Kommentar

Sichtwechsel noch nicht vollzogen

Doris Reisinger gehört zu den wichtigen Stimmen in der Diskussion um Missbrauch in der Kirche. Was hält sie von der gegenwärtigen Präventionsarbeit?

Wenn ich sehe, was in der Präventionsarbeit geschieht, bin ich hin- und hergerissen. Vieles ist sehr gut. Vieles wäre vor wenigen Jahren so nicht denkbar gewesen. Vor allem die Menschen, die als Beauftragte in diesem Bereich arbeiten, sind in aller Regel mit Herz und Seele engagiert. Zugleich erlebe ich aber auch, dass es für viele Betroffene bis heute immer noch reine Glückssache ist, wie mit ihnen umgegangen wird. Je nachdem, um welches Bistum es geht und wie viel Einfluss der Täter oder die Täterin dort hatte oder sogar noch hat. Ich kenne Menschen, die seit Jahren gegen Wände aus Granit laufen.

Besonders wenn Täter oder Täterinnen Ordensleute sind, sind Betroffene oft zum Scheitern verurteilt. Dann waschen sich die Bistümer die Hände in Nichtzuständigkeit. Die Orden (nicht alle, aber eben manche) blocken ab. Die Ordensoberenkonferenz ist nicht weisungsbefugt. Die Religiosenkongregation in Rom scheint auch nicht zuständig. Die Opfer bleiben ohnmächtig zurück. «Organised Irresponsibility», organisierte Verantwortungslosigkeit, nennt das die irische Sozialwissenschaftlerin Marie Keenan. Hinzu kommt: Vertuschung und Mitwisserschaft sind als Probleme in ihrer ganzen Tragweite noch kaum im Blick. Bischöfe, die Täter systematisch gedeckt und versetzt haben, wurden dafür selten belangt – geschweige denn die römischen Behörden, die dieses Versetzungssystem nachweislich befördert haben.

Auf einem Auge blind
Es entsteht der Eindruck, dass entscheidende leitende Verantwortliche immer noch nicht verstanden haben, was Missbrauch im Kern ist. Ich möchte das an einem Zitat von Gerhard Ludwig Müller deutlich machen: «Wenn sich ein Vorgesetzter an den ihm anvertrauten Seminaristen oder Novizen vergeht, dann ist das gegenseitige Einvernehmen keine Minderung, sondern ein perfide Steigerung der Sünde.» Was Müller hier sagt, macht stutzig, weil wir in aller Regel voraussetzen, dass «Missbrauch» per definitionem eben eine nicht einvernehmliche Handlung ist, eine Handlung gegen den Willen einer anderen Person.

Offensichtlich versteht Gerhard Ludwig Müller – immerhin der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation – Missbrauch anders. Für ihn scheint Missbrauch primär die Verletzung einer kirchlich gesetzten Norm zu sein, in diesem Fall des Zölibats. Dafür, dass eine einvernehmliche sexuelle Handlung – auch wenn dabei ein Kirchengebot gebrochen wird – niemanden verletzt, und dafür, dass eine sexuelle Handlung zwischen einem Vorgesetzten und einem Untergebenen wegen des bestehenden Machtgefälles niemals wirklich einvernehmlich sein kann, ist Müllers Logik blind.

Das Verrückte ist: Müller hat damit aus seiner Sicht sogar recht. Denn das Kirchenrecht kennt keine sexuelle Selbstbestimmung, und kann folglich auch keine Verletzung von sexueller Selbstbestimmung kennen. In dieser Logik hat der Täter sich gegen die kirchliche Autorität vergangen, deren Gebot er gebrochen hat. Das Opfer seiner Tat kommt – kirchenrechtlich – nur als Zeuge in den Blick, nicht aber als Geschädigter.
Auch wenn viele Menschen in der Kirche Opfer sind und ihre Verletzungen im Blick haben: Die Logik der verfassten Kirche und ihres Rechtes ist für sie blind. Sie kennt keine Verletzung (sexueller) Selbstbestimmung.

Bischöfe in der Pflicht
Das ist, meines Erachtens, der tiefere Grund dafür, dass sich Kirche mit der Aufarbeitung und Bekämpfung von Missbrauch so schwertut: Sie kann sich nicht entscheiden, ob sie Missbrauch als eine Verletzung der kirchlichen Autorität auffassen soll – oder als die Verletzung des sexuellen Selbstbestimmungsrechtes der Opfer. Das ist aber entscheidend, denn je nachdem ergeben sich ganz verschiedene, teils diametral entgegengesetzte Strategien der Aufklärung, Prävention und Wiedergutmachung.

Es ist keine Frage: Wer Betroffenen wirklich zugehört hat, weiss, wie er zu entscheiden hat. Ein Vorschlag von Joseph Bonnemain, dem Sekretär des Fachgremiums «Sexuelle Übergriffe in der Pastoral» der Schweizer Bischofskonferenz, scheint mir in die richtige Richtung zu gehen: Bischöfe haben das Recht, in ihrem eigenen Bistum ein eigenes Strafrecht zu erlassen. Sie könnten dieses Recht nutzen, um Missbrauch nicht nur als Verletzung einer kirchlichen Norm, sondern auch als die Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung eines Menschen zu definieren und Opfer nicht nur als Zeugen, sondern auch als Geschädigte und Nebenkläger zuzulassen.

Text: Doris Reisinger Wagner

Die Katholische Kirche im Kanton Zürich hat zum Thema online ein Dossier angelegt:

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Doris Reisinger Wagner war am 18. November Gastreferentin bei der Jahrestagung des diözesanen Fachgremiums «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» in Zürich. Sie hat kürzlich zusammen mit Kardinal Christoph Schönborn im Herder-Verlag das Buch «Schuld und Verantwortung» veröffentlicht.