Spiritualität ganz alltäglich

Schreddern

Was Schreddern Spirituelles an sich hat, erklärt Michaele Madu, Pastoralassistentin der Katholischen Pfarrei Volketswil.

Es ist erst etwas mehr als ein Jahr her, da passierte bei einer Kunstauktion in London etwas höchst Ungewöhnliches: Das Bild «Girl with Balloon» von Banksy, einem anonymen Graffitikünstler, wurde geschreddert, direkt aus seinem Rahmen heraus und unmittelbar in jenem Moment, als es für eine hohe Summe versteigert worden war. Banksy hatte die Schredder-Maschine absichtlich in den Rahmen eingebaut. Wer sich die Auktion online ansieht, sieht live die erstaunten und schockierten Gesichter der versammelten Kunstwelt. Obwohl als Provokation für den Kunstbetrieb gedacht, hinterliess die Aktion keinen Schaden, vielmehr vermuten Kenner, dass das Schreddern den Wert des Kunstwerks noch gesteigert habe.

Schreddern fasziniert offenbar. Ich verbinde jedenfalls positive Gefühle damit. Als ich früher beratend bei Sitzungen der Kirchenpflege dabei war, musste ich Ende des Jahres die Protokolle schreddern. Es hatte etwas Befreiendes an sich, Seite für Seite verschwinden zu sehen. Es befriedigte, dass all diese Geschäfte bereits erledigt waren. Das Wenige, das übrigblieb, erschien sowieso wieder auf der Pendenzenliste.

Mit Dingen abschliessen zu können, ist gesund. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die sich an die meisten Ereignisse jedes Tages erinnern können, und das seit ihrer Kindheit. Das mag praktisch klingen – leider bleiben dann allerdings auch alle negativen Gefühle so, als wären sie gerade geschehen. Was für eine Einschränkung des Lebensglücks! Das Gehirn muss ausmisten und priorisieren. Sagen wir also: Es kann segensreich sein, gewisse Erinnerungen innerlich zu «schreddern». Nicht jede Psychoanalyse, die bis in die Kindheit zurückgeht, ist heilsam. Oft kann es hilfreicher sein, das Verhalten im Alltag zu ändern. Es trägt also zur Lebensbewältigung bei, wenn man Beleidigungen, Albträume und Misslungenes «schreddern» kann.

Soll man auch Menschen «schreddern»? Provokant sage ich: In gewisser Weise schon, ich würde es aber anders benennen. Wir können uns von Personen trennen, die uns das Leben vergiften. Oder wir versuchen loszulassen, wenn jemand mehr Freiraum braucht. Möglich wird uns das, weil wir glauben dürfen, dass Gott für uns das Gute in seinem Gedächtnis aufhebt für die Ewigkeit. Für mich ist das eine schöne Vorstellung: Kein Heil geht verloren.

Text: Michaele Madu, Pastoralassistentin Katholische Pfarrei Volketswil