100 Jahre Frauenbund

Corneille Ruedin (5) und Marianne Ruedin (71)

Der Katholische Frauenbund Zürich wurde vor 100 Jahren gegründet. Für jedes Jahrzehnt ein Frauenporträt.

Corneille sitzt am Boden und spielt mit Legosteinen. Immer mittwochs ist er beim Grosi, nicht weit von seinem Zuhause. Corneille ist einer der beiden Enkel von Marianne Ruedin, ein Sohn von einem ihrer vier Söhne. Marianne Ruedin hatte und hat also Möglichkeiten, ihr Bewusstsein für die Rechte von Frauen an den Mann zu bringen: «Es braucht beide Geschlechter für die Gleichberechtigung. Ich habe es schon meinen Söhnen mitgegeben und lebe es jetzt Corneille vor, dass es keinen Unterschied gibt zwischen Männern und Frauen.»

In der Zwischenzeit ist etwas entstanden. Corneille hat viele blaue Legosteine aufeinandergesetzt, dann kommen einige gelbe, auf der Spitze sitzt ein Dach. Eine Rakete ist es, sagt er, «die fliegt zum Himmel». Während er mit dem Fluggerät in der Hand durch den Raum wirbelt, erzählt seine Grossmutter, dass er ein unglaublicher Bewegungsmensch sei. Dass er gern singe und Musik mache und dass er darum auch gern zum Kindergottesdienst gehe. Gefragt nach der Kirche, strahlt Corneille. Er erinnert sich an eine Geschichte, die er dort gehört habe, die «vom Oli mit dem Stein». Am Ende durfte er einen Stein mit nach Hause nehmen, den habe er immer noch. Und von Jesus habe er auch schon gehört, «ja klar». Corneille werde mit der Kirche verbunden bleiben, wenn er dort auch in Zukunft die Erfahrung mache, «als Mensch, als Individuum wahrgenommen zu werden», sagt seine Grossmutter, die selbst aus der Kirche ausgetreten ist. «Ich habe diese Erfahrung selten gemacht in der Kirche.»

Marianne Ruedin versteht sich als Christin. Wenn sie am Mittagstisch mit Corneille ein Tischgebet singt, wenn sie den nächsten Generationen die Gleichberechtigung vorlebt, und auch in der Weise, wie sie sich öffentlich dafür engagierte. Von 2001 bis 2006 war sie aktiv im Katholischen Frauenbund, einige Zeit hatte sie den Vorsitz inne. Sie ist eine der beiden Initiantinnen der Beratungsstelle tandem, die der KFB führt. «Dieses Engagement nach aussen, in die Gesellschaft hinein, das wird es in Zukunft wieder neu und vermehrt brauchen», ist sie überzeugt. Gerade für die Frauen in der Gesellschaft – und in der Kirche.

Da fliegt plötzlich wieder Corneilles Rakete vorbei und während sie höher steigt, wirft der Junge nach und nach die blauen Legosteine ab. Corneille weiss offenbar, dass eine Rakete im Fliegen immer wieder etwas abwerfen muss, und zwar jene Triebsätze, die verbraucht sind. «Wie hoch könnte die Kirche fliegen, wenn sie Ballast wie diese Diskriminierungen abwerfen würde», sagt Marianne Ruedin und schaut der Rakete nach. Ob Corneille das noch erleben werde? «Frühestens, wenn er selbst einmal Grosspapi ist.»

Text: Veronika Jehle