Spiritualität ganz alltäglich

Berühren

Medizin und Psychologie bestätigen immer wieder: Menschen brauchen Berührung. Und doch gehört das Berühren zu den heikelsten Interaktionen zwischen Menschen.

«Bitte nicht berühren!» – Diese Anweisung findet sich zum Beispiel im Museum oder im Zoo. Den Beobachtern von kostbaren Ausstellungsobjekten oder wilden Tieren wird damit gesagt, dass sie beim Betrachten in sicherer Distanz bleiben sollen. Auf diese Weise werden beide Seiten geschützt: «Bitte nicht berühren!» 

Menschen allerdings brauchen Berührung. Sie zählt zu den elementaren Grundbedürfnissen wie Essen, Trinken, Schlafen. Als Kleinkinder bekommen wir sie von unseren Eltern – hoffentlich. Im Sterben bleibt – hoffentlich – niemand ohne eine Hand, die hält, und die spürt, wann loszulassen ist. Und dazwischen? Natürlich weiss ich, dass es auch verletzende, missbräuchliche Berührungen gibt, an denen Menschen teilweise ein Leben lang leiden. Ihnen gilt mein erster Gedanke – und die Hoffnung, mit den folgenden Zeilen nicht unnötig aufzuwühlen und alte Wunden aufzureissen. Dennoch sollten wir nicht vergessen: Es gibt nicht nur missbräuchliche Berührungen, es gibt auch fehlende Erfahrungen von Zärtlichkeit und Berührung! Dieser Mangel ist weniger leicht zu beheben als ein Mangel an Vitaminen und ist definitiv nicht weniger gravierend.

Dazu fällt mir ein Erlebnis ein, das ich nicht mehr vergessen kann: Auf einem Spaziergang begegnete ich einer Frau mit ihrem Hund. Wir begrüssten uns und sprachen eine Weile miteinander. Dabei strich mir der Hund um die Beine, und ich streichelte sein weiches Fell. Dann gingen wir unseres Weges. Unversehens kam mir der Gedanke: «Jetzt habe ich die ganze Zeit den Hund gestreichelt – und ihm fast mehr Aufmerksamkeit geschenkt als der Frau. Vielleicht hätte sie auch etwas mehr Zuwendung gebraucht?!»

Könnte es sein, dass manche Haustiere mehr Zuwendung und Streicheleinheiten bekommen als die weiteren Hausgenossen? Wieso diese Berührungsängste – und sei es bloss dort, wo es darum ginge, einer Nachbarin auf die Schulter zu klopfen und für die tolle Nachbarschaft im Haus zu danken? Auch in Beziehungen: Warum diese Sprachlosigkeit im Körperlichen, obwohl wir damit vielleicht mehr zum Ausdruck bringen können als mit vielen Worten? In vielen biblischen Heilungsgeschichten lesen wir, dass Jesus ungeniert kranke und leidende Menschen berührt, seine Hände auflegt. Mit heilsamen Berührungen lassen sich nicht alle Probleme lösen. Aber sie gehören zum Repertoire menschlicher Zuwendung und Kommunikation – und manchmal wirken sie ganz wunderbar.

Text: Stefan Staubli, Pfarrer in Winterthur