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Geballte Festlichkeit

Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium wurde erst im 20. Jahrhundert zum Hit.

Was wäre Weihnachten ohne Glühwein und Gebäck, ohne knisternde Marroni – und ohne Bachs Weihnachtsoratorium? Als sei es das Selbstverständlichste der Welt, türmen sich pünktlich jeden Dezember die Aufführungen mit glanzvollen Stars und ambitionierten Laien zum überfordernden Überangebot. 
Ohne grosses Risiko darf man das Weihnachtsoratorium als Johann Sebastian Bachs populärstes Werk bezeichnen. Die Passionen mögen gewichtiger sein – und werden doch vom Weihnachtsoratorium in seiner Festlichkeit mühelos geschlagen. Dass es auch andere Weihnachts-Musiken gibt, die man nicht verachten sollte, sei der Vollständigkeit halber vermerkt: Aber gegen Bach ist kein Kraut gewachsen.
Dabei ist das – von Eingeweihten nur «WO» genannte – Werk ein Produkt des 20. Jahrhunderts. Aus der Kirche ist es in den Konzertsaal gewandert: als geballte Vorwegnahme des Weihnachtsgeschehens. Spätestens nach drei Kantaten am Stück, stöhnte schon Albert Schweitzer, seien die Zuhörer dermassen erschlagen, dass sie die eigentliche Schönheit nicht mehr wahrnehmen könnten.

Geistlicher Fortsetzungsknüller
Dabei hatte Bach eine Fortsetzungsgeschichte im Sinn. Er komponierte sechs Kantaten: je eine für die damals drei Weihnachtsfeiertage, für Neujahr, den ersten Sonntag nach Neujahr sowie den 6. Januar, das Fest Erscheinung des Herrn.
Mit Kantaten kannte sich Bach aus. Für den Chef der Leipziger Kirchenmusik waren sie sozusagen das Kerngeschäft. Ein unverrückbar fester Bestandteil der Sonn- und Feiertagsgottesdienste. Eine Meditation des Evangeliums-Textes. Eine ausladende musikalische Predigt, mit Solisten, Chor und Orchester. Und nichts für Eilige: Die Gottesdienste in den Leipziger Hauptkirchen dauerten gut und gerne vier Stunden.
Fünf (unvollständig erhaltene) Kantatenjahrgänge hat Bach insgesamt komponiert. Zeitdruck war für ihn offenbar kein belastendes Problem: Vieles entstand aus der Improvisation heraus. Und wenn er alte Stücke wiederverwerten konnte, hatte er überhaupt keine Skrupel. Schon der Eingangschor des Weihnachtsoratoriums ist die Umarbeitung einer weltlichen Komposition. Gleich zu Beginn der ersten Weihnachtskantate wurde aus «Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!» das markante «Jauchzet, frohlocket!».
Johann Sebastian Bach war knapp 50 Jahre alt, als er das Weihnachtsgeschehen vertonte. Gelassen konnte er aus der Fülle seiner reichen Erfahrung schöpfen. Er musste nicht elegant oder modisch schreiben, sondern konnte seine Erfindungsgabe mit einer gewaltigen Bandbreite technischer Möglichkeiten verknüpfen. Virtuos verflocht er Stimmlinien ineinander. Oder er fügte sie zu ergreifender Schlichtheit aufeinander.

Komponist des Wortes
Ein Kantor, der aus dem Gottesdienst ein Theater macht – das war dennoch die grosse Sorge der Leipziger Ratsherren. Dabei war die Kantatenform in ihrer Abfolge von Rezitativ, Arie und Chor ohne die italienische Oper kaum denkbar. Und auch Bach hat natürlich von der Bühne gelernt, wie man Affekte und Effekte in Musik formt. Das Entscheidende an Bachs Musik aber ist, dass sie bis auf wenige Ausnahmen nicht illustriert. Sie ist kein Soundtrack zum durchaus bunten biblischen Geschehen, wie es die Evangelisten Lukas und Matthäus überliefern.
Bachs Erfindungsreichtum entzündet sich oft on einzelnen Worten: eine kleine Figur hier, ein prickelnder Rhythmus da – erst bei genauerem Hinhören merkt man, wie sich diese für sich allein oft simplen Einfälle als glühender Funken durch eine Arie brennen, wie sie einem Chor Licht und Gestalt verleihen.
Bei so viel Individualität konnten die Nörgler Bach deshalb immer wieder Regelverstösse vorhalten. Wer hinhört, spürt: Das war nicht Unvermögen des Komponisten, sondern seine volle Absicht. Die Ratsherren hatten wenigstens theologisch nichts zu meckern: Niemals verselbständigt sich Bachs Musik. Immer bleibt sie eine Art Thron für das Wort. Niemand hat für Luthers Bibel-Übersetzung mehr getan als Bach – diese Behauptung ist nicht übertrieben.

Bei aller Pracht: Etwas unverdient ragt das Weihnachtsoratorium schon aus der Fülle seiner Kantaten heraus. Wer Bachs Musik liebt, sollte Weihnachten zum Anlass nehmen, sich durch den Schatz seiner vernachlässigten Werke zu hören.

 

Dieser Beitrag wurde im forum 26/2007 erstmals publiziert.

Text: Clemens Prokop

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Hörtipp

Die Rolle als Bachs Evangelist begründete seinen Weltruhm. In der Doppelfunktion als Dirigent und Sängersolist gelang ihm Erstaunliches. Deshalb bewundere ich unter allen Einspielungen der Weihnachts-Kantaten Peter Schreiers atemberaubend unspektakulären Zugriff besonders: weil er in beispielloser Souveränität nichts beweisen muss, sondern ganz aus dem Innern der Komposition heraus agiert, ohne dabei die packende Dramatik aus den Augen zu verlieren. Seine verschiedenen Aufnahmen – mit der Dresdner Staatskapelle zum Beispiel, mit dem Münchener Bach-Chor zuletzt – verbinden Gelassenheit und Grösse.

 

Johann Sebastian Bach: «Weihnachtsoratorium» BWV 248. Donath, Lipovsek, Büchner, Holl, Schreier, Rundfunkchor Leipzig, Blechbläserensemble Ludwig Güttler, Staatskapelle Dresden. Leitung: Peter Schreier. Label: Philips 1986.