Mittagstisch

Gäste willkommen

Gemeinsam essen tut gut: In der zweiten Folge stellen wir das beeindruckende Angebot der Kirchen in der Stadt Zürich vor. Am Beispiel von Abdi, der mit Leidenschaft für Menschen in Seebach kocht.

Es ist 8.30 Uhr, ein grauer Donnerstagmorgen in Zürich Seebach. Die Trams tuckern geschäftig vorbei, während ich vor der Maria-Lourdes-Kirche stehe und den Eingang suche. An der Wand stehen mehrere Männer, sie rauchen und lachen. «Das ist immer so», meint Mark Etter, Pastoralassistent der Pfarrei, «Einige sind immer zu früh da.»

Nach und nach füllt sich der Vorraum zum Pfarreisaal. Die Helfenden stehen in einer langen Schlange, die bei Mark Etter endet. Eine nach der anderen teilt er die Personen zum Kochen, Lebkuchenbacken oder Kerzenreinigen ein. Rund 20 verschiedene Workshops bietet die Pfarrei Seebach jeweils am Donnerstag vor dem Gratismittagstisch an. «Ich weiss schon, was du willst», meint er gut gelaunt zu einer kleineren Frau mit Kopftuch, während er an einem grossen White-Board die Namen der Helfenden einteilt. Ob gross, alt, muslimisch, kurdisch, jung, schnell oder langsam: Für jeden findet sich ein Platz. Dabei gilt: First come, first served. Je früher, desto eher kann noch gewählt werden. Aus den geduldig Wartenden bilden sich immer mehr Grüppchen. Ich höre viel kehliges Lachen, Kurdisch und Arabisch, sehe gestikulierende Hände und offene Gesichter.

Entschuldigend schlängle ich mich zur Küche durch, einem der Workshops für diesen Morgen. Es riecht schon nach Zwiebeln und Früchten sowie dem typischen Mensageruch, der sich mit dem Dampf der Abwaschmaschine mischt. Das fünfköpfige Küchenteam bereitet hier einmal im Monat ein Gratis-Mittagessen vor. Zum Mittagstisch eingeladen sind alle. Die meisten Gäste sind jedoch armutsbetroffene, welche sich sonst kein teures Essen leisten können. Das Menü in Seebach ist einfach und gut: eine Suppe, ein Salat, eine Pasta mit Tomatensauce aus Gemüse des Hilfswerks «Schweizer Tafel». Auch heute sollte das Essen der Schweizer Tafel ankommen – leider hatte das nicht geklappt. Doch das Team weiss sich zu helfen: «Wir improvisieren. Das ist kein Problem», meint Abdi, der für jeden Gratismittagstisch kocht. Er steht ruhig neben dem Waschbecken und schneidet weisse, glänzende Zwiebeln. Dabei schaut er kurz auf, ein Kopfnicken, ein warmes Lächeln, und widmet sich wieder seiner Arbeit.

Seit fünf Jahren kocht Abdi nun für den monatlichen Gratismittagstisch am Donnerstag. Er nimmt sich monatlich einen Tag frei, um freiwillig für andere zu kochen: «Ich helfe gerne und bin sehr zufrieden», meint er lächelnd mit seiner tiefen, fast leisen Stimme. Er erzählt, wie er dank der Pfarrei, wo er zuerst lange Zeit als Arbeitsloser beim Kochen geholfen hat, seinen Job fand: «Wir hatten ein Personalfest und sind im Restaurant Weidhof essen gegangen. Eine Frau in der Kirche kannte den Chef des Restaurants. Sie fragte, ob eine Stelle frei wäre, und am nächsten Tag habe ich als Hilfskoch angefangen und bin sehr glücklich damit.»

Und diese Wertschätzung zeigt sich in der Art, wie er kocht. Beständig schneidet und überwacht er die Töpfe und schafft es dabei, die anderen des Teams mit seiner ruhigen und fröhlichen Art bei Laune zu halten. Auch Mark Etter, der nun seit mehr als fünf Jahren mit Abdi beim Mittagstisch zusammenarbeitet, schätzt ihn: «Abdi ist für mich ein kleines Wunder», meint er, «er nimmt zuverlässig jeden Monat von seinem regulären Job frei, um bei uns zu helfen. Er sorgt immer für gute Stimmung. Es ist daraus eine richtige Freundschaft entstanden.»

Auch Carmen aus Spanien, die neben mir in der Küche Trauben liest, meint mit grossen Augen: «Abdi ist immer sehr lustig», dabei hält sie sich vergnügt die Hand vors Gesicht und lacht. Schon kommt Abdi vorbei, zeigt auf die Traubenstiele in meiner Hand und meint lachend, die seien übrigens auch zum Essen – und nicht nur zum Abzupfen – da. Die Bewilligung zur Kostprobe nehme ich an.

Ob er neben seiner Arbeit als Hilfskoch auch noch gerne in der Freizeit kocht? «Ja sicher!», meint Abdi stolz und lacht mit voller, kehliger Stimme auf, während seine Augen aufleuchten: «Kochen ist mir nie zu viel!». Er schätzt, dass er dadurch armutsbetroffenen Menschen helfen kann. Schon Abdis Eltern haben in Somalia anderen benachteiligten Menschen geholfen. Das ist auch ihm sehr wichtig.

Text: Luana Nava