Schwerpunkt

Was wir vom Gottesdienst erwarten…

Neun Gläubige unterschiedlicher Generationen erklären, was sie vom Gottesdienst erwarten.

«Bereits im Wort Gottesdienst steckt vieles von dem, was ich für mich dort suche: einen Moment, der der Begegnung mit Gott dient, einen Moment, der aus der Zeit geschnitten ist, einen Moment, der mir erlaubt, den Blick über den Alltag zu heben. Der Gottesdienst folgt einem eingespielten Muster, das mich führt. Eingebettet in diesen Dienstplan finden sich freie Momente, die mir erlauben, mich selbst, meine Probleme, meine Sorgen, meine Ängste zu spüren und zu überdenken. Der Bogen des Gottesdienstes schliesst sich am Ende und gibt auch mir einen Moment des Abschlusses mit meinen Gedanken und Gefühlen, mit und dank Gott.»
Günther Hofbauer (50), Arzt

«Von einem Gottesdienst wünsche ich mir das gesellige Beisammensein in der lokalen Gemeinschaft. Man trifft sich, hat Zeit für einander. Ich wünsche mir Anregungen zur Weiterentwicklung meiner Person und meiner Rolle in der Gemeinschaft. Ich möchte nicht nur zuhören und Gebote befolgen, sondern einen Austausch auf Augenhöhe, um reflektieren und lernen zu können. Das übliche Format, dass ein Priester alleine predigt und alle anderen ‚sich berieseln‘ lassen finde ich überholt, zu patriarchal. Ich wünsche mir ein neues Format, das uns unterstützt, an uns selbst zu arbeiten, unseren persönlichen Weg und Platz in der Gemeinschaft zu finden. Ohne hierarchische Vorgabe was richtig oder falsch ist, aber natürlich im Rahmen der christlichen Werte.»
Vera Frischmuth (38), Marketing Analystin

«Ich habe zwei Ideen zur Verbesserung der Gottesdienste, die ich gerne ansprechen würde: Die Messe am Sonntag könnte etwas später sein, weil viele ziemlich lange schlafen. Wenn man sie nach hinten verlegen würde, könnte man mehr Leute erreichen. Zudem würde ich die Gesangbücher wegnehmen und sie durch Liedzettel ersetzen. Man muss sonst sehr viel blättern und suchen, mit Zetteln spart man hingegen Zeit und kann sich besser auf den Gottesdienst konzentrieren.»
Tim Künstler (17), Lehrling Logistik

«Ich wünsche mir von einem Gottesdienst, dass er immer ähnlich abläuft. Ausserdem wünsche ich mir ein spannendes Evangelium, damit ich etwas lernen kann. Ich suche Ruhe und Entspannung, damit ich achtsam versuchen kann, Gott zu spüren. Ich suche auch die Stille, damit ich über meine Fehler nachdenken kann. Wenn ich die Hostie empfangen habe, fühle ich mich Gott und Jesus näher. Zum Gottesdienst gehört für mich das gemeinsame Beten. In allem wünsche ich mir einen spannenden, ruhigen Gottesdienst, in dem ich Gott näher und innerlich zur Ruhe kommen kann.»
Philipp Schlauri (11), Schüler

«Ich suche die Begegnung mit Gott – durch Wort, Musik und besonders durch die Eucharistie, Jesu leibliche Gegenwart. Für mich ist Gottesdienst: eintauchen in ‚wie im Himmel so auf Erden‘, die irdische Vergegenwärtigung der himmlischen Wirklichkeit, an deren Höhepunkt der Priester an Christi Statt uns Jesus selbst zur Nahrung gibt. Schöne Musik ermöglicht akustische Himmelserfahrung, vor allem wenn die Gemeinde in den Lobgesang einstimmt. Wenn die Gemeinde mit ungeteiltem Herzen in Gebet und Andacht dabei ist, scheint gleichsam das Kreuz auf, die vertikale Beziehung zu Gott verbindet sich mit der horizontalen Gemeinschaft der Gläubigen. Eine Jesus-zentrierte Predigt kann beide Dimensionen in besonderer Weise vertiefen. ‚Gott nah zu sein ist mein ganzes Glück‘, heisst es im Psalm 73, Vers 28: So möchte ich mich nach Jesus ausrichten und in der Liebe zu ihm wachsen –  jeden Tag ein Stückchen mehr; ganz besonders auch in der Heiligen Messe, wo Gottes Gegenwart buchstäblich in der Kommunion berührbar und empfangbar wird.»
Tobias Emanuel Mayer (35), Leiter Radio-Musikredaktion

«Je länger je schmerzlicher vermisse ich, in den Gottesdienst einbezogen zu sein. Mir fehlt auch die junge Generation. Da im Alltag das Gespräch miteinander nicht mehr selbstverständlich ist, könnte die gemeinsame Mahlfeier ein guter Übungsraum dafür sein. Ich erinnere mich, wie es seinerzeit ein heftiges Umlernen war, als vom Latein ins Deutsche gewechselt wurde und der Priester hinter dem Altar stand. Und plötzlich waren die Worte und Gebärden der Messe verständlich! Geschadet haben diese Umstellungen niemandem. Ich finde es nötig, dass die enormen Veränderungen unseres Lebens hinein genommen werden in unseren religiösen Alltag: dass im gemeinsamen Feiern neue Formen erprobt werden, dass die kirchlichen Texte in die Alltagssprache übersetzt werden, und Raum ist, sich darüber auszutauschen. Wieder einmal eine Kehrtwende wagen und neue Bewegungen finden, das ist für mich Teilnahme am nicht endenden Schöpfungsweg Gottes!»
Magdalena Maspoli (82), pensionierte Sachbearbeiterin

«Im Gottesdienst kommen alle aus der Gemeinschaft zusammen. Für mich ist das ein Grund, in die Kirche zu gehen, weil ich dort meine Kollegen treffe. Ich will Gottesworte erfahren und neue Geschichten aus der Bibel hören. Ich suche Ruhe für meine Gedanken, um sie wieder zu ordnen. Ich finde es schön und wichtig, die Rituale zu feiern und zu wiederholen. Mein Ziel ist es auch, während der Lesung oder im Gebet Hinweise für das Leben zu entdecken. Diese ‚Tipps‘ kann ich dann in den Alltag übertragen. Am Ende des Gottesdienstes noch eine Kerze für die Verstorbenen anzünden oder ein stilles Gebet vollenden – das gehört dazu und braucht es, um die Gotteskraft zu spüren, und die Liebsten um uns. Mir ist wichtig, dass alle etwas zum kostbaren Gottesdienst beitragen. In der Kirche ist es ja ein Geben und ein Nehmen!»
Anna Bucher (13), Schülerin

«Als Getaufter bin ich in eine christliche Gemeinschaft aufgenommen und bin aufgerufen, Gott zu dienen. So verstanden ist mein ganzes Leben ein Gottesdienst. Zentral und identifikationsstiftend ist die Eucharistiefeier, bei der die Gemeinschaft der Gläubigen das Geheimnis von ‚Gott mitten unter uns‘ feiert. Da gehören Gebete und Lieder dazu, die eingeübt werden müssen. Ich wünsche mir ansprechende, hilfreiche Texte, ohne Wiederholungen und ohne wöchentliches ‚Credo‘ – denn das soll nicht gebetet, sondern gelebt werden. Es gehört ein Text aus dem Evangelium dazu mit Bezug zu uns Versammelten, zu allen Christen, zu den Gläubigen anderer Religionen und zu Ungläubigen, sowie zur Natur und zur Welt. Und es braucht immer wieder die Stille als Raum für die persönliche Vertiefung und Begegnung. Die musikalische Begleitung kann uns helfen, sie ist aber kein Konzert. Gemeinsame Gottesdienste können auch schlichte, schöne, kreative Feiern zu einem Thema sein, wo Vertiefung stattfindet und Raum ist, etwas auf sich wirken zu lassen. Ich erlebe, dass das besonders gelingt, wenn Gottesdienste für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Ältere gesondert und wiederkehrend angeboten werden. Seit einiger Zeit nehme ich an einem ‚Pilgerweg nach Innen‘ teil. Da wird der Erfahrungsaustausch eingeübt, man kommt sich näher und wird zu neuem Aufbruch angeregt. Dies alles könnte ermöglicht werden, wenn Frauen als Gleichwertige in allen kirchlichen Ämtern zugelassen würden und die Priester und Priesterinnen in Freiheit heiraten dürften.»
Gerhard Huwiler (75), pensionierter Lehrer

«Es sind vor allem zwei Aspekte, die meine Besuche in der Kirche ausmachen und mich immer wieder von Neuem berühren. Da ist zum einen die Gemeinschaft. Ob ich in Begleitung meiner Familie, von Freunden oder alleine in den Gottesdienst gehe, ich habe mich noch nie einsam oder fehl am Platz gefühlt. Im Gegenteil – ich habe immer empfunden, dass die Menschen, die im Raum der Kirche zusammen kommen, um eine Messe zu feiern, gemeinsam einen Ort kreieren, an dem sie sich gegenseitig mit Wohlwollen und Herzlichkeit begegnen. Gerade weil ich oft genug das Gefühl habe, dass diese Art von zwischenmenschlichem Umgang in unserer heutigen Gesellschaft nicht mehr selbstverständlich ist, finde ich es besonders schön, dass sich soviel Mühe gegeben wird, dies während der Gottesdienste zu pflegen. Der andere Aspekt, den ich am Besuch eines Gottesdienstes über die Jahre sehr zu schätzen gelernt habe: der Wert, den eine gute Predigt für mich haben kann. Dabei geht es mir nicht direkt um biblische Inhalte, sondern viel mehr um Anregungen. Sie bringen mich dazu, über mich selbst, die Menschen um mich herum und mein alltägliches Leben zu reflektieren. Sie machen mich auf Dinge aufmerksam, über die ich so vielleicht noch nie nachgedacht habe. Ich bin davon überzeugt, dass jedem Menschen – und so auch mir – ab und zu eine Portion Selbstreflexion gut tut. Wenn die Predigt es schafft, das zu fördern, dann hat der Besuch der Messe für mich schon seinen ganzen Zweck erfüllt.»
Theresa Manz (20), Studentin Geschichte und Politik

Text: Veronika Jehle