Editorial

Je bunter, desto besser

Als Kind und als Jugendliche habe ich die Hochämter im Wiener Stephansdom geliebt.

Es waren das die Liturgien mit dem Erzbischof, und ich war Ministrantin, zusammen mit vielen anderen. Kaum hatte ich meine Kleidung an – den Talar, ein schwarzes, langes Kleid, und das kurze, weisse Rochett darüber –, tauchte ich ein in das pompös-berauschende Treiben von Farben, Stoffen, Gerüchen und Klängen.

Wenn ich mich selbst beobachte, dann geht es mir auf der Strasse und im Alltag ähnlich: Je bunter, desto besser. Bunter, damit meine ich nicht, dass mir Menschen mit möglichst schrillen Outfits besonders gefallen, ich mag einfach die Vielfalt. Anhand der Mode überlege ich mir, woher ein Mensch wohl kommen mag, und anhand der Art und Weise, wie jemand seine Kleidung trägt, welche Haltung dahinterstecken könnte.

Damals im Stephansdom hat man mir beigebracht, dass wir beim Gottesdienst besondere Kleider tragen, damit die Unterschiede verschwinden. Vor Gott gehe es nämlich nicht darum, ob jemand reich oder arm, klein oder gross, Mädchen oder Junge sei. Als Ministrantinnen und Ministranten waren wir also alle gleich, schwarz und weiss gekleidet. Bis mir dann aufgefallen ist, dass es eben noch die anderen gab: die, die zum Beispiel die pink-rosa genähten Knopflöcher am Talar trugen. Vorbehalten war das den Dom-Herren. Was für ein Unterschied!

Manchmal wünsche ich mir, wir könnten all die modischen Äusserlichkeiten weglassen, um rein unser Wesen sprechen zu lassen. Gleichzeitig drückt sich doch gerade im sichtbaren Erscheinungsbild unsere Persönlichkeit aus. Was wäre dazu schöner, was wäre unmittelbarer als der eigene Modestil?

Text: Veronika Jehle