Schlusstakt

Aktueller als gedacht

Fastenzeit – was in vielen katholischen Ohren so verstaubt klingt, hat neue Aktualität gewonnen. 

Bewusste Ernährung, Verzicht auf zu viel Fleisch, Heilfasten, Konsum zurückfahren – das sind Schlagworte, die nicht zuletzt dank der Klima-Jugend wieder sehr präsent geworden sind. Fasten, das ist aber auch zutiefst bib-lische und kirchliche Tradition, die wir im Christentum selbst etwas vergessen haben. Worum geht es?

In den romanischen Sprachen heisst «Fastenzeit» nüchtern «Die 40 Tage». Tatsächlich hat Jesus in den 40 Tagen, die er nach seiner Taufe in der Wüste verbracht hat, gefastet. Und er wurde dort vor allem auch in Versuchung geführt. Versucht wurde er in der Gier besitzen zu wollen, versucht auch darin, gross von Gott zu reden und dennoch die Welt und das eigene Leben selbst im Griff haben zu wollen. Und versucht wurde Jesus, sich an Dinge zu ketten, die vorgeben, uns frei zu machen, aber uns letztlich die Würde rauben. Fasten befreit. Fasten macht offen für anderes und ermöglicht Erfahrungen, die wir sonst nicht kennen.

In der Fastenzeit nicht nur den Verzicht betonen, sondern unserem Leben eine andere Perspektive geben: Dazu kann uns die Bezeichnung «Die 40 Tage» verhelfen. Sie erinnert an den 40-jährigen Auszug des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten. Natürlich braucht es dazu die Anstrengung des Menschen, etwa von Moses und seinem Bruder Aaron. Die eigentliche Befreiung kommt aber von Gott, der sein Volk ins verheissene Land führt.

Diese Perspektive lässt uns an Ostern nicht verzweifeln, weil wir es wieder nicht geschafft haben, zu besseren Menschen und zu einer besseren Kirche zu werden. Diese österliche Perspektive erlaubt es uns vielmehr, hoffend vorwärtszugehen und uns in der Fastenzeit mutig den Versuchungen von Grössenwahn, Besitzdenken und Resignation zu stellen. Eine solche Perspektive führt zu mehr Gelassenheit. Einer Gelassenheit, die von Gott her denkt und sich einsetzt. Mit dieser weisen Tradition sind wir als Kirche aktueller, als wir vielleicht glauben. 

Text: Abt Urban Federer

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Der 1968 geborene und in Zürich aufgewachsene Urban Federer ist seit 2013 Vorsteher der Benediktinerabtei Einsiedeln. Im Paulusverlag ist von ihm eine Sammlung mit Meditationen zum Kirchenjahr unter dem Titel «Quellen der Gottesfreundschaft» erschienen.

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Das Bild zeigt die Tauf- und Beichtkirche in Einsiedeln. Ein barocker und dennoch schlichter Raum, der mit seiner Konzentration auf das Wesentliche eine österliche Perspektive eröffnen kann.