Schwerpunkt

Arche Noah für Bücher

Immer mehr Bibliotheken bringen ihre Schätze ins Netz. Die Bedeutung der Bibliothek als physischer Ort nimmt ab. Ihre Aufgabe jedoch bleibt: Bücher als Kulturgut zu bewahren und zugänglich zu machen.

Nüchtern ist die Atmosphäre im sechsten Untergeschoss der Zentralbibliothek in der Zürcher Altstadt. Weisse Wände, industriegrün gestrichener Betonboden und Neonlicht, bewegliche Archivgestelle mit Hebelrädern zum Hin- und Herkurbeln. Es riecht nach altem Papier. «Wir sind hier unter dem Grundwasserspiegel», so Fischer. Die Klimatisierung sowie eine Gebäude­s­chale verhindere zwar das Eindringen von Feuchtigkeit, doch dass dies so bleibe, sei eine Herausforderung.

Tief im Untergrund lagert ein wertvoller Schatz: die Bücher der Bibliothek des ehema-ligen Klosters Rheinau. Von aussen wirken sie uniform: brauner Ledereinband, schlichte Beschriftung, Signatur mit Anfangsbuchstaben «R». Doch vielfältig sind die Inhalte. Die Sammlung umfasst unter anderem Messbücher, ein «Breviarium Benedictinum congregationis Bursfeldensis» von 1493, den «Malleus haereticorum» von 1580, ein Werk über die Ketzerverfolgung. Völkerkunde des 17. Jahrhunderts, Schweizer Naturgeschichte nach Scheuchzer, Sulzer und Füssli, Lehrbücher zur Biologie, Physik, Mathematik und Astronomie, aber auch die «Neue Appenzeller Chronick» von 1740 sowie ein Buch mit dem Titel «Synodus Sanctorum Helveticorum» (1656), eine protestantische Kampfschrift gegen den Katholizismus.

 

Zehn Fuhrwerke mit Büchern

Der Bestand der Klosterbibliothek Rheinau kam 1863 nach Zürich. Ein Jahr zuvor war das Kloster im Zuge der Säkularisierung aufgehoben worden. Zehn vierspännige Pferdewagen waren gemäss Überlieferung für den Transport der rund 13 000 Bücher nötig. «Die ehemalige Klosterbibliothek ist für die Zentralbibliothek ein wichtiger Bestand», sagt Fischer. Denn die Bücher seien sowohl für die Forschung wie auch für die Öffentlichkeit interessant.

Deshalb sei man auch daran, den gesamten Bestand nach und nach zu digitalisieren und die Bücher auf der Plattform e-rara zugänglich zu machen. Das Projekt startete zusammen mit weiteren Schweizer Bibliotheken im Jahr 2008. 
Damals entschied man, dass jede der am Projekt beteiligten Bibliotheken selbst, das heisst im eigenen Haus, digitalisiert.

 

5,5 Millionen Seiten gescannt

An der Zentralbibliothek Zürich (ZB ) befindet sich das Digitalisierungszentrum im Erdgeschoss. Hier ist dessen Leiter Peter Moerkerk in seinem Element. «Masse mit Klasse», so umschreibt er die Arbeitsweise seiner Abteilung. Im Digitalisierungszentrum steht ein ganzer Gerätepark an entsprechenden Scannern bereit, solche etwa für grossformatige, lose Blätter, die während des Scannens per Luftzug an die Unterlage gesaugt werden.

Für das Einlesen von gebundenen Büchern eignet sich der Scanner «Cobra». Dieser ist so konstruiert, dass man die Bücher nur bis zu 110 Grad aufschlagen muss. Nötig ist ein so konstruiertes Gerät bei sehr alten Werken, die man heute nicht mehr vollständig öffnen kann, ohne sie zu strapazieren oder gar zu schädigen.

Trotz des schwierigen Materials, mit dem sein Team arbeitet, hat im Jahr 2017 die Abteilung 1,6 Millionen Seiten gescannt, 2018 waren es 1,3 Millionen. Für die letzten fünf Jahre macht das laut Moerkerk 5,5 Millionen Seiten. Bevor ein Werk gescannt werden kann, prüft die Abteilung Bestandserhaltung, ob es konservatorisch vertret­bar ist, dass das Buch digitalisiert wird.

Immer mehr Bibliotheken bringen ihre Schätze ins Netz. Damit stehen sie weltweit zur Verfügung, sagt Urs Fischer.

Immer mehr Bibliotheken bringen ihre Schätze ins Netz. Damit stehen sie weltweit zur Verfügung, sagt Urs Fischer. Foto: Manuela Matt

Sorgfältig scannt Jitka Šebrlová in der Digitali­sierungsabteilung der Zürcher Zentralbibliothek ein wertvolles Buch.

Sorgfältig scannt Jitka Šebrlová in der Digitali­sierungsabteilung der Zürcher Zentralbibliothek ein wertvolles Buch. Foto: Manuela Matt

Blick in die neue Jesuitenbibliothek am Zürcher Hirschengraben.

Blick in die neue Jesuitenbibliothek am Zürcher Hirschengraben. Foto: Jesuitenbibliothek / zvg

Durch die Digitalisierung werden kostbare Bücher allgemein zugänglich. Im Bild ein Werk aus der Klosterbibliothek Rheinau.

Durch die Digitalisierung werden kostbare Bücher allgemein zugänglich. Im Bild ein Werk aus der Klosterbibliothek Rheinau. Foto: Manuela Matt

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Digitalisierung schont Originale

Sofern kein Schaden droht, lohnt sich das Scannen allemal, wie Chefbibliothekar Fischer ausführt: Denn jeder Forscher, der künftig das Buch mit Hilfe des Digitalisats erforscht, schont das reale Exemplar.

«Mit der Digitalisierung stehen die Bücher weltweit zur Verfügung.» Aus seiner Sicht bieten die Scans sogar noch mehr Information, als wenn man vor Ort mit dem physischen Buch arbeiten würde: Denn mit der Zoomfunktion könne man die Dateien vergrössern und Details zum Vorschein bringen. Mit dem Digitalisieren werden aber auch die Schätze aus der Klosterbibliothek, darunter wertvolle Bücher aus der sogenannten Wiegezeit des Buchdrucks, erstmals für ein breites Publikum zugänglich. Denn einfach so ausleihen kann man die wertvollen Bücher nicht.

 

Jesuiten halten an eigener Bibliothek fest

Nur wenige Hundert Meter von der ZB entfernt befindet sich am Rand des mittelalterlichen Stadtkerns das Provinzialat der Jesuiten. Seit März 2018 gibt es hier eine neue öffentliche Bibliothek. Vor einigen Jahren stellte sich allerdings auch für die Jesuiten, wie bei der ehemaligen Rheinauer Bibliothek nach der Klosteraufhebung, die Frage, ob ihre Bibliothek künftig in die ZB integriert werden soll.

Eine neue Lösung wurde nötig, weil die Sammlung sprunghaft Zuwachs erhielt: Nach dem Ende der Jesuitenzeitschrift «Orientierung» ging die umfangreiche Buchsammlung der Redaktion an die Jesuitenbibliothek, was das vorhandene Platzangebot im Provinzialat sprengte.

«Wir haben erwogen, die Bücher an die ZB abzugeben, und uns dann bewusst dagegen entschieden», sagt Christian Rutishauser, Schweizer Jesuiten-Provinzial. Denn man habe weiterhin bei den Neuanschaffungen mitreden wollen, um so die wichtigen Bücher zu bestimmen und der Sammlung weiterhin ein eigenständiges Profil zu geben. Dieses beinhaltet nebst den Jesuitika oftmals einen gebietsübergreifenden Ansatz: Religion und Gesellschaft, Glaube und Philosophie, interreligiöses Gespräch, Kunst, Kultur und Zivilgesellschaft.

Noch liegen laut Rutishauser keine Zahlen zur Nutzung vor. Die erste Statistik gebe es nach dem ersten vollen Betriebsjahr. Die Nutzung sei aber klar steigend.

In der Bibliothek gibt es acht ruhige Arbeits­plätze, an welchen man lesen und lernen kann und Zugriff auf die nicht ausleihbaren Werke, meist Lexika, hat. «Zudem kann das Personal bei der Buchrecherche behilflich sein, wenn man selbst nicht weiterkommt», sagt Rutishauser.

Regelmässig finden zudem thematische Veranstaltungen rund ums Buch statt. Dies alles trage zur Gemeinschafts- und Identitätsbildung bei, sagt Rutishauser. Denn letztlich gehe es auch um ein übergreifenderes Ziel: die theologische Bildung in der Bevölkerung zu fördern. Rutishauser ist davon überzeugt, dass man schnelles Wissen tendenziell online, die Bildung aber eher in Büchern und Begegnungen findet.

Über das Verbundsystem Nebis kann man auch auf den Katalog der Jesuitenbibliothek online zugreifen. Laut Rutishauser sind bisher knapp 80 Prozent der rund 100 000 Bände der Bibliothek online erfasst. «80 bis 90 Prozent der Bibliotheksbesucher wissen, welche Bücher sie wollen, wenn sie das Haus betreten.»

 

Digitale Ausleihen nehmen zu

Während derzeit bei den Jesuiten aber noch kein Weg am gedruckten Papier vorbeiführt, ist man bei der öffentlichen stadtzürcherischen Pestalozzi-Bibliothek (PBZ) schon einen Schritt weiter. Denn nebst deren 14 Filialen in den Quartieren gibt es seit ein paar Jahren gewissermassen eine 15. Bibliothek: eine E-Bibliothek im Internet. Über die Website der Pestalozzi-Bibliothek können Nutzer direkt von zu Hause aus e-books für eine gewisse Zeit auf ein Tablet, einen E-Book-Reader oder sonst ein Gerät laden.

Das Angebot wird gemäss Chefbibliothekar Felix Hüppi laufend grösser, pro Jahr wachse es um etwa 25 Prozent. Heute entspreche das Angebot an e-books sowie e-Zeitschriften und -Zeitungen vom Umfang her einer mittelgrossen Quartierbibliothek mit etwa 15 000 Titeln.

Parallel zum steigenden Angebot steigt auch die Nachfrage bei den Nutzern. «Wir sind im November 2013 mit rund 1000 Ausleihen pro Monat gestartet», sagt Hüppi. Dieser Wert sei kontinuierlich gestiegen. Im August 2019 verzeichnete die Pestalozzi-Bibliothek rund 13 000 elektronische Ausleihen, was bei einer Gesamtzahl von rund 230 000 ungefähr fünf Prozent entspricht.

Diese fünf Prozent seien das statistisch belegbare Minimum. Dass viele Nutzer auch über Datenbanken Zeitschriften und Zeitungen artikelweise nutzten, sei derzeit schwierig in die bisherige Zählung zu integrieren. Man sei aber daran, zusammen mit dem Bundesamt für Statistik die Erhebung zu überarbeiten.

Hüppi geht aufgrund der Beobachtung des US-amerikanischen Buchmarkts davon aus, dass sich Angebot und Nutzung in der Pestalozzi-Bibliothek dereinst auf einen fixen Wert einpendeln werden. Laut Hüppi werden in den USA auf dem Buchmarkt inzwischen ein Viertel bis ein Drittel der Publikationen digital gekauft, der weit grössere Teil immer noch physisch.

 

Schnell verfügbar einerseits – langlebig andererseits

Bereits ein deutlich höherer Anteil an digitalen Publikationen ist an der ZB greifbar. Die zunehmende Bedeutung elektronischer Titel lässt sich an den Beschaffungskosten ablesen: Derzeit liegt das Verhältnis laut ZB-Sprecherin Natascha Branscheidt bei 2:1, das heisst, die Ausgaben für elektronische Publikationen sind heute bereits halb so gross wie jene für gedruckte. Im Jahr 2012 hatte die ZB von rund 7 Millionen Franken erst 2 Millionen für elektronische Medien ausgegeben.

Der grosse Vorteil der digitalen Medien ist ihre rasche Zugänglichkeit über das Internet. Doch wie sieht es mit der Langzeitspeicherung von Texten aus, die dauerhaft bestehen bleiben sollen? Auf den zweiten Blick sind die Probleme grösser, als die leichte Handhabung elektronischer Daten zunächst suggeriert. Denn spätestens, wenn Dateiformate im Lauf der Jahrzehnte abgelöst und schliesslich nicht mehr unterstützt werden, wird ein Umkopierprozess nötig.

Gut möglich, dass in ein paar Jahren die derzeit gängigen Dateiformate TIFF, PDF und Archiv-jpg nicht mehr aktuell sind. «Es braucht Warnsysteme, die rechtzeitig melden, wenn Speicherformate an Gültigkeit verlieren», sagt Chefbibliothekar Fischer.

Dem gegenüber ist Papier vergleichsweise langlebig, selbst wenn Holzwürmer buchstäblich punktuell der Substanz zusetzen: Mit einer Lebensdauer von in der Regel mehr als 1000 Jahren gehört es zu den haltbarsten Speichermedien überhaupt.

Text: Ueli Abt, kath.ch