Spiritualität ganz alltäglich

Halt auf Verlangen

Wie der «Halt-auf-Verlangen»-Knopf mit Spiritualität zusammenhängt, erklärt Rudolf Vögele, Leiter Ressort Pastoral im Generalvikariat Zürich-Glarus.

Ich sitze im Tram. Mein Blick fällt auf den roten Knopf, den man drücken muss, wenn man aussteigen will. «Halt auf Verlangen» steht da. Ich habe noch einige Stationen zu fahren und sinniere so vor mich hin. Es fällt mir die Geschichte von Jesus ein, in der er einmal unterwegs war und eigentlich nur durch Jericho hindurchziehen wollte.

Er entdeckt einen kleinen Mann namens Zachäus, der auf einen Baum geklettert war, um Jesus zu sehen. Da unterbricht Jesus sein Unterwegssein. Ganz spontan hat er sozusagen «den Knopf gedrückt», weil er spürte: Da hat jemand ein Verlangen.

Als «Berufschrist» passiert es mir oft, dass nicht ich den Halteknopf drücke, sondern jemand anders. «Hast du mal eine Minute Zeit?» oder «Ich habe da mal eine Frage wegen dem, was du in deinem Vortrag gesagt hast». Und nicht selten werden aus der einen Minute viel mehr, und die eine Frage entwickelt sich zu einem längeren, intensiven Gespräch. Meistens bin ich auch dankbar und erfüllt, dass dies passiert – obwohl doch noch so viel zu erledigen wäre.

Jesus hat oft genug den roten Knopf gedrückt. Er hatte das Verlangen, für sich und alleine zu sein. Sicher ist dies nicht weniger wichtig, als für andere da zu sein. «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» ist (nicht nur) für Christen und Christinnen neben der Gottesliebe das höchste Gebot. Sich um sich selbst kümmern, in hektischer Zeit einmal mehr den Knopf «Halt auf Verlangen» drücken, wieder zur Ruhe kommen: Das würde manchen Streit und etliche Eskalationen vermeiden.

Das läuft jedoch total einem Megatrend unserer Zeit entgegen: der Beschleunigung. Das Motto lautet, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu erledigen. Da stört doch nur, wer den Knopf «Halt auf Verlangen» drückt. Sich diesem Trend zur Beschleunigung zu entziehen, ist nicht leicht. Auch können wir andere nicht entschleunigen, indem wir uns ihnen in den Weg stellen – das hat Zachäus ja auch nicht gemacht. Und wir können uns selten selbst entschleunigen, indem wir einfach mal so aussteigen – diesen Luxus kann sich nicht jeder erlauben. Aber: Wir können aufmerksam(er) werden, wann wir selbst eine Haltestelle brauchen, an der wir uns – wenn auch nur kurzzeitig – ausruhen. Es muss ja nicht immer gleich die nächste sein. Vielleicht ist die nächste Haltestelle für uns ja so ein Zachäus, der uns unaufdringlich zur Entschleunigung einlädt.

Text: Rudolf Vögele, Leiter Ressort Pastoral im Generalvikariat Zürich-Glarus