Narrenschiff

Achtsamer Egotrip

In Laax soll für 250 Millionen ein Achtsamkeitszentrum für Topmanager entstehen. Das beflügelt meine Phantasie.

Ich stelle mir meinen Weg ins Achtsamkeitszentrum so vor: Als Kind von Eltern, die prinzipiell nur hochbegabte Kinder zeugen, werde ich zielstrebig an die Erfüllung meiner Hochbegabung herangeführt. Die richtigen Schulen, das richtige Studium, die richtigen Bekanntschaften, die richtigen Investitionen, die richtige Karriere.

Im absoluten Topmanagement angekommen, habe ich schon ganz viel hinderlichen Ballast abgeworfen: enge Beziehungen, nutzlose Freundschaften, berufliche Wegbegleiter, bodenständiges Augenmass. Endlich bin ich als Führungspersönlichkeit allein auf weiter Flur. Beherrsche den Tunnelblick unbelästigt von Ablenkungen. Habe meine Freizeit zielstrebig in Quality-time umgewandelt.

Und doch spüre ich: Da ist noch mehr, was ich für mich tun muss. Also liefere ich mich selbst ins Achtsamkeitszentrum ein. Erst in meiner Suite mit ungestörtem Blick in die Berge finde ich ganz und gar zu mir selbst, angeleitet von meiner persönlichen Betreuung. Hier kann ich die Seele im Wellnessbereich hängen lassen. Gönne mir als besonderes Schmankerl den Entzug von WLAN und Handyempfang. Endlich bin ich auch spirituell top und gehe voller Achtsamkeit in mir selbst auf.

Damit ist mein Phantasiepotential erschöpft, und so lasse ich mich in meinen achtlosen Normalzustand zurückfallen. In diesem steht Achtsamkeit ziemlich füdliblutt als Schwurbelwort vor mir. Ein Marketingtrick für Dinge, die der Nachwuchs von normalbegabten Menschen von früh auf lernt: Anstand, Sorgfalt, Dankbarkeit, Rücksicht, Freundlichkeit…

Vorschläge für Achtsamkeitsübungen habe ich trotzdem: Eine wohltuende und vielleicht sogar nachhaltige Atempause in schöner Umgebung für Belegschaften, die seit Jahren unter ihrem Topmanagement leiden. – Eine Investition von 250 Millionen in würdige Arbeitsbedingungen in Fernost. – Zur Erdung des Topmanagements streicht man ihm die Flüge. 

Und die Achtsamkeit? Die schenken wir generös den andern anstatt uns selbst.

Text: Thomas Binotto