Schwerpunkt

Bühne frei für den Gottesdienst

Was erwarten eigentlich jene Menschen, die in den Bänken sitzen, von der Liturgie? – Wir lassen einige von Ihnen zu Wort kommen. – Und sprechen mit dem Dramaturgen Serge Honegger, dessen täglich Brot die Inszenierung ist.

Was wünschen sich Gottesdienstbesucher von der Liturgie? Wer so «kundenorientiert» fragt, setzt sich einer Vielfalt von Ansprüchen, Sehnsüchten und Ideen aus. In ihnen kommt zum Ausdruck, was unsere Gesellschaft bis in die
Liturgie hinein ist: Sie ist plural.

«Die Messe am Sonntag könnte etwas später sein, weil viele ziemlich lange schlafen. Wenn man sie nach hinten verlegen würde, könnte man mehr Leute erreichen.»
Tim Künstler (17), Lehrling Logistik

«Im Gottesdienst suche ich einen Moment der Begegnung mit Gott, einen Moment, der aus der Zeit geschnitten ist, einen Moment, der mir erlaubt, den Blick über den Alltag zu heben.»
Günther Hofbauer (50), Arzt

«Ich wünsche mir Anregungen zur Weiterentwicklung. Ich möchte nicht nur zuhören und Gebote befolgen, sondern einen Austausch auf Augenhöhe. Das übliche Format, dass ein Priester alleine predigt und alle anderen ‹sich berieseln› lassen, finde ich überholt, zu patriarchal.»
Vera Frischmuth (38), Marketing-Analystin

«Für mich ist Gottesdienst: eintauchen in ‹wie im Himmel so auf Erden›, die irdische Vergegenwärtigung der himmlischen Wirklichkeit, an deren Höhepunkt der Priester an Christi statt uns Jesus selbst zur Nahrung gibt.»
Tobias Emanuel Mayer (35), Leiter Radio-Musikredaktion

«Im Gottesdienst kommen alle aus der Gemeinschaft zusammen. Für mich ist das ein Grund, in die Kirche zu gehen, weil ich dort meine Kollegen treffe. Ich will Gottesworte erfahren und neue Geschichten aus der Bibel hören. Ich suche Ruhe für meine Gedanken, um sie wieder zu ordnen. Ich finde es schön und wichtig, die Rituale zu feiern und zu wiederholen.»
Anna Bucher (13), Schülerin

In der Regel gestalten Theologinnen, Katechetinnen, Diakone und Priester die Gottesdienste. Sie wählen Worte und Texte aus. Mit ihren Gedanken und Erfahrungen prägen sie das Geschehen. So wie es die Organistinnen und Musiker mit ihren Klängen tun. Dabei geht ein wesentlicher Faktor gerne vergessen: der Raum, in dem sich die Menschen treffen, das Kirchengebäude selbst.

Viele unserer Kirchen sind gross im Verhältnis zu der Anzahl Menschen, die darin zusammen feiern. Sie stammen meist aus einer anderen Zeit. Die Räume sprechen ihre eigene Sprache, mit ihren Bildern, Materialien, mit der Möblierung, dem Stil und den Farben. Wie gehen wir damit um? Um Anregungen auf diese Fragen zu finden, besuchen wir mit Serge Honegger die Pfarreikirche St. Anton in Zürich Hottingen.

Honegger arbeitet mit der Gestaltung von Räumen, allerdings in einem ganz anderen Bereich: am Theater und an der Oper. Er ist Regisseur und Dramaturg und hat auch schon in Kirchen inszeniert. Für ihn ist klar, dass Liturgie nicht Theater ist und deshalb auch anders funktioniert. Dennoch eröffnet sein Blick auf einen Raum interessante Perspektiven für die Feier von Gottesdiensten in den Kirchenräumen.

Mit Licht lenken

Sofort beginnt Honegger sich mit dem konkreten Raum in St. Anton auseinanderzusetzen: «Hier gibt es ein buntes Bildprogramm. Es ist Ausdruck seiner Zeit. Vielleicht entspricht manchen dieses gemalte Gottesbild nicht mehr. Trotzdem vermag es eine produktive Kraft zu entfalten. Die Vorsteherin oder der Vorsteher kann sich davon absetzen und es thematisieren – so wird sie zum lebendigen Kommentar. In Kirchen habe ich es allerdings selten erlebt, dass auf die Bildprogramme an der Wand oder die räumliche Disposition eingegangen wird. Beides wird kaum als Ressource genutzt, um dadurch eine Verbindung herzustellen.» Bis zu fünfzig eigene, kleinere Räume sieht Honegger im grossen Raum dieser Kirche. Sein Zugang ist ein kreativer Umgang mit diesem gegebenen Raum.

«Wenn nicht viele Leute am Sonntag in die Kirche kommen, muss das nicht versteckt werden. Es braucht einen offenen Umgang damit. Die Verantwortlichen können schauen, was für einen Raum sie zur Verfügung haben und welche Form sie finden, bei der ihnen selbst und den anwesenden Menschen wohl ist. Wenn es für alle stimmt, kommen mit der Zeit vielleicht auch wieder mehr dazu, wer weiss.» Wir bewegen uns im Kirchenraum von St. Anton, laufen zwischen den Bankreihen nach vorne, schauen uns nach Räumen um, die sich für die Feier des Gottesdienstes eignen. «Wenn man grosse Räume zu füllen hat, aber nur zwanzig oder fünfzig Menschen anwesend sind, gibt es einige Tricks. Im Theater würden wir eine Wand als Raumteiler herunterlassen, man kann mit Vorhängen arbeiten oder mit einer spezifischen Lichtdramaturgie spielen: Ein grosser Spot könnte den Altar beleuchten, eine andere Lichtquelle die ersten drei Bankreihen. Das führt die Leute dazu, sich vorne zu versammeln.»

Das Zwiegespräch wagen

Wie wir uns den Stufen nähern, die zum Altarraum hinaufführen, merken wir deutlich: Hier beginnt ein anderer Raum, ein heiliger Raum. Wie wir den Altarraum betreten, verändert sich unwillkürlich unser Schritt. Respektvoll sieht sich Serge Honegger um. Die Perspektive hat sich von hier oben verändert. Sogar ganz gewagte Szenarien werden sichtbar:

«In diesem grossen Raum funktioniert Liturgie auch mit einer einzigen Person. Angenommen, es wäre nur noch ein einziger Gläubiger hier, dann möchte ich diese einzige Person nicht damit konfrontieren, dass auf allen diesen Bänken noch eine Gemeinschaft sitzen sollte. Deshalb würde ich alle Bankreihen entfernen. Übrig bliebe der leere Raum, der eine Grösse eigener Art besitzt. Wenn ich Priester wäre, würde ich dann im Altarraum zwei schöne Sessel aufstellen, wo wir ein Zwiegespräch führen würden.»

Dieses Szenarium, den Gottesdienst stärker als Zwiegespräch zu feiern, trifft auf Sehnsüchte und auf Erfahrungen vieler Gottesdienstbesucherinnen und -besucher.

«Je länger, je schmerzlicher vermisse ich, in den Gottesdienst einbezogen zu sein. Da im Alltag das Gespräch miteinander nicht mehr selbstverständlich ist, könnte die gemeinsame Mahlfeier ein guter Übungsraum dafür sein.»
Magdalena Maspoli (82), pensionierte Sachbearbeiterin

«Mir ist wichtig, dass alle etwas zum kostbaren Gottesdienst beitragen.»
Anna Bucher (13), Schülerin

«Die Menschen, die im Raum der Kirche zusammenkommen, kreieren gemeinsam einen Ort, an dem sie sich gegenseitig mit Wohlwollen und Herzlichkeit begegnen. Gerade weil dieser zwischenmenschliche Umgang in unserer Gesellschaft nicht mehr selbstverständlich ist, finde ich es schön, dass wir dies während der Gottesdienste pflegen.»
Theresa Manz (20), Studentin Geschichte und Politik

«Zentral ist die Eucharistiefeier, wenn die Gemeinschaft das Geheimnis von ‹Gott mitten unter uns› feiert. Seit einiger Zeit nehme ich an einem ‹Pilgerweg nach innen› teil. Da wird der Erfahrungsaustausch eingeübt, man kommt sich näher und wird zu neuem Aufbruch angeregt.»
Gerhard Huwiler (75), pensionierter Lehrer

Gottesdienst will Gemeinschaft mit Gott erlebbar machen. Auch das Theater und die Oper kennen die Aufgabe, das Ewige, das Transzendente spürbar zu machen. Was sind die Elemente, die Menschen heute eine derartige Erfahrung vermitteln können? Für Serge Honegger braucht es das Spiel zweier Elemente: «Es ist immer entweder das Licht, oder es ist die Leere. Licht und Leere sind Elemente, die uns im Theater die Erfahrung des Ewigen, des Göttlichen und Transzendenten vermitteln.»

Leere kann also bedeuten: Etwas fehlt. Menschen zum Beispiel, die nicht mehr zum Gottesdienst kommen. Leere kann aber auch ermöglichen, dass etwas entsteht. Eben ein Raum, der gestaltet werden kann und auch gestaltet werden muss.

Die Kraft der Wiederholung

Honegger sieht in der Leere kein Versagen, sondern eine Herausforderung: «Wäre der Kirchenraum leer, ohne Bankreihen, würde er wie ein öffentlicher Platz in einer Stadt funktionieren. Eine italienische Piazza. Da ist Kommen und Gehen. Eine leere Fläche. Von Fall zu Fall würde sich entscheiden, wie und ob sie sich bevölkert. Aber: In der Leere, im Nichts, da erscheinen die Ungeheuer. Deshalb macht uns die Wüste Angst. Sie stellt die Frage nach Orientierung. Das ist das grosse Potenzial dieses bilderlosen Raums. Man muss das aushalten, denn gerade in wüstenähnlichen Orten erscheint das Göttliche.»

Während der Begehung des Kirchenraums spricht der Dramaturg auch über die Stärke der Liturgie: «Sie weist eine Konstanz auf. Das hat in unserer postmodernen Gesellschaft eine Kraft, indem sich darin etwas Bleibendes manifestiert. Wenn in der Liturgie das Kommende, das himmlische Jerusalem, ausgedrückt werden soll, dann vereinfacht das Ritual den Zugang zum eigentlichen Inhalt, weil es nach dem gleichen Muster abläuft.»

Neben Licht und Leere scheint uns auch die Wiederholung in das hineinzunehmen, was eine Liturgie ausmacht. Gottesdienst und Messfeier sind Rituale, die dann ihre Kraft tiefer entfalten, wenn sie vertraut sind, wenn wir sie kennen und mitvollziehen.

«Ich wünsche mir von einem Gottesdienst, dass er immer ähnlich abläuft. Ausserdem ein Evangelium, von dem ich etwas lernen kann. Ich suche Ruhe und Entspannung, damit ich achtsam versuchen kann, Gott zu spüren. Ich suche auch die Stille, damit ich über meine Fehler nachdenken kann. Wenn ich die Hostie empfangen habe, fühle ich mich Gott und Jesus näher.»
Philipp Schlauri (11), Schüler

«Der Gottesdienst folgt einem eingespielten Muster, das mich führt. Darin finden sich freie Momente, die mir erlauben, mich selbst, meine Probleme, meine Sorgen, meine Ängste zu spüren und zu überdenken. Der Bogen des Gottesdienstes schliesst sich am Ende und gibt auch mir einen Moment des Abschlusses mit meinen Gedanken und Gefühlen, mit und dank Gott.»
Günther Hofbauer (50), Arzt

«Ich erinnere mich, wie es seinerzeit ein heftiges Umlernen war, als vom Latein ins Deutsche gewechselt wurde und der Priester hinter dem Altar stand. Und plötzlich waren die Worte und Gebärden der Messe verständlich! Geschadet haben diese Umstellungen niemandem. Ich finde es nötig, die Veränderungen hineinzunehmen in unseren religiösen Alltag: dass neue Formen erprobt werden, die kirchlichen Texte in die Alltagssprache übersetzt werden, und Raum ist, sich darüber auszutauschen.»
Magdalena Maspoli (82), pensionierte Sachbearbeiterin

Text: Veronika Jehle

Angebot laufend

Serge Honegger (42) ist Dramaturg sowie Management- und Kommunikationsberater. Neben Inszenierungen an Theatern und Opern hat er mehrfach Kirchenräume im deutschsprachigen Raum bespielt, in Zürich die Predigerkirche sowie St. Peter. Er selbst ist reformiert.

Veranstaltungen

Angebot laufend

Samstag, 30. November bis Weihnachten täglich von 17–21 Uhr

«Wofür brennst du?»

Kirche St. Margarethen, Rütistrasse 31, Wald

Erneut lädt die Lichtinstallation (s. Titelbild) von Clemens und Nick Prokop zum adventlichen Aufbruch ein.

 

Montag, 2. Dezember 18.15 Uhr

«weihnächstlicher»

Vernissage der LichtInstallation von Clemens Prokop

aki, Hirschengraben 86, Zürich

Am Central in Zürich strömt der Verkehr von allen Seiten. Trams quietschen. Die Polybahn rattert. Wenige Schritte daneben sendet das aki bis Weihnachten Lichtmotive und erkennbare Worte zur Polybahn hinüber. Nur sekundenlang sind die Botschaften für die BahnPassagiere sichtbar. Auch im aki selbst reihen sich mehr und mehr Lichter aneinander. Zusammen bilden sie eine Struktur, die immer komplexer wird. Und Menschen tauchen im Licht auf. Sie warten, sitzen oder liegen.

 

Freitag, 5. Dezember 19 Uhr/20 Uhr

«weit&»

Kirche Maria Krönung Witikon, Carl Spitteler-Strasse 44, Zürich

Vier Studierende kreieren eine Lichtinstallation zu Arvo Pärts «Sarah was Ninety Years Old». Durch die Lichtinstallation «Lichträume» kann der Kirchenraum auf neue Art erlebt werden.