Caritas-Woche 2020

Lichtblicke

Sie war auf dem Platzspitz und in psychiatrischen Kliniken: Sibylle Pinzon stand vor dem Nichts. Trotzdem schaffte sie es, aus Krankheit und Armut
herauszukommen. Heute begleitet sie Menschen mit ähnlichem Schicksal
auf ihrem individuellen Weg in ein selbstbestimmtes Leben.

Wir treffen uns auf der Wiese hinter dem Zürcher Landesmuseum. Der Park ist gepflegt, die Sonne scheint durch die laublosen Bäume, ein Jogger zieht seine Runden, Marroni-Duft liegt in der Luft. Doch Sibylle, die feingliederige 49-jährige Frau, spürt mitten in der Idylle noch das Elend der einstigen Drogenszene auf dem Platzspitz, sie riecht den Gestank der Verwahrlosung, hört die verzweifelten Schreie. «Es war schrecklich», sagt sie leise.

Dann beginnt sie zu erzählenvon traumatischen Erlebnissen in ihrer Kindheit. Nach einer Lehre als Apothekerhelferin zieht sie mit dem ersten Lohn von zu Hause aus – doch sie ist nicht bereit für das Leben. Mit 19 beginnt sie Drogen zu konsumieren, spritzt sich auf dem Platzspitz Heroin. «Das war ein unglaubliches Gefühl. So muss sich Liebe anfühlen, habe ich mir gedacht.  Es hat die Leere gefüllt und den Schmerz gestillt.» Die Drogen vertreiben die Angst vor dem Leben, geben Mut und Selbstvertrauen. Bald kennt sie sich aus auf der Gasse – versteht die Regeln, die Sprache, gehört dazu und fühlt sich verbunden. Irgendwann konsumiert sie täglich, als das Geld knapp wird, beginnt sie zu dealen.

Nach dem Selbstmord ihres Vaters und der Schliessung des Platzspitzes wird alles noch schlimmer. Sibylle richtet sich als «Filterli-Fixer» im Letten ein, lebt jahrelang auf der Strasse. «Hier war das Elend unsäglich. Das Leben bestand aus Gewalt, Dreck und Verzweiflung.» Sibylle wird mehrmals aufgegriffen und in einen Zwangsentzug gebracht.  

Nach der Letten-Schliessung verliert sie ihr «Zuhause» und nach einem freiwilligen Entzug wird sie mit einer akuten Psychose in die Psychiatrie eingeliefert. Jedem Austritt folgt ein Wiedereintritt gegen ihren Willen. 

Sie wird Stammgast in der Psychia-trie und mit Medikamenten vollgepumpt. «Die Ärzte sprachen von Schizophrenie. Unheilbar und mit meinem Drogen-konsum all die Jahre erfolgreich selbst-medikamentiert. Ich war abgeschrieben. Das Leben war irgendwie vorbei.» 

Am Tiefpunkt ihres Lebens erwacht neuer Kampfgeist: «Nach zwölf Jahren Sucht und Psychiatrie wollte ich endlich leben, anstatt nur zu überleben. Und weil niemand um mich herum an mich glaubte, niemand mir Hoffnung gab, beschloss ich, dies selbst zu tun. Für mich war immer klar, dass ich wieder auf die Füsse kommen würde.» Sibylle setzt buchstäblich alles auf eine Karte – auf ein Flugticket nach Bali. 

In den Monaten und Jahren, die folgten, hat sie Zeit, zur Ruhe und auch zu sich selbst zu finden. Sie findet Halt in der Spiritualität, beginnt, sich ein soziales Netz aufzubauen und ein aktives Leben zu führen. Dabei lernt sie den zukünftigen Vater ihres Kindes kennen. Die Beziehung hat zwar nicht Bestand – ihren Sohn jedoch bezeichnet Sibylle «als das Beste, das mit in meinem Leben passiert ist».

Ihm zuliebe kehrt sie nach 13 Jahren dann auch wieder in die Schweiz zurück. Die Anfänge in der Heimat sind schwierig. Die Psychiatrie holt sie ein – «wieder wurde ich auf meine Diagnose reduziert». Sibylle kämpft für ein selbstbestimmtes Leben. Erfolgreich. Schritt für Schritt fasst sie wieder Fuss. Sie hat wieder Hoffnung – und dank einer Weiterbildung im Psychiatrie-Bereich auch eine Zukunftsperspektive. 

Seit bald 20 Jahren ist sie nun frei von Drogen. Sie hat den Ausstieg geschafft. Dafür ist sie dankbar – und längst auch versöhnt mit ihrer Diagnose. «Dank ihr musste ich mich intensiv mit mir selbst auseinandersetzen, ohne sie wäre ich nicht, wer und wo ich heute bin.»

Unweit vom ehemaligen Platzspitz ist sie nun angestellt bei der psychiatrischen Poliklinik Zürich. Dort hilft sie Menschen, die in derselben Situation sind,  wie sie früher war. «Auch ich hätte mir damals ‹Peers›, also Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung, gewünscht, die mir Hoffnung vermittelt hätten. Sie stellen ihr Erfahrungswissen zur Verfügung und zeigen authentisch, dass es immer Perspektiven gibt.» Ihre Augen leuchten – dann verabschiedet sie sich. Sie wird in der Poliklinik gebraucht.

Text: Pia Stadler

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Caritas-Woche 2020

 

Während der Caritas-Woche Ende Januar / Anfang Februar haben Mitarbeitende von Caritas Zürich Gelegenheit, in 13 Pfarreien in insgesamt 24 Gottesdiensten über ihre Arbeit zu erzählen. Das dies-jährige Motto lautet: «Armut macht krank – Krankheit macht arm.» Die Kollekten kommen Caritas Zürich zugute.