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Weihnachtslieder und ihre Geschichte(n)

Die populären Lieder zur Weihnachtszeit sind tief in unserer Kultur verankert, so dass sie weder aus dem Kirchengesangbuch noch aus dem weltlichen Weihnachtsrummel wegzudenken sind. Streiflichter auf Geschichten, die sich hinter unseren Advents-und Weihnachtsliedern verbergen. Mit Youtube-Playlist…

Kein kirchliches Fest ist in unserer Gesellschaft so präsent wie Weihnacht. Am Christkind kann man vorbeikommen – an der Weihnachtsstimmung nicht. Diese Stimmung ist von zwei Dingen geprägt: vom Spiel mit Licht und Schatten und von der Musik. Advents- und Weihnachtslieder sind beinahe überall präsent, so dass „O du fröhliche“ auch jenen in den Ohren klingt, die gar nicht wissen, was uns denn so fröhlich machen soll. Von „Stille Nacht“ kennen wir zumindest die erste Strophe auswendig, selbst wenn uns das Geschehen dieser Nacht nicht sonderlich interessieren sollte.

An dieser Stelle hebt normalerweise das grosse Lamento über eine Gesellschaft an, die nur noch gefühlig sein will, die sich in Feststimmung wiegt, ohne den eigentlichen Grund dafür zu kennen. Dass Weihnachtslieder nach wie vor populär sind, selbst bei Menschen, die nicht einmal an Weihnachten den Gottesdienst besuchen, das könnte aber auch einen ganz anderen Grund haben: Vielleicht wirken sie ja immer noch, unsere schönen Lieder. Vielleicht gelingt es ja gera-de ihnen, etwas zu vermitteln, womit wir uns sonst oft schwer tun.

 

KOMM, DU HEILAND ALLER WELT

Der Kirchenvater Ambrosius von Mailand gilt als der Autor des ältesten erhaltenen Adventsliedes. Sein Hymnus „Veni redemptor gentium“ entstand zu einer Zeit, als das Weihnachtsfest erst frisch ins Kirchenjahr aufgenommen wurde. Die bekannteste Über-setzung seines Textes aus dem 4. Jahrhundert stammt von niemand Geringerem als Martin Luther. Sie fängt mit „Nun komm, der Heiden Heiland“ an. Heute wird uns kaum mehr bewusst, dass viele Kirchenlieder eigentliche Propagandalieder waren, oder et-was freundlicher ausgedrückt: Sie transportierten eine ganz bestimmte Theologie. In „Komm, du Heiland aller Welt“ richtete sich Ambrosius gegen den Arianismus. Diese Lehre, die nach einem Presbyter aus dem 4. Jahrhundert benannt wird, lehnte die Göttlichkeit von Jesus ab. Ambrosius dagegen lehrte, was sich später als offizielle katholische Lehre durchsetzte, dass nämlich Jesus Christus wahrer Mensch und wahrer Gott ist. Oder wie es im Adventslied heisst: „Wesenhaft ganz Gott und Mensch“.
(Katholisches Gesangbuch 307)

 

O HEILAND, REISS DIE HIMMEL AUF

Als der Jesuit Friedrich Spee dieses Adventslied schrieb, tobte der Dreissigjährige Krieg (1618–1648). Es war eine Zeit, die ungeheures Leid über die Bevölkerung in Mitteleuropa brachte, nicht nur durch die Kämpfe, sondern auch durch Seuchen und Hungersnöte. Zwischen den Konfessionen herrschte Krieg, und der Hexenwahn erreichte seinen erschreckenden Höhepunkt. Wer diesen Hintergrund kennt, versteht augenblicklich, weshalb „O Heiland, reiss die Himmel auf“ etwas von einem Klagelied ausstrahlt, das sich ungeduldig an Gott wendet. „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt?“, singt Spee. Seine Klage: Musik

„O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm, tröst uns hier im Jammertal“ war nicht einfach fromme Poesie, sondern ein echter Hilfeschrei. Dieser war umso glaubwürdiger, als Friedrich Spee sich mutig und entschieden für die Notleidenden eingesetzt hat. Sein berühmtestes Buch ist die „Cautio criminalis“. Darin zerpflückt er den Hexen-glauben als Wahn und prangert die Hexen-verfolgung als Verbrechen an. Damals musste der Jesuit wegen dieses Buches sogar von seinem eigenen Orden disziplinarische Massnahmen erdulden. Spee, der selbst aus dem Adel stammte, trug Verwundete vom Schlachtfeld, stand den Aussenseitern bei, kämpfte für Gerechtigkeit und starb 1635, weil er sich bei seinem unermüdlichen Ein-satz für die Leidenden die Pest zugezogen hatte.
(Katholisches Gesangbuch 302)

 

MACHT HOCH DIE TÜR

Es gibt wohl kaum eine Zeit im Kirchenjahr, in der das Liedgut von Katholiken und Protestanten so einträchtig ineinander über-geht wie in der Weihnachtszeit. Ein Beispiel dafür ist „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“, das in allen christlichen Kirchen gleichermassen beliebt ist. Sein Dichter, der evangelische Pfarrer Georg Weissel, war ein Zeitgenosse Friedrich Spees und starb wie dieser 1635 in Königsberg, dem heutigen Kaliningrad. Wie im Barock häufig, bezog sich sein Liedtext auf eine Bibelstelle, nämlich den Psalm 24. Obwohl das Lied wegen seiner schwungvollen Melodie heute noch beliebt ist, wurde der Text mit seinen vielen Anspielungen schwer verständlich. Wer weiss schon, dass mit den „Zweiglein der Gottseligkeit“ nicht nur Tannenzweige gemeint sind, mit denen man das Haus schmückt sondern auch die Palmzweige, die das Volk vor Jesus ausgebreitet hat, als dieser in Jerusalem einzog.
(Katholisches Gesangbuch 298)

 

ES KOMMT EIN SCHIFF GELADEN

Für die Menschwerdung Gottes wurden immer wieder neue Bilder gefunden, die dieses unfassbare Ereignis anschaulich machen sollten. Der Vergleich mit einem Schiff, das bei uns anlegt, bis an den Rand mit wertvollen Gütern beladen, wurde dem Mystiker Johannes Tauler zugeschrieben, der im 14. Jahrhundert gelebt hat. Selbst wenn der Text wahrscheinlich nicht von ihm persönlich stammt, so ist er doch von seinem Denken beeinflusst. Im Laufe des Liedes wird das Bild weiter entfaltet: Das Segel versinnbildlicht die Liebe. Der Mast steht für den Heiligen Geist. Und wenn das Schiff vor Anker geht, dann ist damit gemeint, dass Gott Mensch geworden ist. Die Melodie ist übrigens erst auf Umwegen zu diesem Text gekommen. Sie taucht zwar erstmals in einem Gesangbuch von 1608 auf, wurde aber erst im 19. Jahr-hundert mit „Es kommt ein Schiff geladen“ verbunden.
(Katholisches Gesangbuch 305)

 

ES IST EIN ROS ENTSPRUNGEN

Im Buch Jesaja steht: „Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.“ Diese Weissagung wurde schon in den Evangelien auf Jesus bezogen. Aus dem Reis wurde eine Rose, und so sang man ab Ende des 16. Jahrhunderts: „Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart.“ Bereits Anfang des 17. Jahrhunderts wurde es auch in reformierten Kirchen gesungen. Dazu hat sicher wesentlich beigetragen, dass der reformierte Komponist Michael Praetorius um 1610 den bis heute beliebtesten Satz dazu geschrieben hat.
(Katholisches Gesangbuch 334)

 

ICH STEH AN DEINER KRIPPE HIER

Der evangelische Pfarrer und Dichter Paul Gerhardt schrieb den Text 1653 kurz nach dem Ende des Dreissigjährigen Kriegs. Er taucht schon früh auch in katholischen Gesangbüchern auf, genauso wie sein Passions-lied „O Haupt voll Blut und Wunden“. Wie so viele Weihnachtslieder wurde es im Laufe der Jahrhunderte stark gekürzt. Von den ursprünglich 15 Strophen sind nur noch vier übriggeblieben. Paul Gerhardt war ein Barockdichter, der zwar seine Frömmigkeit bildhaft auszudrücken verstand, dabei aber nie in berüchtigten Barock-Kitsch verfiel. Nicht zuletzt deshalb sind seine Lieder zeit-los und berühren uns heute noch. Die Melo-die, nach der wir das Lied singen, stammt von keinem Geringeren als Johann Sebastian Bach, der es in sein Weihnachtsoratorium eingebaut hat.
(Katholisches Gesangbuch 333)

 

IN DULCI JUBILO

Im Mittelalter waren „Mischlieder“ beliebt. Deren Texte waren teilweise in Latein und teilweise in Deutsch gehalten. Das bekannteste Lied dieser Art ist „In dulci jubilo“, in dem so seltsam wohlklingende Reime wie „O Jesu parvule, nach dir ist mir so weh“ stehen. Der Text stammt aus dem 14. Jahrhundert und wurde lange dem Mystiker Heinrich Seuse zugeschrieben. Wahrscheinlich war der ursprüngliche Text ganz in Latein und wurde erst später durch die deutsche Teil-übersetzung zu einem Volkslied. Die immer stärker werdende Beteiligung des Volks am Gesang im Gottesdienst hat im Laufe des Mittelalters dazu beigetragen, dass immer mehr Kirchenlieder in der Volkssprache entstanden.
(Katholisches Gesangbuch 346)

 

STILLE NACHT, HEILIGE NACHT

Die Entstehungsgeschichte von „Stille Nacht“ ist legendär: Kurz vor der Mitternachtsmesse 1818 gab im kleinen Ort Oberndorf bei Salzburg die Orgel ihren Geist auf. Für eine Reparatur reichte die Zeit nicht. Das war umso ärgerlicher, als der Kaplan Joseph Mohr eigens für diesen Abend ein Gedicht geschrieben hatte, das vom befreundeten Lehrer Franz Gruber vertont worden war. In der Not wurde die Uraufführung von einer Gitarre begleitet. Die improvisierten Um-stände taten dem Erfolg keinen Abbruch, das Lied verbreitete sich sehr schnell und ist heute das Weihnachtslied schlechthin. Ob-wohl es gar nicht einfach zu singen ist und der Text theologisch dürftig scheint, scheitern die meisten Versuche, „Stille Nacht“ in der Mitternachtsmesse am Heiligen Abend durch etwas Gehaltvolleres zu ersetzen. Das Lied ist Volksbrauchtum geworden – und damit praktisch immun gegen sämtliche Angriffe.

(Katholisches Gesangbuch 341)

Text: Thomas Binotto

Veni redemptor gentium

O Heiland reiss die Himmel auf

Macht hoch die Tür

Es kommt ein Schiff geladen

Es ist ein Ros entsprungen

Ich steh an deiner Krippen hier

In dulci jubilo

Stille Nacht, heilige Nacht