Morgen. Aber das zehnminütige Ritual aus Yoga-Übungen mit einem Gebet tut nicht nur meinem Rücken gut. Es gibt mir Kraft und ein geistliches Fundament für den Tag. Ich erfahre mich als körperlich begrenztes, aber lebendiges und dankbares Geschöpf Gottes. Etwas mehr Physisches und etwas weniger Kognitives tut mir als westlich geprägtem Theologen sowieso ganz gut. Und wenn ich dann nach den Übungen unter die Dusche gehe, erinnere ich mich manchmal an unseren Yoga-Lehrer, der immer gerne die heilige Teresa von Avila zitierte: «Tu Deinem Leib etwas Gutes, damit die Seele Freude hat, darin zu wohnen.»

Text: Christian Cebulj, Rektor Theologische Hochschule Chur