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Westschweizer Heilige

Am 12. Oktober wurde in Rom die Westschweizerin Marguerite Bays heiliggesprochen. Wer war die Freiburgerin, die im 19. Jahrhundert gelebt hat?

Marguerite Bays hat in einer bäuerlich geprägten Gesellschaft und in einer hierarchischen und klerikalen Kirche gelebt. Ihr Lebensraum war klein: Von ihrer Geburt am 8. September 1815 bis zu ihrem Tod am 27. Juni 1879 lebte sie im Elternhaus und in derselben Pfarrei, in Siviriez in der Nähe von Romont. Eine Abwechslung bildeten nur die insgesamt elf Wallfahrten nach Maria Einsiedeln. 

Die Eigenständigkeit und Originalität von Marguerite Bays darf aber nicht unterschätzt werden: Die kleine und unscheinbare Näherin lebte ihren Glauben selbstbewusst und baute geradezu kreativ eine Hauskirche auf, indem sie schon vor der offiziellen Einführung von Maiandachten in der Pfarrei zuhause ein eigenes kleines Maialtärchen errichtete und an Weihnachten eine grosse Krippe aufbaute. Das zog jeweils bis Maria Lichtmess viele Leute an, vor allem Kinder. 

Die Näherin war somit aus eigenem Antrieb religionspädagogisch tätig, und zwar mit grosser Begabung und ohne kirchlichen Auftrag. Ihr Christsein beschränkte sich aber nicht nur auf Gebet, Gottesdienst und Wallfahrt, sondern war stark diakonisch geprägt, sei dies gegenüber Armen und Benachteiligten, aber auch durch klugen Rat, für den sie weitherum bekannt war.
In diesem Sinne realisierte sie, auch von uns erwartet wird, dass wir als Getaufte auch Gesandte sind. 

Sie war lebhaft und konnte heftig sein, war aber nicht sentimental oder schwärmerisch. Sie ist ein Beleg dafür, dass Heiligsein etwas für alle Menschen ist. Auffällig ist, dass sie das Gewöhnliche aussergewöhnlich gelebt hat, nicht verschont von Prüfungen.

So erkrankte sie an Darmkrebs, von dem sie am 8. Dezember 1854, am Tag der Ausrufung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis, geheilt wurde. Bis zu ihrem Tod empfing sie die Wundmale Christi, empfand an normalen Freitagen grosse Schmerzen und fiel vor allem am Karfreitag in ekstatischen Schlaf. In ihren Ekstasen nahm sie offenbar am Leiden Christi teil, ihre Visionen und Offenbarungen wollte sie aber nicht der Öffentlichkeit mitteilen.

Ungewöhnlich ist ausserdem, dass die neue Heilige aus einfachen Verhältnissen ohne die sonst übliche Lobby zu Ehren der Altäre gekommen ist. Denn der Hauptharst der Heiligen im 19. und 20. Jahrhundert bildeten Ordensleute aus den grossen Ordensgemeinschaften aus Italien und anderen romanischen Ländern, nicht aber Einzelpersonen und noch weniger Frauen ohne kirchliches Amt.

Das Leben von Marguerite Bays entspricht dem Heiligkeitsideal des 19. Jahrhunderts: schlichtes Dienen statt hochmütiger Selbstverwirklichung, Reinheit statt moderne Säkularität, das Wunder der Gnade statt innerweltlicher Kausalität und volkskirchlich-marianisch geprägte Frömmigkeitsformen mit Busse und Sühne. Das tönt alles eher altmodisch und etwas überholt.

Aber: Die im Leben der Heiligen grundgelegten Werte von Einfachheit, Ehrlichkeit, Tugend und Ethik sind auch modern. Denn auch die heutige Gesellschaft kommt nicht ohne Ehrlichkeit, Ethik und innerweltliche Askese aus, wie gerade Papst Franziskus mit dem Einsatz für die Schöpfung und Greta Thunberg mit ihrer Klimaschutzbewegung verdeutlichen. 

In diesem Sinne ist die neue Schweizer Heilige auch ein Vorbild für das 21. Jahrhundert und ein Hinweis darauf, dass die letzten und grundlegenden Werte nicht rein rational, sondern nur religiös begründet und gelebt werden können, nämlich aus der Liebe zu Jesus Christus und zu den Mitmenschen – nicht nur in Worten, sondern auch in der Tat.

Heiligsprechung von Marguerite Bays in Rom (cath.ch)

Text: Urban Fink-Wagner, kath.ch

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Der Historiker und Theologe Urban Fink-Wagner ist Geschäftsführer der Inländischen Mission. Er absolvierte 1993 in Rom den von der Heiligsprechungskongregation durchgeführten Studiengang über Selig- und Heiligsprechungsprozesse.