Gleichnisse heute

Jesus stellt die Ordnung der Menschen auf den Kopf

Mein Vorschlag für die Rentenreform: Ab 65 erhalten alle Einwohner der Schweiz dieselbe Rente. Egal wie lange sie gearbeitet haben. Egal wie viel sie verdient haben.

Einen ebenso scheinbar hirnrissigen Vorschlag macht Jesus in seinem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. «Ist der von allen guten Geistern verlassen?», dürfte sich so mancher Zuhörer gefragt haben. Und seither versuchen Generationen über Generationen das Gleichnis zu entschärfen. Aber Jesus spricht so oft über eine neue Verteilung der materiellen Güter, dass wir davon ausgehen müssen: Er meint es genau so. Ihm ist es ernst mit der Umverteilung – und zwar nicht nur im spirituellen Sinne. In seiner Weltordnung wären die Reichen die Letzten und die Armen die Ersten.

Selbst wenn wir den Gutsherren mit Gott gleichsetzen und die Erzählung als Analogie für die Ordnung im Reich Gottes lesen, bleibt sie immer noch ungemein brisant. Jesus fegt damit einen ebenso heftigen wie folgenreichen theologischen Streit vom Tisch. Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg macht mit aller Deutlichkeit klar, was Jesus vom Erkaufen des Heils durch gute Taten und fromme Übungen hält: Er hält davon gar nichts!

Darauf reagieren Christen aller Couleur heute noch entgeistert. Es kann doch nicht sein, dass jemand, der sich nie im Geringsten um eine christliche Lebensführung bemüht hat, dass so ein dahergelaufener Hallodri kurz vor Torschluss mit einem Minimum an Einsatz doch noch ins Land der Glückseligen schlüpft! – Was für eine himmelschreiende Ungerechtigkeit gegenüber frommen Christen, die sich ein Leben lang für ihren Glauben abgerackert und all den süssen Versuchungen widerstanden haben. – Und dann gibt es noch jene Christen, ich vermute die Mehrheit, die sich selbstverständlich als die Ersten sehen, den Letzten aber barmherzig den Quotenplatz gönnen mögen.

Was aber, wenn unsere Glaubensleistung vor Gott gar nicht so grandios erscheint, wie wir sie uns selbst einreden? Und was, wenn jene, die bis kurz vor Torschluss auf dem Marktplatz ausharren müssen, das sündige Leben gar nicht geniessen, sondern nur eine furchtbare Zeit voller Unsicherheit erleiden? Ich bin glücklich, erhalte ich nicht immer das, was ich verdiene. Mir graut sowohl vor der Leistungsgesellschaft wie vor dem Leistungsglauben. Und ich bin heilfroh, dass ich selbst als der Allerletzte gut genug bin.

Text: Thomas Binotto

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Mit diesem Beitrag startet unsere neue Serie «Gleichnisse heute».

«Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg»