Caritas Woche 2020

Die Hoffnung zählt

Armut und psychische Krankheit verschärfen sich oft in einer Abwärtsspirale, die schwierig aufzuhalten ist. Doch es gibt Wege aus der Krise.

forum: «Lieber reich und gesund als arm und krank» lautet ein geflügeltes Wort. Armut und psychische Krankheit scheinen ein Zwillingspaar zu sein. Ein Tabu-Zwillingspaar noch dazu.
David Briner: Sie können ein Zwillingspaar sein, sind es jedoch zum Glück nicht immer. Armut und psychische Belastung verstärken sich jedoch oft gegenseitig und münden dadurch in eine unheilvolle Abwärtsspirale. 

Wie macht Armut psychisch krank?
Menschen mit sehr knappen finanziellen Mitteln – z. B. alleinerziehende Mütter und Working Poor – führen einen täglichen Kampf um die Existenz, was meist mit grossem Druck und starken Ängsten einhergeht. Die permanente Belastung führt irgendwann zu Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit. Wo aber die Zuversicht auf eine bessere Zukunft nicht mehr da ist, steigt das Risiko, psychisch krank zu werden. Es kommt zu Resignation, Depression und Angstproblemen.

Und wie führt psychische Krankheit zu Armut?
Nehmen wir an, jemand besitzt einen Berufsabschluss und ein Einkommen,  mit dem er seinen Lebensunterhalt problemlos bestreiten kann, entsprechend integriert ist er auch in die Gesellschaft. Da erkrankt er an einer schweren psychischen Krankheit, einer Psychose zum Beispiel – ein Schicksal, das jeden von uns treffen kann. Er bekommt Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, verliert seine Stelle und hat trotz medizinischer Behandlung Mühe, wieder Fuss zu fassen. Auf Grund seiner Psychose wird er von Ängsten geplagt und ist misstrauisch, was die Teilnahme an einem Arbeitsintegrationsprogramm erschwert.  Schliesslich rutscht er in die Armut ab.

Und die Spirale?
Die Beziehung zwischen dem Duo Armut  / psychische Krankheit ist komplex – und  oft zeigt sich auch hier das «Huhn-oder-Ei-Dilemma»: Im Einzelfall mag man zwar schon zuerst Armut oder aber psychische Beeinträchtigung finden. Häufig ist es jedoch eine Wechselwirkung.

Sowohl psychische Krankheit als auch Armut haben Auswirkungen im sozialen Bereich: Beziehungen werden weniger, die Schwierigkeiten bei der Arbeit grösser. Dies erhöht den Druck, wodurch sich die Gesundheit weiter verschlechtert, was wiederum die Probleme an der Arbeit und im sozialen Bereich erhöht. Ein Teufelskreis.

Wann ist  jemand psychisch krank?
Die WHO hat in ihrem Handbuch internationaler Klassifikation psychischer Störungen Kriterien festgelegt, um psychische Krankheiten zu diagnostizieren. Bei Depression zum Beispiel sind dies Niedergeschlagenheit, Freudlosigkeit und Antriebslosigkeit über einen bestimmten Zeitraum hinweg. 

Dies bildet die wissenschaftliche Grundlage. Nun kann jedoch jemand die Kriterien einer schweren Krankheit erfüllen und, weil er sich durchkämpft, trotzdem im Stande sein, einer Arbeitstätigkeit nachzugehen. Jemand anders erfüllt die Kriterien nicht und fühlt sich trotzdem nicht in der Lage zu arbeiten. Wie stark sich eine Person belastet fühlt, ob sie sich gesund oder krank wähnt, ist stets auch subjektiv. Die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit lässt sich nicht immer scharf ziehen. Deshalb ist es wichtig, dass Betroffene selbst sagen können, wie sie sich fühlen. Ihre subjektive Einschätzung hat meines Erachtens eine fast ebenso gros-se Bedeutung wie die medizinisch-psychiatrischen Kriterien.

Warum sind sowohl Armut als auch psychische Krankheit noch immer tabuisiert?
Es sind beides schwierige Themen. Unsere Leistungsgesellschaft propagiert die Optimierung jedes Einzelnen, da reden wir nicht gerne über persönliche Unzulänglichkeiten. Wer will sich denn schon dem Risiko aussetzen, nicht für voll genommen zu werden?

Wenn ich mir beim Skifahren das Bein breche, muss ich nicht befürchten, für schwach gehalten zu werden. Warum ist dies bei einer psychischen Erkrankung anders?
Ein Beinbruch ist auf den ersten Blick sichtbar, der Krankheitsverlauf ist günstig und überschaubar. Psychische Krankheiten jedoch sind  unsichtbar – damit sind sie für Mitmenschen schwer einzuschätzen und überfordernd. Zudem sind die Verläufe oft langwierig und die Prognose in der Regel unsicherer als bei einem Beinbruch.

Eine psychische Krankheit betrifft zudem das Innerste eines Menschen – das erschwert auch die Kommunikation, das Bindeglied zu den Mitmenschen.

Wo gibt es Wege aus der Krise?
Wenn wir von einer Mischung verschiedener Probleme ausgehen, müssen wir auch auf verschiedenen Seiten ansetzen: Weder nur mit Medikamenten die psychischen Probleme behandeln noch nur mit Geld die Armut lindern. Es braucht umfassende Hilfe. Das ist nicht ganz einfach, denn Hilfsangebote sind in der Regel thematisch organisiert: Fehlt mir das Geld, gehe ich aufs Sozialamt. Bei gesundheitlichen Problemen suche ich einen Arzt auf. Die beiden Stellen kommunizieren unterschiedlich gut miteinander.

Die Stadt Zürich ist diesbezüglich ein Glücksfall: Dank der engen Zusammenarbeit zwischen Gesundheits- und Sozialdepartement können ärztliche und psychologische Sprechstunden direkt in den Sozialzentren angeboten werden.

In Zürich bieten zudem ehemalige Betroffene Hilfe zur Selbsthilfe. Sie zeigen akut Betroffenen gangbare Wege – und vor allem vermitteln sie Hoffnung, ein zentrales Element, um aus der Abwärtsspirale herauszufinden. 

Wie kann ich persönlich jemandem einen Rettungsring zuwerfen?
Schenken Sie Zuwendung. Hören Sie zu, ohne einfache Ratschläge zu erteilen. Erspüren Sie, was Ihr Gegenüber konkret braucht. 

In einem zweiten Schritt überlegen Sie gemeinsam, welche Fachstellen helfen könnten. Stellen Sie Kontakte her, zu Behörden oder Ärzten. Wo nötig, begleiten Sie die Person beim ersten Gang. Menschen in der Krise tun sich aus Scham oft schwer, Unterstützung anzunehmen.

Was können wir selbst tun, um die Grundlage für ein psychisch ausgeglichenes Leben zu schaffen?
Wir sollten uns bemühen, die Balance zwischen Privatleben und Berufsleben oder sonstigem Engagement zu halten. Und Beziehungen pflegen, sie tragen uns auch in schwierigeren Zeiten.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Obwohl Armut und psychische Krankheit längst nicht mehr so stigmatisiert sind wie früher, wünschte ich mir mehr Toleranz und Verständnis für Menschen in schwierigen Situationen, damit sie sich von der Gesellschaft akzeptiert fühlen und dadurch einfacher Hilfe in Anspruch nehmen können.

Text: Pia Stadler

Mentoringprogramm «WohnFit» 

Eine angemessene Wohnsituation nimmt eine zentrale Rolle ein, wenn es um die psychische, aber auch die physische Gesundheit geht.  Beim Caritas-Projekt  «WohnFit»  unterstützen freiwillige Mentorinnen und Mentoren Stadtzürcher Sozialhilfe-beziehende bei der Wohnungssuche und setzen sich für chancengerechtes Wohnen und soziale Inklusion ein. 

www.caritas-zuerich.ch/wohnfit

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