Schlusstakt

Mit Schlagzeilen lügen

Eines müssen Sie wissen: Ich bin kein Fan von Lukas Bärfuss! – Und genau deshalb hätte ich mich beinahe bei ihm entschuldigen müssen.

So weit die Kurzfassung. Die längere Fassung geht so: Der «Tages-Anzeiger» hat mich am 14. Dezember mit einer Schlagzeile in die Vorurteilsfalle gelockt. «6900 Fr. für einen Tag mit Bärfuss?», hiess es da. Und ich – eben kein Bärfuss-Fan – dachte mir: «Genau so ein Typ ist das. Schwingt mit grossintellektueller Attitüde die Moralkeule. Aber wenn es ums Geld geht, ist auch bei ihm Schluss mit der Moral.»

Hätte ich nicht weitergelesen, ich hätte dieses Urteil über Bärfuss garantiert mit der Kennzahl 6 900 angereichert und dann genüsslich weiterverbreitet. Und hätte so Rufmord betrieben. Wie sich nämlich im Laufe des Beitrags herausstellt, kostet der gesamte CAS-Lehrgang «Schweizer Literatur» an der Universität Zürich jene 6900 Franken. Und dieser Lehrgang dauert immerhin 360 Stunden. Wenn ich also den Werkstattbesuch bei Bärfuss mit 8 Stunden veranschlage, kommt er pro Teilnehmer auf knapp 160 Franken zu stehen. 

160 Franken, das ist keine Zahl, die eine Schlagzeile hergibt. Mit 160 Franken malt man kein Bild der Dekadenz. Für 160 Franken schwinge ich nicht mal den Moral-Strohhalm. Genau so funktioniert Aufmerksamkeitsökonomie. Je knalliger die Schlagzeile, desto grösser die Reichweite. So wenigstens hofft das Medium. Und erkauft wird diese Reichweite mit Lukas Bärfuss, um den es im Beitrag im Grunde gar nicht geht, der aber dennoch als Zugpferd herhalten muss.

Also steht er gross im Aufmacherbild, der Bärfuss, in dieser «Ihr-könnt-mich-mal!»-Pose, und über ihm die fette Schlagzeile, die mit neckischem Fragezeichen suggeriert: «Echt Leute? Wer ist so behämmert und gibt 6 900 Franken für einen Tag mit diesem arroganten Typen aus?»

Für die meisten Tagi-Leser werden Schlagzeile und Foto das Einzige bleiben, was sie mitkriegen, und somit das Einzige, woran sie sich erinnern werden. Die Zahl ist ja auch angenehm einprägsam. Und Bärfuss-Verächter werden sie selbstverständlich gerne teilen und liken. Eine pervers-paradoxe Situation, weil Bärfuss ungefragt jenes Medium verkaufen soll, das an ihm für eine Handvoll Klicks Rufmord betreibt.

So entstehen FakeNews. Und Neujahrsvorsätze: Ich werde meine eigenen Vorurteilsbilder kritischer hinterfragen. Auch das von Lukas Bärfuss.

Text: Thomas Binotto