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Rapidité, rapidité

Wir empfinden Mobilität als Grundrecht. Mobilität steht für eine Freiheit, auf die niemand verzichten will. Im 21. Jahrhundert angekommen, werden die Zeichen allerdings immer deutlicher, dass auch diese Freiheit ihren Preis hat.

Der folgende Essay erschien 2012 im forum. Damals gab es noch keine Klimaschutzbewegung «Friday for Future» und das Wort «Flugscham» war noch nicht erfunden. Dass ungehemmte Mobilität jedoch einen hohen Preis fordern würde, war allerdings längst bekannt. Wir publizieren hier «Rapidité, rapidité!» in unveränderter Form erneut:

Selbst wenn wir die dauervernetzten Pendler sind, die alle paar Jahre den Job und jede Saison die Feriendestination wechseln das 19. Jahrhundert hat die Mobilität erfunden:

1823 verkehrte das erste Dampfschiff auf dem Genfersee. – 1830 wurde die Passstrasse über den Gotthard in Betrieb genommen. – 1838 öffnete in Bern das erste Lehrerinnenseminar seine Türen. – 1847 verband die erste Eisenbahnstrecke Zürich mit Baden. – 1848 wurde die Niederlassungsfreiheit in der Bundesverfassung verankert. – Ebenfalls in der Bundesverfassung festgeschrieben wurde damals die Pressefreiheit. – 1875 wurde die Scheidung erlaubt. – 1876 erhielt Graham Bell das erste Patent für ein Telefon. – 1886 Carl Benz das Patent für ein Automobil. – 1903 gelang den Brüdern Wright der erste motorisierte Flug.

Das sind nur einige Daten, mit denen sich die Entwicklung skizzieren lässt, die zu einer geografischen und sozialen Mobilität geführt hat, die wenige Jahre zuvor noch utopisch erschien. Nun wurde der Tourismus zu einer tragenden Säule der Wirtschaft. Nun konnte nicht mehr davon ausgegangen werden, dass Heimatort und Wohnort identisch waren. Die Grenzen zwischen den Gesellschaftsschichten wurden durchlässiger. Und auch die Beziehung zwischen den Geschlechtern kam in Bewegung.

Dieser Mobilitätsschub traf auch die Kirchen. In der Dynamik des 19. Jahrhunderts war ein alter Grundsatz von 1555 Makulatur geworden. Damals hatte man im Augsburger Religionsfrieden festgehalten: «Cuius regio eius religio» (Wessen Gebiet – dessen Religion).

Aber damit, dass die Obrigkeit bestimmen konnte, welcher Konfession ihre Bevölkerung anzugehören hatte, damit war es nun endgültig vorbei. Nun auch vor dem Gesetz mobil geworden, konnten sich Menschen aus verarmten katholischen Landgebieten im reichen reformierten Zürich ein neues Auskommen als Dienstboten, Fabrikarbeiter oder Handlanger sichern.

Noch gehörten sie zur Unterschicht. Noch waren sie ohne politischen Einfluss. Aber sie waren da. Sie arbeiteten sich hoch. Sie forderten politische Rechte. Und sie heirateten nicht immer so, wie es ihre jeweiligen Kirchenführungen verlangten. Im 19. Jahrhundert konnte man wieder Zürcher sein und katholisch – Luzerner und reformiert.

Nach dieser Pionierphase war das 20. Jahrhundert geprägt von einer nahezu ungebremsten Mobilitätseuphorie. Jene «Rapidité, rapidité», wie sie Jacques Tati 1949 in seinem Film «Jour de fête» satirisch aufs Korn nahm, wurde tatsächlich zum Leitmotiv einer ganzen Epoche.

Kein Zufall, verweist sogar das Wort «Fortschritt» auf Mobilität. Der Heimatbegriff vergangener Jahrhunderte, der davon geprägt war, dass die meisten Menschen an jenem Ort starben, an dem sie geboren wurden und das Handwerk erlernten, das schon ihre Eltern ausgeübt hatten, diese Selbstsicherheit wurde durch die unruhige Suche nach einem «Platz an der Sonne» abgelöst.

Es war ausgerechnet dieses, in unseren Ohren harmlos touristisch klingende Motto, mit dem das Deutsche Reich in den I. Weltkrieg zog. Die Mobilmachungen zweier Weltkriege haben den behäbigen Heimatbegriff einer bäuerlich geprägten, kleinräumig überschaubaren, vorindustriellen Gesellschaft zerstört.

Und so zeugen in extremis auch zwei Weltkriege vom Drang nach Mobilität, nach Verschiebung und Erweiterung von Grenzen. Während jedoch der Heimatbegriff durch zwei Weltkriege nachhaltig beschädigt wurde, während Millionen von Menschen aus ihrer Heimat vertrieben und zur Mobilität gezwungen wurden, führten die Kriege zu einem weiteren Sprung in den technischen Möglichkeiten von Mobilität. Und die Mobilitätseuphorie hielt unvermindert an, ja sie steigerte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gar noch. Wohnlagen mit Sicht auf Autobahnen waren begehrt. Atomkraft wurde als saubere Energie bejubelt. Wer den Fluglärm hören konnte, war vor allem stolz darauf, vor den Toren zur Welt zu leben. Und sich mobile Kommunikation leisten zu können, galt als Statussymbol. Reisen, Pendler, Stellenwechsel, Umzüge, Trennungen, Neuorientierung – alles längst zur Alltagserfahrung geworden.

Nach wie vor ist Mobilität ein Wert, der praktisch nicht hinterfragt wird. Vielleicht sogar der einzige Wert, der heute von einem gesamtgesellschaftlichen Konsens getragen wird. Keine Partei, und sei sie noch so grün, wagt es, ernsthaft die Einschränkung unserer Mobilität zu fordern. Ob nun über Halbstunden oder Viertelstundentakt diskutiert wird, über öffentliche Verkehrsnetze bis in die hintersten geografischen Winkel, über Verkehrsbetrieb rund um die Uhr, immer steckt die Forderung nach mehr Mobilität dahinter. Ungehinderte Mobilität ist für den öffentlichen Verkehr genauso eine entscheidende Vorgabe wie für den Individualverkehr. Das Mobilitätsdenken des Zugfahrers unterscheidet sich von jenem des Autofahrers lediglich in der Wahl des Verkehrsmittels. Und mindestens vier von fünf Zugfahrern sind auch Autofahrer.

Die soziale Mobilität wird genauso als Grundrecht wahrgenommen. Die Auflösung einer Partnerschaft gilt als rein private Angelegenheit – selbst bei den frömmsten Christenmenschen, sobald sie davon persönlich betroffen sind. Arbeitgeber fordern beinahe uneingeschränkte Bereitschaft zur Mobilität – und Arbeitnehmer fürchten in ihrer Karriereplanung nichts so sehr wie das Treten vor Ort. Dass man mobil kommuniziert, ist längst selbstverständlich – Status erwirbt man sich dadurch, dass man es möglichst pausenlos tut und möglichst viele Followers und Friends im Schlepptau hat. Da ist es nur natürlich, dass jede Einschränkung von Mobilität als Beschneidung von Freiheit betrachtet wird, als Abwürgen von Lebensenergie, als Separierung vom sozialen Leben.

Die Kirchen haben bis weit ins 20. Jahrhundert hartnäckig gegen diese Entwicklung angekämpft. Dafür steht ein Begriff wie «katholisch Zürich». Aus einem schlichten Luzerner wurde ein «katholisch Zürcher».

Mit grossem Aufwand betrieb man eine Parallelgesellschaft, in der alles beim Alten zu bleiben schien, in der man selbst im konfessionellen «Feindesland» von der Wiege bis zur Bahre alles aus einer katholischen Hand beziehen konnte: Lebensmittel vom katholischen Händler, Versicherungen vom katholischen Versicherer, Bücher und Zeitschriften vom katholischen Verleger, die Freizeit von katholischen Vereinen, die Politik von katholischen Parteien, das Kafi Luz vom katholischen Wirt.

Bis in die Gegenwart hinein erinnert ein abwertender Begriff wie «Mischehe» daran, dass der wahre Katholik auch eine katholische Ehe zu führen hatte. Entstanden ist das katholische Milieu als Folge des Mobilitätsschubs im 19. Jahrhundert. Es sollte gewissermassen vorindustriell überschaubare Zustände schaffen und den traditionellen Begriff von «Heimat» bewahren.

Aber nicht nur die Kirchen spürten instinktiv und früh, wie sehr Mobilität ihr Selbstverständnis verändern würde. Auch das ganze Vereinswesen entstand nicht zufällig im 19. Jahrhundert. Ob Turn- oder Schützenvereine, historische Gesellschaften oder Frauenverbände – sie sollten für eine neue Identität und für Zusammenhalt in einer Gesellschaft sorgen, in der die geografische, historische, soziale, religiöse Identität immer diffuser wurde. Auch der Eidgenössische Dank­, Buss- und Bettag, der in der Bundesverfassung von 1848 verankert wurde, hat seinen Ursprung in diesem Versuch, Heimat im Zeitalter der Mobilität zu definieren.

Und nun stecken wir im 21. Jahrhundert und allmählich tauchen Rechnungen auf, die im Pioniergeist und in der Euphorie nicht zur Kenntnis genommen wurden oder noch gar nicht vorhersehbar waren: Die Umwelt beginnt den Preis für unsere ungehemmte Mobilität einzufordern. – Gemeinden suchen verzweifelt nach Menschen, die sich nicht nur einen Platz zum Schlafen, sondern auch einen Ort zur Mitwirkung suchen. – Der Atomausstieg wird zum Dilemma, weil er mit keinerlei Einbussen verknüpft sein darf. – Fixierung auf mobile Kommunikation wird als Sucht therapiert. – Familienunternehmen sehen ihre Existenz nicht durch wirtschaftlichen Misserfolg bedroht, sondern durch fehlende Nachfolger. – Auf eine Trennung folgt nicht ein sauberer Neuanfang, sondern die mühsame Neuordnung von Beziehungen, die mit viel zeitlichem und finanziellem Aufwand verknüpft ist und einmal mehr ein hohes Mass an Mobilität verlangt. – Die Mobilität der Menschen geht zu Lasten ihrer Beweglichkeit, worüber dann wieder das Pendeln zum Fitnesszentrum hinweghelfen soll. – Das Geld ist so mobil geworden, dass die Milliarden über Nacht verschwinden und auftauchen. – Wenn Bewegung in ein verschlafenes Quartier kommt, bedeutet das immer auch die Verdrängung von Menschen, die sich den Boom nicht leisten können. – Im Gewirr von Heimatort, Geburtsort, Wohnort, Arbeitsort und Ferienort spielt sich unser Leben mehr und mehr unterwegs irgendwo dazwischen ab, so dass der Nachbar im Zug von unserer Privatsphäre mehr mitkriegt, als seine eigene Privatsphäre ertragen kann.

Allmählich wird uns bewusst, dass sich mit Mobilität auch Begriffe wie Verschleiss, Rastlosigkeit, Entwurzelung, Heimatlosigkeit verbinden lassen. Also wird plötzlich wieder diffus von Identität gesprochen, von einer schweizerischen, einer christlich­abendländischen und auch von einer katholischen. Dabei geht bei letzterer vergessen, dass das katholische Milieu bereits zu seinen Blütezeiten ein Anachronismus war und dass die Rückkehr zu einem vermeintlich traditionellen katholischen Kirchenbild, welches in dogmatischen, liturgischen und disziplinarischen Fragen für definitive Klarheit sorgt, in Wahrheit eine Rückkehr in die Zeiten des I. Vatikanischen Konzils bedeuten würde. Dieses Konzil fand – wen wundert’s noch – 1869 / 1870 statt.

Wer so hofft, vergisst, dass der durchschnittliche Luzerner im 19. Jahrhundert auf die Frage nach seiner katholischen Identität noch ziemlich verständnislos reagiert hätte. Er lebte seit seiner Geburt in einem katholischen Dorf, umgeben von katholischen Menschen, geprägt von einer katholischen Vergangenheit, getragen von katholischem Brauchtum. Er brauchte sich gar nie die Mühe zu machen, sein Katholisch­Sein zu definieren.

Das 21. Jahrhundert wird uns Rechnungen präsentieren, von denen wir nicht die leiseste Ahnung haben, wie wir sie bezahlen wollen. Nur eines ist jetzt schon gewiss: Eine Rückkehr ins vormobile Zeitalter wird es nicht geben und eine Rückkehr in den Schoss einer alten katholischen Tradition, in der alles noch gut war, ganz sicher auch nicht.

Erstmals publiziert in forum 23/2012

Text: Thomas Binotto