Glauben heute

Der Gast ohne Hochzeitskleid

Letztes Jahr heiratete der älteste Bruder meines Mannes in seiner Heimat Nigeria. Was auf den Hochzeitsbildern auffällt: Alle Brüder tragen als Gäste traditionelle Gewänder aus gleichem Stoff und gleicher Farbe. Damit drücken sie die Zugehörigkeit zur Familie aus. In reichen Familien kann es sogar sein, dass sehr viel Stoff gekauft wird. Alle Gäste sollen sich massgeschneiderte Gewänder im Partnerlook anfertigen lassen.

Diese Tradition gibt es nicht nur in afrikanischen Kulturen. Vermutlich war es auch zur Zeit von Jesus in reichen Familien üblich, den Gästen Hochzeitsgewänder zu spendieren. Das Gleichnis nun, das Jesus erzählt, handelt sogar von der Hochzeit eines Königs. Der hatte wohl genügend Festgewänder parat!

Die Erzählung vom Gast, der hinausgeworfen wird, weil er kein Hochzeitskleid hatte, ist eingebettet in eine grössere Geschichte: Ein König bereitet für seinen Sohn das Hochzeitsfest vor. Aber: Alle reichen Gäste sagen ab. Manche töten sogar die Boten, die die Einladung bringen. Der König rächt diese Taten, indem er Leute von den Strassen einlädt. Sie kommen – und einer von ihnen trägt kein entsprechendes Gewand. Man muss davon ausgehen, dass es nicht die Armut war, derentwegen der Hinausgeworfene kein Gewand anhatte. Die Diener schenkten ihm wohl eines, er aber wollte es trotzdem nicht anziehen. Er verhielt sich undankbar und unhöflich.

Das Verhalten lässt sich aber auch tiefer und geistlich deuten. Auf dieser spirituellen Ebene kann ich persönlich mehr mit dem Text anfangen: Der König bietet allen Menschen ein Hochzeitsgewand an. So ist Gott. Allen Menschen bietet er ein neues, sauberes Lebens-Gewand an, indem Gott vergibt und Neuanfänge möglich macht. Das kostbare Hochzeitsgewand wäre dann wie «der neue Mensch», den wir anziehen dürfen.

Wir erfahren unverdiente Gnade, aber wir müssen unsererseits den Schritt machen und das Kleid auch anziehen. Unter den Gästen jedenfalls hatte es offenbar solche, die das nicht taten – die also lieber der alte, unerlöste Mensch bleiben wollten. Sie wollen nur das tolle Fest, ohne die Umkehr zu Gott.

Zu bedenken ist, dass wir Gott nicht völlig mit dem König gleichsetzen dürfen. Es geht nur um einige Aspekte seines Handelns, die auf das Gottesbild übertragbar sind. Und unbedingt ergänzt werden muss, was wir aus der gesamten Botschaft Jesu in den Evangelien ableiten dürfen: Gott ist kein gewalttätiger König, sondern bietet uns jeden Tag das neue Gewand an. Er lädt uns zu sich ein.

Text: Michaele Madu, Pastoralassistentin Katholische Pfarrei Volketswil