Kräuter aus dem Kloster

Mistel

Die Mistel ist nur ein traditioneller Bestandteil der weihnachtlichen Rituale, sie ist vor allem eine Heilpflanze mit mythischen Attributen.

«Die Druiden halten nichts für heiliger als die Mistel und den Baum, auf welchem sie wächst, namentlich wenn es eine Eiche ist.» Diese Überlieferung des römischen Gelehrten Plinius ist allen Asterix-Fans bestens bekannt. Die Mistel galt in der Antike als Geschenk der Götter. Die Kraft eines Allheilmittels schrieb man der Pflanze zu, die gleichsam zwischen Himmel und Erde schwebt und in der Wuchsform einer Kugel die vollkommene Form abbildet. Man begegnete ihr mit Respekt und erntete sie nur unter bestimmten Ritualen – beispielsweise mit einer goldenen Sichel sechs Tage nach Vollmond …

Der immergrüne Strauch, der als Halbparasit in der Kronenregion seiner Wirtsbäume gedeiht, wird heute als Heilpflanze gegen leicht erhöhten Blutdruck, bei entzündlichen Erkrankungen der Gelenke und in der Tumortherapie eingesetzt. Ursprünglich wurde die Mistel zur Abwehr der in der dunklen Jahreszeit besonders gefürchteten  Dämonen über dem Türrahmen aufgehängt. Heute sind die dekorativen Zweige mit den weissen Beeren ein beliebter Weihnachtsschmuck. Und der berühmte Kuss unter dem Mistelzweig soll nach wie vor Glück bringen – nicht nur in der Liebe.

Noch vieles liesse sich sagen. Zum Beispiel, dass die Mistel im Frühling blüht, aber erst im folgenden Winter fruchtet; dass sie jedes Jahr eine neue Verzweigung bildet, an der man ihr Alter ablesen kann; dass manche Pflanzen bis zu 70 Jahre alt werden und einen Durchmesser von fast einem Meter haben. 

Text: Alexandra Dosch, Dipl. Feldbotanikerin und Theologin

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Illustration aus «Kräuterbuch deß uralten Unnd in aller Welt berühmtesten Griechischen Scribenten Pedacii

Dioscoridis Anazarbaei (…).» 1614. (Buch im Besitz des Klosters Fahr)

 

Foto: Christoph Wider, forum