Gott und die Welt

Amazonien-Synode im Rückblick

Die Bischofsversammlung zum Thema «Amazonien – neue Wege für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie» vom 6. bis 27. Oktober im Vatikan könnte die Frage der Schöpfungsverantwortung tatsächlich neu in die Mitte der Kirche holen.

Papst Franziskus hatte die Amazonien-Synode einberufen, um die riesige, mit 33 Millionen Einwohnern dünn besiedelte, doch ökologisch höchst sensible Region in Südamerika in den Mittelpunkt eines kirchlichen Nachdenkprozesses zu stellen, an dessen Ende Vorschläge für die gesuchten «neuen Wege» stehen sollten. So griffen bei der Synode zwei grosse inhaltliche Linien ineinander: eine ökologisch-soziale und eine kirchliche. Die katholische Kirche braucht neue Wege, um den Menschen in Amazonien so beizustehen, wie sie es verdienen. Und sie muss sich ihrem Auftrag, die Schöpfung zu schützen, neu stellen.

Neun Länder haben Anteil an Amazonien, neben Brasilien sind das Bolivien, Peru, Ecuador, Kolumbien, Venezuela, Französisch-Guyana, Surinam und Guyana. Alle Bischöfe aus den amazonischen Gebieten dieser Ländern waren nach Rom eingeladen, darüber hinaus einige Bischöfe aus den anderen Kontinenten, Kurienbischöfe und Fachleute aus dem kirchlichen und wissenschaftlichen Bereich sowie rund drei Dutzend Indigene, die meisten von ihnen getauft. 35 Teilnehmende der Amazonien-Synode waren Frauen, das entsprach etwa 12 Prozent, so viel wie bei keiner Synode bisher.

Der bei weitem überwiegende Teil der Teilnehmenden kam aus Amazonien nach Rom, von der Peripherie ins Zentrum der katholischen Weltkirche. Dieser Sachverhalt schuf eine eigentümliche Dynamik, die alle, die bei der Synode waren,
in diesen drei Wochen deutlich spürten: Die Peripherie sollte im Zentrum sprechen, und das Zentrum sollte hören – das war die vom Papst gewünschte Richtung. Franziskus wollte bei dieser Sondersynode das Kräfteverhältnis zwischen Rom und den Rändern umkehren. Der Hirte mit amazonischem Stallgeruch sollte nicht das Nachsehen gegenüber dem dogmatisch und kanonisch geeichten Kurienbischof haben.

Folgerichtig stellte Franziskus zu Beginn der Versammlung zwei Dinge klar: Die Synode ist eine Pastoralsynode. Und sie agiert nicht von oben herab, sondern zeigt Respekt für die einfachen Menschen in Amazonien. «Wir nähern uns mit einem christlichen Herzen der Realität Amazoniens und betrachten sie mit den Augen eines Jüngers», sagte der Papst zur Eröffnung in der Synodenaula. «Wir tun es auf Zehenspitzen, um die Geschichte, die Kulturen, den Lebensstil der Völker im Amazonasgebiet zu respektieren.»

Genau das geschah in der Synodenaula. Nicht-amazonische Bischöfe, zumal aus der westlichen Welt, kamen ohne fixe Ideen und vorgefertigte Reden als Lernende. Starken Eindruck hinterliessen die Wortmeldungen der Indigenen und der Frauen. Die Art, in der sie über die Bedrohungen ihrer unmittelbaren Lebenswelt und des gesamten Bioms in Amazonien sprachen und über das, was sie von der Kirche brauchen, verdeutlichte: Hier geht es ums grosse Ganze, ökologisch und kirchlich. Man könnte so weit gehen zu behaupten, dass dank der von Franziskus verordneten hörenden Haltung die Nicht-Bischöfe den Takt der Bischofssynode bestimmten und sie in der Wirklichkeit Amazoniens verankerten.

Das Schlussdokument haben allerdings Bischöfe geschrieben. Alle 120 Absätze fanden eine Zweidrittelmehrheit. Am knappsten wurde es bei Absatz 111 über die «Viri probati», doch auch das ging durch. Bischöfe in Amazonien sollen Diakone in entlegenen Gemeinden zu Priestern weihen können, so lautet die Empfehlung der Synode an den Papst. Der Vorschlag ist nicht neu, steht aber zum ersten Mal in einem kirchlichen Dokument dieses Kalibers. Er reagiert auf die extreme sakramentale Not der Getauften in den entlegenen Urwaldgemeinden Amazoniens, in denen nur einmal im Jahr ein Priester vorbeikommt. Ein Bischof sagte, in seiner
Diözese würden 95 Prozent der Gläubigen sterben, ohne vorher die Chance auf das Sakrament der Versöhnung oder die Krankensalbung gehabt zu haben.

Vorsichtiger gibt sich das Dokument über den Frauendiakonat, der bei der Synode häufig und meist befürwortend zur Sprache ge-
kommen war. Die Frage bleibt offen. Viel Anerkennung erfahren die Amazonas-Frauen dafür in allen pastoralen Bereichen, die nicht
an die Weihe streifen. Unter anderem schlägt die Synode vor, den Dienst der Gemeindeleiterin einzurichten; eine Funktion, in der
viele Frauen längst wirken, bisher aber ohne offiziellen Auftrag.

Der Dreh- und Angelpunkt des Synoden-Schlussdokumentes ist Konversion. Vier Arten der Bekehrung, der neuen Hinwendung zu Christus, sind aus Sicht der Synode gefragt: pastoral, ökologisch, kulturell und synodal. Am ganzen Duktus wird deutlich, dass die Amazonien-Synode eine Tochter der Sozialenzyklika «Laudato si'» war, mit deren missionarischem Schwung Papst Franziskus die Schöpfungsverantwortung gewissermassen neu ins Lehramt holte. Und sollte es mit «Laudato si'» noch nicht klar genug gewesen sein: Die ökologischen Themen sortieren sich spätestens mit dieser Synode in einer Perspektive des Glaubens ein, die unverzichtbarer Teil der Soziallehre der Kirche ist und in Rufweite zum Wunsch nach Gerechtigkeit, zum Hören auf den Ruf der Armen und zum Eintreten für Menschenrechte gelebt werden muss.

Als eher überraschende Neuerung schlägt die Synode dem Papst vor, einen «amazonischen Ritus» zuzulassen, also eine besondere amazonische Art, die Messe zu feiern und Kirche zu sein, eventuell auch mit verheirateten Priestern wie bei den mit Rom vereinten Ostkirchen. Franziskus steht dem Vorschlag nicht ablehnend gegenüber, wie er in einer ersten Reaktion mitteilte. Klar ist allerdings, dass ein amazonischer Ritus Jahrzehnte der Entwicklung brauchen würde und die Skepsis erfahrener Kirchenmänner zu überwinden hätte.

Auch ihnen schien der Indigene Delio Siticonatzi Camaiteri zu antworten, als er vor Journalisten im vatikanischen Pressesaal den Vorwurf zurückwies, die Riten und Bräuche der amazonischen Völker seien von vornherein heidnisch. «Ich sehe, dass Sie keine klare Vorstellung von uns als indigene Völker haben», sagte der als Hörer zur Synode geladene Peruaner. «Sie haben Sorgen und Zweifel über diese Realität, die wir als Einheimische leben. Verhärten Sie Ihr Herz nicht. Das ist die Einladung Jesu. Er lädt uns ein, gemeinsam zu leben. Wir glauben an den einen Gott. Wir müssen geeint bleiben. Das ist es, was wir uns als Indigene wünschen. Wir haben unsere eigenen Riten, aber diese Riten müssen sich in der Mitte verwurzeln, die Jesus Christus ist. Zu diesem Thema gibt es nichts weiter zu diskutieren. Die Mitte, die uns in dieser Synode eint, ist Jesus Christus.»

Text: Gudrun Sailer, Radio Vatikan

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Gudrun Sailer (49) wirkt seit 2003 als Redaktorin und Moderatorin bei Radio Vatikan in Rom. An der Amazonien-Synode hatte sie freien Zugang zur Synodenaula.