Im Züripiet dihei

Café Med: «Wir haben Zeit»

Manche Fragen gehen im hektischen Gesundheitswesen unter – und beschäftigen dann umso mehr. Im Café Med, dem Projekt der Akademie für Menschenmedizin, gibt es dafür Zeit und Raum.

Die erste Patientin wartet schon an einem der schmalen Tische des Cafés «Chez Marion» am Zähringerplatz. Ausgestattet mit Mäppli und nummeriertem, farbigem Zettel auf dem Tisch, schaut sie umher – und ist dabei nicht die Einzige. Denn an diesem Montagnachmittag finden sich im Kaffee mehrere Zweiergrüppchen, die tief ins Gespräch vertieft sind. Rund 10 Fachpersonen aus Medizin, Psychologie und Sozialarbeit sind es heute, die sich mit den 20 bis 30 Anwesenden in Einzelgesprächen an die vielen goldenen Tische setzen, wobei die Fachleute von einem Gespräch zum anderen rotieren – ein stressfreies Speeddating! Die behaglich-roten Stühle um die goldbraunen Tische, der Geruch von Kaffee und das leise Scheppern von Geschirr aus der Küche bieten dabei den Raum für Gespräche, welche sonst nur in steril-weissen Spitälern und Beratungszimmern stattfinden. Die Entscheidungshilfe ist hier gratis – bezahlt wird nur der Kaffee.

«Manche Leute brauchen Zeit, um formulieren zu können, wo ihr Unbehagen liegt», sagt Brida von Castelberg, Gynäkologin und ehemalige Triemli-Chefärztin. Sie erklärt: «Zu uns kommen Leute mit sehr konkreten Anliegen, die nicht genau wissen, wie sie sich entscheiden sollen. Soll ich diese Operation machen? Soll ich dieses Medikament wirklich nehmen? Solche Fragen.» Ausserdem betont sie, dass auch sehr viel Fragwürdiges empfohlen wird, was die Leute noch mehr verunsichert. Sie sehe unnötige Operationen, mangelnde Aufklärung über Alternativen und zu wenig Zeit, die sich die Fachleute in den Spitälern für ihre Patientinnen und Patienten nehmen können. Und für manche Fragen brauche es einfach Zeit, bis sie sich zeigen und gestellt würden. Genau dies bietet das Café Med an, denn die freiwillig engagierten Ärztinnen und Ärzte sind meist pensioniert und besitzen somit Zeit und Erfahrung. Auch für Patientinnen und Patienten, die nach einer Untersuchung Fakten vorliegen sehen, diese aber nicht verstehen würden, sind die Fachleute im Café Med da. «Viele Leute besitzen eine Schwellenangst und trauen sich im richtigen Moment nicht, dem Arzt alle ihre Fragen zu stellen», wie von Castelberg erklärt. Für solche Fragen seien sie da.

 

Im Bistro Chez Marion finden Menschen mit medizinischen Fragen unkompliziert Entscheidungshilfe.

Im Bistro Chez Marion finden Menschen mit medizinischen Fragen unkompliziert Entscheidungshilfe. Foto: Christoph Wider, forum

Annina Hess, Café-Med-Initiantin und klinische Psychotherapeutin, im Gespräch.

Annina Hess, Café-Med-Initiantin und klinische Psychotherapeutin, im Gespräch. Foto: Christoph Wider, forum

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Das Projekt Café Med hat Annina Hess, klinische Psychotherapeutin, gemeinsam mit ihrem Mann, dem Internisten Christian Hess, und Brida von Castelberg vor zweieinhalb Jahren in Zürich lanciert. Die Idee für das Kaffee hatte Annina Hess schon früher, sie entstand in einer Beiz, die sie gemeinsam mit Christian Hess im Rahmen eines Projektes für Männerhäuser führte: «Ich habe dort erlebt, dass die Leute immer mit ihren Medizingeschichten bis zwei Uhr nachts sitzen blieben.» Durch die Einführung der Fallpauschale habe sich zudem die Indikationsqualität verschlechtert. Das heisst, die vorgeschlagene Behandlung oder Intervention kann auch mal suboptimal sein. So entschieden sie sich, das Café Med zu initiieren. Entscheidungshilfe sollte unabhängig und für alle vorhanden sein! Seitdem hat sich einiges verändert. Nach Zürich folgten Café Meds in Luzern, Winterthur und neuestens auch Basel. Die Nachfrage ist da und wächst, was auch die gänzlich positiven Reaktionen auf das Café Med bestärken.

Auch wenn die Beratung hier niederschwellig und unkompliziert ist, so hat sie doch auch ihre Grenzen: «Wir behandeln nicht, dokumentieren nicht und stellen keine Rezepte aus. Wir zeigen Wege auf, hören zu und helfen bei Entscheidungen», so von Castelberg. Dabei sind gleichzeitig Fachpersonen aus den unterschiedlichsten Disziplinen anwesend. Das Wissen reicht von allgemeiner Medizin, Chirurgie über Gynäkologie und Onkologie bis hin zur Psychotherapie und Sozialarbeit. Diese fachliche Vielfalt empfindet auch Brida von Castelberg als grossen Vorteil: «Wenn ich mit jemandem im Gespräch bin und denke, das sei eher ein psychologisches Problem, hole ich dann kurz die andere Fachperson dazu.» Was also normalerweise über eine Verschreibung, Terminaushandlung und verlängerte Wartezeit verläuft, geschieht hier über Kaffee und Kuchen hinweg.

Das Gespräch ist zu Ende. Der Arzt verabschiedet sich freundlich von der Patientin und geht ruhig und gut gelaunt zum Pult, das direkt beim Eingang des Kaffees als Rezeption dient. «Café Med. Entscheidungshilfe für alle. Kostenlos.» steht gross auf einem gelben Schild. Davor warten schon die nächsten Gäste auf ihr Gespräch…

Text: Luana Nava, freie Mitarbeiterin

Angebot laufend

Zweimal im Monat bieten Fachpersonen aus Medizin, Psychologie und Sozialarbeit im Café Med Entscheidungshilfe für Patien-tinnen und Patienten an – kostenlos und auf freiwilliger Basis. Getragen wird das Projekt von der Akademie für Menschenmedizin, einem finanziell und konfessionell unabhängigen gemeinnützigen Verein. 

 

Café Med, jeden 2. und 4. Montag im Monat, 15.00 – 18.00 Uhr, im Bistro Chez Marion, Zähringerplatz 17, Zürich, www.menschenmedizin.com