Editorial

Kirche im Sucher

Seit Jahrzehnten dokumentiert er die Geschicke  der Genfer Katholikinnen und Katholiken mit der Kamera. Neugierig, ihn und «seine» Kirche kennenzulernen, steige ich in den Zug.

Der leise Zweifel, ob wir uns wohl erkennen würden, ist unbegründet. Nonchalant kommt mir Jean-Claude Gadmer im Bahnhof Cornavin in Genf entgegen, unverkennbar sein Schnauz, seine Fototasche – und sein Schmunzeln. Oder ist es sein Blick – immer knapp über dem Brillenrand, der mich sogleich für ihn einnimmt?

Auf jeden Fall sind wir gleich mitten im Gespräch. Jean-Claude hat viel zu erzählen: Von seinen monatelangen Reisen durch Afrika, Asien und Lateinamerika, um Leben und Spiritualität christlicher Kirchen und religiöser Gemeinschaften im Bild einzufangen. Von den Reisen mit Papst Johannes Paul II. durch Benin und Bangladesch; von seinen Aufenthalten im Vatikan, vom Besuch von Papst Franziskus in Genf 2018. 

Und dann natürlich von der Fotoagentur Ciric, die er 35 Jahre lang führte. Ungezählt die Aufnahmen in seinem Archiv: Die Schweizer Kirchengeschichte der letzten 50 Jahre ist darin verewigt. «Mein Wunsch ist bis heute der gleiche: den Einfluss der Religion auf Mensch und Gesellschaft zu zeigen», erklärt er mit Nachdruck.

So diskret, wie er arbeitet, so diskret öffnet er mir in Genf die Türen, im Bischofsvikariat und in den Pfarreien. Wo wir hinkommen, sind wir gern gesehene Gäste. Ich erlebe eine Kirche, deren Frauen und Männer mit Herzblut für das Evangelium einstehen, auch wenn sie ohne obligatorische Kirchensteuern mit viel weniger Geld als in Zürich auskommen müssen.

Der Zug fährt allzu schnell wieder Richtung Deutschschweiz. Während ich noch über die Begegnungen nachdenke, ist mir klar: Es gäbe noch so viele Geschichten zu entdecken ennet dem «Röschtigraben» – in der Ferne klickt bereits leise die Kamera von Jean-Claude Gadmer.

Text: Pia Stadler