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Ein Haus der offenen Ohren

In einem ehemaligen Seebacher Pfarrhaus finden Bedürftige seit 22 Jahren Nothilfe und Beratung. Möglich macht das die Anlaufstelle Brot-Egge der Sozialwerke Pfarrer Sieber.

Es ist 20 Minuten vor acht. Der Kalender zeigt noch Oktober, das Wetter sagt: November. Vor dem Eingang des einstigen Pfarrhauses aus den 80er Jahren stehen zwei Männer. Der eine schützt sich mit einem ausladenden Schirm in Regenbogenfarben. Beide warten sie darauf, dass sich die Türen des Brot-Egge öffnen. Drinnen sind Oswald Dänzer, der Mann für Haus und Hof, ein Zivildienstleistender sowie ein mithelfender Klient daran, ein kleines, aber reich bestücktes Buffet herzurichten. Es riecht bereits nach frischem Kaffee und Spiegeleiern. Die beiden eintretenden Männer werden begrüsst wie alte Bekannte. Man wechselt einige Worte zum Wetter, zur Lage der Nation und zum Schirm. Er möge es bunt, sagt sein Besitzer, vor allem wenn das Wetter so grau ist. Sagt’s und trägt sich in die Liste neben dem Empfangsbüro ein. Eine Unterschrift – für die Statistik – ist gleichsam die einzige Schwelle, die die Ankommenden zu überwinden haben, wenn sie das Angebot des Brot-Egge nutzen wollen.

Verborgene Not

Während sich das Foyer allmählich mit Menschen jeden Alters und unterschiedlichster Herkunft füllt, trifft sich das Betreuungsteam zum morgendlichen Briefing. Es findet im Büro des Leiters ad interim, Patrick Wietlisbach, statt und dauert nur kurz: Welche Termine stehen an? Wer übernimmt den Telefondienst? Wer hat am Nachmittag die Aufsicht über den Kleiderladen, wo Bedürftige sich für einen symbolischen Beitrag einkleiden können? Wer übernimmt die Aufsicht über die Lebensmittelabgabe und die freiwillig Helfenden? Und wer putzt, wenn der Brot-Egge um halb fünf Uhr schliesst? Man ist sich schnell einig. Nur kurz kommt die Befürchtung auf, dass man mit vier Personen – anstelle der üblichen sechs – unterdotiert sein könnte. Denn aus Erfahrung weiss man: Regentage sind anspruchsvoll. «Da kommen die Menschen oft durchnässt zu uns, zudem schlägt das Wetter auf ihre Psyche», so Wietlisbach.

Von all dem ist heute nichts zu spüren. Im Gegenteil: Im Foyer und im angrenzenden Speisezimmer herrscht eine aufgeräumte Stimmung. Es wird angeregt gesprochen, Erfahrungen werden ausgetauscht, über Fussball und Musikgeschmack diskutiert. Einige bleiben lieber für sich, sind mit Handynachrichten beschäftigt oder machen eine Computerrecherche. Während einer am Tisch eingeschlafen ist, nutzen andere die Dusche, die ihnen im Untergeschoss zur Verfügung steht. Auf den Coiffeur – so besagt ein Anschlag im Foyer – müssen sie bis Mitte November dagegen verzichten. Dennoch fällt auf, wie gepflegt die meisten sind. Patrick Wietlisbach bestätigt diesen Eindruck: «Not sieht man nicht immer – aber man kann sie riechen.»

Unterdessen haben einige Besucher ihr Frühstück beendet, immer noch treffen neue ein. «Es kommen jeden Tag etwa 30 bis 50 Menschen», so Wietlisbach, «manche kommen täglich, andere gelegentlich.» Unter ihnen ist heute nur eine einzige Frau. Das sei untypisch. Der Frauenanteil mache durchschnittlich etwa einen Viertel aus.

Schritte und Quantensprünge

Nachdem der Magen voll ist, verlassen die Ersten den Brot-Egge wieder. Andere sind nun bereit für geistige Nahrung. Sie suchen das Gespräch mit Joseph Keutgens. «Ich bin eine Art Herbergsvater», sagt der einstige katholische Pfarrer und Seelsorger vor Ort. Er sei «eine Ansprechperson bei allen Anliegen, quer durch den Gemüsegarten». Einmal ist der Hilfesuchende ein Süchtiger, der aussteigen will und nun einen Rückfall zu verkraften hat. Dann ist es ein Alkoholiker, der den Mut findet, sich der Sucht zu stellen. Dann ist es jemand, der ein Einzelgespräch sucht, um über hemmende Ängste zu sprechen. Alle Hilfesuchenden finden bei Keutgens gleichermassen ein offenes Ohr. «Ich versuche, gemeinsam mit ihnen herauszufinden, was ihre Erkenntnis aus dem Erlebten ist, und was der nächste Schritt sein könnte.»

Für den Seelsorger ist es wichtig, die spirituelle Dimension der Menschen ernst zu nehmen. Er will ihnen vermitteln, dass sie nicht auf ihre Probleme und Defizite fixiert bleiben müssen. Dazu hat er Karten mit schematischen Darstellungen parat. Sie zeigen etwa eine aus dem Gleichgewicht geratene «Lebenswaage» oder das Symbol des Rades von Bruder Klaus. Die Illustrationen untermalen die Botschaft, die Keutgens den Hilfesuchenden mit auf den Weg gibt, und ermutigen sie, den nächsten Schritt zu visualisieren.

Joseph Keutgens hat sich zu einem Klienten gesetzt. Dieser überrascht ihn mit einer Einsicht: Er habe einen Zusammenhang zwischen der Unordnung in seiner Wohnung und dem Chaos in seinem Kopf erkannt. Bereits habe er den Keller aufgeräumt. Jetzt komme die Wohnung an die Reihe. Keutgens quittiert es mit Wertschätzung und Anerkennung. Das sei es, was die Menschen brauchen, um den nächsten Schritt zu wagen.
Jenen Schritt, der dann etwa zu einem Klinikbesuch, zum Entzug, zum Lösen von unguten Beziehungen und Gewohnheiten, zur Jobsuche oder auch ganz einfach zu einem Mitmenschen führt. Keutgens weiss: Ist das Vertrauen einmal aufgebaut, können aus Schritten Quantensprünge werden. Wie jener Süchtige belegt, der lernte, sich mit seinem Schicksal zu versöhnen und in die Zukunft zu blicken. Seit vier Monaten arbeitet der junge Mann als Kellner, führt ein geregeltes Leben und ist daran, seine Schulden abzuzahlen. Der Seelsorger ist überzeugt: «Es brauchte einfach jemanden, der an ihn glaubt.»

Menschenwürde

Der Schlafende ist mittlerweile aufgewacht und holt sich Nachschub vom Buffet. Er schätze das Angebot des Brot-Egge sehr, berichtet er. In manch einem Dreisternhotel würde man nichts Vergleichbares finden, sagt er in österreichisch gefärbtem Deutsch. Das verdanke man den Lebensmittelspendern und natürlich den vielen Freiwilligen, die sich hier engagierten. Und dann sprudelt es aus ihm hervor. Er erzählt von seinen Erfahrungen als Obdachloser, mit der Kirche, aus seiner Jugend – und von der Menschenwürde, die es täglich zu verteidigen gilt.

Text: Sibylle Zambon, freie Journalistin

Angebot laufend

Anlaufstelle Brot-Egge

Seebacherstrasse 60, Zürich

Telefon 043 495 90 90