Spiritualität ganz alltäglich

Mit der Schwiegermutter essen

«Spare, lerne, leiste was, dann hast du, kannst du, bist du was.» Diesen Spruch habe ich am Weltspartag in der 3. Klasse gelernt. Schon als Kind hat er mich irritiert.

Trotzdem spüre ich, wie er mein Denken bestimmt. Mir geht der Spruch beispielsweise durch den Kopf, wenn ich mit meiner Schwiegermutter, die an Demenz erkrankt ist, in die Öffentlichkeit gehe, in ein Café, ins Restaurant.

Von ihrer selbstbewussten Persönlichkeit als erfolgreiche Gymnasiallehrerin ist nichts mehr zu erkennen. Noch zehn Jahre nach ihrer Pensionierung hat sie jungen Menschen gratis Nachhilfeunterricht gegeben und so zu guten Schulabschlüssen verholfen. Natürlich ist sie immer noch das, was sie vor ihrer Erkrankung war, mit ihrer Leistung, ihrer gesellschaftlichen Anerkennung und ihrem Erfolg. Und doch: wer ist sie jetzt? Was macht sie aus? Und wer bin ich?

Theoretisch bin ich überzeugt, dass unser Inneres, unsere Seele ganz und heil ist; dass wir göttliches Leben in uns tragen und deshalb unser Leben unzerstörbar ist. Jedes Leben, so wie es ist, ist wertvoll, unabhängig und jenseits von Leistung. Dieser Wert und diese Würde sind unantastbar und nicht zu löschen – auch nicht durch die Demenz. Die Demenz verändert die Denkfähigkeit, die Selbstbestimmung, den Willen, das Selbst-Bewusstsein, den Verstand. Wer bin ich, wenn diese Fähigkeiten verloren gehen?

Meine Schwiegermutter fordert mich heraus, meine Überzeugungen wirklich zu leben: Mich mit ihr in ein Restaurant zu setzen und den anderen Gästen zuzumuten, dass sie nicht mehr den gängigen gesellschaftlichen Normen entspricht. Es zählt nur, was genau in diesem Moment passiert: Scheinbar verwirrt und unangemessen zerreisst sie ihre Serviette und teilt sie mit mir – wenn ich mich ihr dann offen zuwende, kann ich darin ihre Freigebigkeit und Hilfsbereitschaft spüren. Dann ist ihr Wesen lebendig, jenseits ihres nur noch eingeschränkt funktionierenden Verstandes.

Anfangs fiel es mir schwer, mich so mit meiner Schwiegermutter in der Öffentlichkeit zu zeigen. Aber je mehr ich auf sie eingehe, statt mich zu schämen, desto leichter ist es auch für andere, ihr Verhalten zu akzeptieren, das von der Norm abweicht. «Spare, lerne, leiste was, dann hast du, kannst du, bist du was.» Dies ist nur die Oberfläche unserer Orientierung in der Welt. An Demenz erkrankte Menschen führen uns radikal zur Frage, ob wir uns an der Oberfläche oder an der Tiefe orientieren wollen.

Text: Maria Kolek Braun, Seelsorgerin Psychiatrie