Editorial

Ehe ist kein Museum

Jetzt geht die politische Diskussion um «Ehe für alle» erst richtig los.

In der reformierten Kirche tun sich die Gräben bereits auf. In der katholischen ist es noch ruhig. Wohl nicht zuletzt, weil die Bischofskonferenz erklärt hat, «Ehe für alle» betreffe nur die zivilrechtliche und nicht die sakramentale Ehe.

Das ist einerseits konsequent gedacht, denn tatsächlich haben die Kirchen ihre Deutungshoheit in unserer pluralistischen Gesellschaft längst verloren. Trotzdem halte ich diese Position auch für etwas feige, weil ich den Eindruck habe, dass die Bischofskonferenz vor allem vor der innerkirchlichen Diskussion Angst hat.

Diese Diskussion – Ausgang offen – wird die Bischofskonferenz allerdings nicht verhindern können. Ganz einfach, weil das weder die sogenannt progressiven noch die sogenannt konservativen Kreise zulassen werden. Die wenigsten Kirchenmitglieder – egal welcher Couleur – leisten sich in ihrem praktischen Lebensalltag den Luxus einer Unterscheidung zwischen ziviler und sakramentaler Ehe.

Die katholische Kirche wird deshalb völlig unabhängig vom Ausgang der politischen Diskussion ihr eigenes sakramentales und pastorales Verständnis von Partnerschaft, Ehe und Familie überdenken müssen – und das nicht nur in Bezug auf gleichgeschlechtliche Partnerschaften. So wie sie «Ehe» in der Theorie festschreibt, hat sie die Mehrheit unter den Gläubigen längst verloren. Diese starre Vorstellung ist schlicht nicht mehr vermittelbar, wie die konkrete kirchliche Praxis zeigt.

Der Einwand, das katholische Verständnis von Ehe sei bis ins Detail so von Gott gewollt und deshalb für alle Ewigkeit festgeschrieben, dieser Einwand wäre unhaltbar. Jede Theologin und jeder Theologe – ob aus der Dogmatik, der Pastoral, dem Kirchenrecht oder der Kirchengeschichte kommend – wird bestätigen, dass auch die katholische Ausgestaltung von Ehe dem Wandel unterworfen ist. Und das ist gut so, denn es geht um unseren lebendigen Glauben und nicht um die Einrichtung eines Museums.

Text: Thomas Binotto