Schwerpunkt

Raum und Gestaltung des Gottesdiensts

Der Dramaturg Serge Honegger lässt sich vom Kirchenraum inspirieren. Und regt zum Überdenken der Gottesdienstgestaltung an.

Traditionen befragen
«Welche Vorgaben übernehmen wir? Wie viel Autorität geben wir den überlieferten Texten? Ist ein Dialog möglich? – Diese Fragen müssen heute die Kulturinstitutionen ähnlich wie die religiösen Gemeinschaften beantworten. Das sind spannende Herausforderungen.»

Die Stärke der Liturgie
«Im liturgischen Ablauf steckt eine grosse Stärke, nämlich, dass er eine Konstanz aufweist. Das hat in unserer postmodernen Gesellschaft eine Kraft, indem sich darin etwas Bleibendes manifestiert. Wenn in der Liturgie das Kommende, das himmlische Jerusalem, ausgedrückt werden soll, dann vereinfacht das Ritual den Zugang zum eigentlichen Inhalt, weil es nach dem gleichen Muster abläuft. Ganz anders im Theater, hier geht es gerade darum, in der Inszenierung von alten Texten das Neue zum Vorschein zu bringen.»

Elemente des Ewigen
«Es ist immer entweder das Licht, oder es ist die Leere. Licht und Leere sind Elemente, die uns im Theater die Erfahrung des Ewigen, des Göttlichen und Transzendenten vermitteln.»

Verhältnis von Vorsteher und Gemeinde
«Für die Inszenierung des Göttlichen braucht es den abgetrennten Altarraum. In diesem wird der Vorsteher zu einem Gegenüber der Gemeinde. Natürlich funktionieren auch Räume, die eine andere Aufteilung aufweisen: solche, die beispielsweise rund angelegt sind, wo sich dann die Menschen um den Priester herum versammeln. In verschiedenen Raumsituationen stellt sich immer wieder die Frage nach der Hierarchie und der Rollenaufteilung. Wie stark will man die Menschen in das Geschehen involvieren? Will man die Trennung zwischen Vorsteher und Gemeinde akzentuieren oder verringern? Es gibt aus meiner Sicht kein Richtig oder Falsch. Man hat immer eine Wahl.»

Räumliche Bedeutungen
«Dieser Kirchenraum von St. Anton ist natürlich ein hierarchischer, ein autoritärer Raum. Aber, es kommt darauf an, wie er bespielt wird. Je nachdem, was für eine Tonlage gewählt wird, welche Texte vorgetragen werden, wie zu den Anwesenden gesprochen wird, kann eine ganz andere Stimmung kreiert werden.»

Rollenbilder
«Die eigene Rolle zu finden, ist nicht nur für die Priester eine anspruchsvolle Aufgabe: Wer die Nähe zur Gemeinde sucht, gibt sich dabei persönlich zu erkennen. Dies kann mit der Priesterrolle, die ja in einigen Situationen zwangsläufig eine eher distanzierte ist, in Konflikt geraten. Es braucht immer eine Entscheidung: spreche ich persönlich oder bin nur der Vermittler einer Botschaft. Diese Klärung der verschiedenen Ebenen ist auch auf einer Theaterbühne immer wieder eine grosse Frage.»

Auftreten
«Im öffentlichen Auftreten geht darum, das eigene Selbstverständnis zu finden: Welche Rolle möchte ich verkörpern? Wenn jemand das Talent hat, mit Präsenz und einer raumfüllenden Stimme aufzutreten, dann kann man diese Person in ein grosses Kostüm stecken und vorne in die Mitte der Kirche oder einer Bühne stellen. Hat jemand dieses Talent nicht, kann er sich Orte im Raum suchen, an denen ihm wohler ist. Es muss immer darum gehen, dass man sich einen Sprechraum schafft, in dem man glaubwürdig ist.

Der Code der Kleider
«In einer Theaterinszenierung werden die Kostüme auf das Farbprogramm des Bühnenbildes abgestimmt. Hier in St. Anton wäre wohl ein Kontrast empfehlenswert. Die Kleidung kommt besser zum Ausdruck, wenn sie schlicht ist, damit sie sich vom Hintergrund besser abheben kann. Liturgische Gewänder haben den Sinn, bewusst aus der Rolle der Privatperson in die kultische Funktion einzusteigen.»

Die ‹Requisiten› der Liturgie
«Die Inszenierung ist ein ganzheitliches Geschehen, zu dem jeder Handgriff einen Beitrag leistet. Soll die Liturgie Quelle und Höhepunkt des Lebens der Kirche sein, dann braucht es dabei Achtsamkeit und Wertschätzung. Wie bewegt sich der Priester im Altarraum? Wie behandelt der Ministrant die liturgischen Geräte? Wie spricht die Lektorin? Das gehört alles dazu.»

Ministrantinnen und Ministranten
«Ein Gespür zu entwickeln für Räume und deren Möglichkeiten, das beginnt schon im Kindesalter. Wenn beispielsweise Ministranten bei der Liturgie dabei sind, dann ist das eine Form der Übung. Treten Kinder auf einer Bühne auf, machen sie einfach mit. Es wirkt automatisch natürlich. Sie inszenieren sich nicht. Das ist eine wunderbare Art, den Raum und die eigene Wirkung auszuprobieren. Als Erwachsener hat man diese Unbefangenheit nicht mehr.»

Publikum und Gemeinde
«Wenn man grosse Räume zu füllen hat, aber nur zwanzig oder fünfzig Menschen anwesend sind, gibt es einige Tricks, um eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Im Theater würde man eine Wand als Raumteiler herunter lassen, man kann mit Vorhängen arbeiten oder mit einer spezifischen Lichtdramaturgie spielen: Ein grosser Spot könnte den Altar beleuchten, eine andere Lichtquelle die ersten drei Bankreihen. Das führt die Leute automatisch dazu, sich vorne zu versammeln.»

Die Schönheit der Leere
«Hätte es hier in St. Anton keine Bankreihen, sondern Stühle, liesse sich die Anordnung auflockern und viel flexibler gestalten. Jede und jeder hätte dann mehr Luft um sich herum. Raum zu haben, ist ein Ausdruck von Wertschätzung. Eine andere Möglichkeit: Die Vorsteherin könnte zum Gottesdienst alle in den Altarraum einladen und dort Platz nehmen lassen.»

Räume lassen sich nicht verbiegen
«Wenn nicht viele Leute am Sonntag in die Kirche kommen, muss das nicht versteckt werden. Es braucht einen offenen Umgang damit. Die Verantwortlichen können schauen, was für einen Raum sie zur Verfügung haben und welche Form sie finden, bei der ihnen selbst und den anwesenden Menschen wohl ist. »

Der letzte Gläubige
«In diesem grossen Raum funktioniert Liturgie auch mit einer einzigen Person. Die Zahl der Teilnehmenden spielt im Gegensatz zu einer Theateraufführung überhaupt keine Rolle. Angenommen, es wäre nur noch ein einziger Gläubiger hier, dann möchte man diese einzige Person nicht damit konfrontieren, dass auf allen diesen Bänken noch eine Gemeinschaft sitzen sollte. Deshalb würde ich alle Bankreihen entfernen. Übrig bliebe der leere Raum, der eine Grösse ganz eigener Art besitzt. Wenn ich Priester wäre, würde ich dann im Altarraum zwei schöne Sessel aufstellen, wo man dann ein Zwiegespräch führen könnte. Auch das ist Liturgie.»

Eine italienische Piazza
«Wäre der Kirchenraum leer, ohne Bankreihen, würde er wie ein öffentlicher Platz in einer Stadt funktionieren. Eine italienische Piazza. Da ist Kommen und Gehen. Eine leere Fläche. Von Fall zu Fall würde sich entscheiden, wie und ob sie sich bevölkert. Aber: in der Leere, im das Nichts, da erscheinen die Ungeheuer. Deshalb macht uns die Wüste Angst. Sie stellt die Frage nach Orientierung. Das ist das grosse Potenzial dieses bilderlosen Raums. Man muss das aushalten, denn gerade in wüstenähnlichen Orten erscheint das Göttliche.»

Die Macht der Räume
«Wenn ich Inszenierungen in Kirchen umsetze, dann fällt ein grosser Unterschied zu Theaterräumen auf: In der Kirche schreibe ich mich in einen Raum ein, der etwas Gegebenes ist. Er gibt mir ganz genau vor, wo ich die Treppen hinauf steigen muss oder wo ich sprechen werde. Das ist im Theater anders. Hier wird die Architektur im Bühnenbild der Inszenierung unterworfen und immer neu gebaut.»

Bilder und Bildverbot
«Das bunte Bildprogramm ist ein starker Kontrast zu Vorstellungen des religiösen Bilderverbots. In St. Anton ist das Bildprogramm Ausdruck einer ganz bestimmten Zeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Heute würde man die Kirche mit ziemlicher Sicherheit nicht mehr auf diese Weise gestalten. Vielleicht gefällt einem dieses gemalte Gottesbild nicht mehr, aber trotzdem vermag es eine produktive Kraft zu entfalten. Die Vorsteherin kann sich davon absetzen und es ganz bewusst zum Thema machen. Der Priester oder die Predigerin wird zum lebendigen Kommentar. In Kirchen haben ich es aber selten erlebt, dass auf die Bildprogramme an der Wand oder die räumliche Disposition eingegangen wird. Beides wird selten als Ressource genutzt, um dadurch eine Verbindung herzustellen»

Resonanz zwischen Raum und Geschehen
«Im Theater ist es so: Wenn es keine Resonanz gibt zwischen dem Raum, der Bühne, den Figuren, ihren Charakteren und Worten, dann wird es wahnsinnig zäh für die Schauspieler. Es muss eine Spannung entstehen, die sich auf das Publikum überträgt, sonst sind die Akteure nicht getragen.»

Das Grosse im Unscheinbaren
«Das ist für mich die grosse Intelligenz von alten Religionen: Man hat sich entschieden, das ganz Grosse, ganz Komplexe, ganz Schwierige symbolisch auszudrücken im allereinfachsten Gegenstand. Denken Sie an Jesus: Er nimmt das Brot und sieht darin das Göttliche.»

Abstraktion
«Die Hostie ist klein, der Einzelne sieht sie fast nicht. Darum herum wird ein Geschehen in Gang gesetzt, damit das Nicht-Darstellbare erfahrbar wird. Hier gleichen sich die Gesetze im Theater und in religiösen Dingen: Denn die ganz grossen Dinge lassen sich nicht visualisieren.  Für Verkündigungen, Götterdämmerungen, Geister und sonstige übersinnlichen Erscheinungen kommen im Theater Musik, Licht oder Botenberichte zum Einsatz. Die Kirche hat ihrerseits Formen gefunden, in denen sich die grossen Fragen der Menschheit spiegeln, ohne dass Visualisierungen zu Hilfe genommen werden müssten.»

Musik und Klang
«Musik ist Teil der Atmosphäre, sie füllt einen Raum durch den Klang. Musik ist ein räumliches Geschehen. Wer zusammen singt, ist in einer ähnlichen Stimmungslage, die Stimmen verbinden sich in einer Harmonie, da ist ein gemeinsames Atmen, wodurch ein Rhythmus entsteht. Musik ist die einfachste Form der Gemeinschaftsbildung.»

Digitale Elemente
«In einer Kirche wie St. Anton würden digitale Elemente eher störend wirken. Aber in einem Bau der Gegenwart können digitale Elemente wie leuchtende Schriftbänder oder sich verändernde Bildprogramme sehr spannend sein. Ich selber favorisiere Räume, die offen für Zuschreibungen sind. Deshalb gefallen mir ganz besonders die leeren Kirchen.»

 

Aus dem Gespräch mit Serge Honegger, St. Anton am 6. November 2019 - Aufgezeichnet von Veronika Jehle

Text: Veronika Jehle

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Serge Honegger (42) ist Dramaturg sowie Management- und Kommunikationsberater. Neben Inszenierungen an Theatern und Opern hat er mehrfach Kirchenräume im deutschsprachigen Raum bespielt, in Zürich die Predigerkirche sowie St. Peter. Er selbst ist reformiert.