Editorial

Aus Umbruch wird Tradition

Ein Bild wie die «Madonna mit Kind» von Tizian wird gerne als traditionelle Darstellung etikettiert. Schön anzusehen, aber ohne provokative Herausforderung und deshalb schnell vergessen.

Damit werden wir dem Genie des grossen venezianischen Malers nicht gerecht, der in seinem langen Leben von 1488/1490 bis 1576 auch ein epochaler Erneuer war. Tizians Kunst stand also nicht bloss in einer Tradition – sie war auch neu, aufregend, revolutionär.

Das könnte uns ein Fingerzeig für Weihnachten sein: In der scheinbar so lieblichen Tradition steckt das unerhört Neue. All unsere heimeligen Weihnachtsbräuche dürfen nicht vergessen lassen, dass Weihnachten im Kern ein epochaler Umsturz ist.

Tizians Madonna sitzt nicht in einem abgesonderten, heiligen Raum, sondern in einem weit offenen Durchbruch. Um sie herum tut sich die Welt auf, im Hintergrund sind gar die Türme einer Stadt zu sehen. Sie ist keine entrückte, süsse Madonna, keine, die das Jesuskind anhimmelt. Ohne «Gebrauchsanleitung» sieht der Betrachter ganz einfach eine still konzentrierte Mutter ganz von dieser Welt. Tizian malt beides gleichzeitig: die göttliche Botschaft und das ganz alltägliche Leben.

Auch damit kann er neue Offenheit in unser Weihnachtsfest bringen: Es geht nicht darum, das Heilige vom Weltlichen zu trennen. Das Heilige steckt untrennbar in der Welt und die Welt steckt untrennbar im Heiligen.

Ich wünsche uns eine Weihnacht wie von Tizian gemalt: Heimelig wohltuend und doch unheimlich aufrüttelnd – voll heiliger Freude und gleichzeitig im Alltag konzentriert.

Text: Thomas Binotto

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Auch an Ostern und an Pfingsten wird auf unserem Titelbild ein Werk von Tizian zu sehen sein. Wer dieser Tizian war und was ihn zeitlos anregend macht, das wird in der Osternummer unser Thema sein

Tizian und die Renaissance in Venedig